Ein Märchen aus Bangladesch

Mikrokredite gelten seit einigen Jahren als probates Mittel zur Bekämpfung der Armut, vor allem in den so genannten Ländern der Dritten Welt. 2006 erhielt Muhammad Yunus, der Gründer der größten Mikrokredit-Institution, der Grameen Bank aus Bangladesch, sogar den Friedensnobelpreis. Doch die Kritik an dem Geschäft mit den Mikrokrediten wächst.

Von Gerhard Klas
Der Friedenspreisträger präsentiert sich gerne in prophetischen Gesten. Doch seine Wunderlampe beginnt zu rußen.

Gefördert wurde Yunus auf seinem Weg zum Ruhm von der Weltbank, der US-amerikanischen Entwicklungsagentur USAID und der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Bangladesch ist nicht einmal doppelt so groß wie Österreich und hat über 160 Millionen EinwohnerInnen. Die meisten leben von der Landwirtschaft. Beinahe ein Fünftel von ihnen – 30 Millionen – sind Kunden und Kundinnen bei einer Mikrofinanzinstitution. Mehr Menschen als irgendwo sonst auf der Welt.

„Laut einer internen Erhebung der Grameen Bank“, so Muhammad Yunus in seinem Buch „Die Armut besiegen“, hätten „64 Prozent der Kreditnehmerinnen, die fünf oder mehr Jahre von uns betreut wurden, die Armutsgrenze hinter sich gelassen.“ Dennoch sinkt in Bangladesch der Stern des Mikrokredits.

Roshida Khatoom, Kleinbäuerin im Distrikt Manikganj, wünscht sich, die Mikrokredite hätte es nie gegeben. Das erste Kleindarlehen besorgte sich die Mutter dreier Töchter 1988 bei der Grameen Bank, nachdem eine Flut ihre Ernte vernichtet hatte. Doch ihr Mann und sie schafften es nicht, die wöchentlichen Raten zu bezahlen. Roshida Kathoom schuldete um, lieh Geld bei Nachbarn, nahm weitere Kredite bei anderen Anbietern auf. Seitdem kam die heute 38-Jährige nicht mehr aus der Schuldenspirale heraus. Als eines Tages Mitarbeiter der Grameen Bank auf ihren Motorrädern vorfuhren und sie wegen der säumigen Raten bedrohten, ging ihr Mann zu den Verleihern im Dorf, die über 100 Prozent Zinsen verlangen. Schließlich musste das Ehepaar noch die Hälfte seines Ackers verkaufen – ein Viertel Hektar, auf dem die beiden Bohnen, Guaven, Kokosnüsse und Papayas anbauten.

Heute lebt Roshida Khatoom allein mit ihrer jüngsten, 14-jährigen Tochter in einer kleinen Hütte. An der Wand hängt ein Bild ihres Mannes. Er ist vor zwei Jahren an Nierenversagen gestorben. Ihre zwei älteren Töchter sind verheiratet und leben bei ihren Männern. „Mein Mann ist wegen dieser Schulden gestorben“, klagt die Witwe. Der ewige Stress wegen des Geldes, so fügt sie hinzu, habe seine Genesung verhindert. Unter Tränen berichtet sie über das Schicksal ihrer Tochter. „Sie muss jetzt auf dem Feld arbeiten und helfen, die Schulden abzubezahlen, während andere Mädchen in ihrem Alter die Schule besuchen können.“

Anu Muhammad, Leiter der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Jahangirnagar Universität in der Nähe der Hauptstadt Dhaka, hält – anders als die Grameen Bank-Betreiber – Mikrokredite nicht für ein geeignetes Mittel, die Armut zu bekämpfen. „Unsere Studien und die anderer Wissenschaftler haben ergeben, dass nur 5-10 Prozent der Kreditnehmer von den Mikrokrediten profitiert haben“, so der Ökonom. Das seien vor allem diejenigen, denen noch andere Einkommensquellen zur Verfügung stünden, also nicht die Ärmsten der Armen. „Sie landen in der Schuldenfalle“, stellt Anu Muhammad fest.

Roshida Khatoom ist keine Ausnahme. In einem Wolkenkratzer im Herzen von Dhaka residiert die 2006 ins Leben gerufene Mikrokredit-Aufsichtsbehörde. Lila Rashid, die Direktorin, hat die staatliche Behörde mit aufgebaut. Sie hat in den USA Wirtschaftswissenschaften studiert und vorher für die Zentralbank in Bangladesch gearbeitet. Ihre Behörde erteilt Lizenzen für Mikrofinanzorganisationen. Seit 2006 haben sich mehr als 4.000 Nichtregierungsorganisationen um eine Lizenz beworben. 500 hat die Behörde seitdem erteilt, 500 abgelehnt, die anderen werden noch geprüft. Lila Rashid ist davon überzeugt, dass Mikrokredite grundsätzlich etwas Gutes sind und den Armen helfen, indem sie durch Kleinstkredite in den Markt integriert werden. Aber auch sie sieht Probleme – nicht nur wegen der 20 bis 40 Prozent Zinsen, die KreditnehmerInnen zahlen müssen.

„Viele Nichtregierungsorganisationen haben ihr Programm umgestellt, nämlich von anderen sozialen Aktivitäten auf Mikrokredite“, beschreibt sie die Entwicklungen der letzten Jahre. Die große Konkurrenz unter den Mikrofinanzorganisationen und Banken wie der Grameen Bank entwickelt eine Eigendynamik, der jedes Unternehmen in einer Marktwirtschaft unterworfen ist: Das Geld darf nicht ruhen, es muss immer in Umlauf bleiben, damit die Mikrofinanzinstitution konkurrenzfähig bleibt. Die Folgen schildert Lila Rashid: „Vor einigen Jahren waren es noch 40 Prozent der Kreditnehmer, die bei mehr als einer Mikrofinanzinstitution verschuldet waren. Heute sind es schon 70 Prozent. Das macht uns wirklich Sorgen.“

Umgerechnet etwa 2,4 Milliarden Euro sind derzeit in Bangladesch als Mikrokredite in Umlauf. Und die Geldmenge erhöht sich ständig, da auch internationale Investoren das Geschäft mit den Kleinstkrediten entdeckt haben. BRAC, die Konkurrenz der Grameen-Bank, finanziert sich hauptsächlich über Investoren. Sie leiht sich unter anderem Geld bei der ehemaligen britischen Kolonialbank Standard Chartered. Die Citibank und die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau haben 2006 Forderungen von BRAC an die KreditnehmerInnen verbrieft, das heißt sie haben so genannte „forderungsgedeckte Wertpapiere“ ausgegeben. Allein diese Verbriefung hat ein Gesamtvolumen von 150 Millionen Euro. Für die internationalen Banken sind das Peanuts, aber es ist viel Geld für BRAC: Knapp zwei Millionen weitere Mikrokredite, die verteilt werden können.

„Die Grameen Bank hat bewiesen, dass die Armen ein großer Markt für das Geschäft mit den Mikrokrediten sind – das ist ein wichtiges Signal für das Finanzkapital in aller Welt“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Anu Muhammad.

Die Grameen Bank hat in Bangladesch einen Sonderstatus. Sie untersteht nicht der Regulierungsbehörde. Auf Betreiben ihres Gründers Muhammad Yunus verabschiedete die Regierung in Dhaka bereits 1983 ein maßgeschneidertes Grameen-Gesetz. Damals herrschte in Bangladesch eine Militärdiktatur. Im Gegensatz zu den anderen Mikrokredit-NGOs darf die Grameen-Bank z.B. freiwillige Spareinlagen von Dritten einsammeln. Vor allem die Ober- und Mittelschicht in Bangladesch hat auf diesem Wege umgerechnet eine Milliarde Euro in die Grameen Bank gesteckt. Alle, einschließlich der Grameen-Bank, müssen keine Steuern auf ihre Zinsgewinne bezahlen. Schließlich, so heißt es, handle es sich um soziale Unternehmen.

Eine Obergrenze für die Zinssätze der Mikrokreditinstitutionen, wie sie die Regulierungsbehörde gerne definieren würde, wäre nur gegen den Widerstand internationaler Finanzinstitutionen wie der Weltbank durchzusetzen. „Zinsobergrenzen sind keine Lösung“, heißt es in einer Expertise der Weltbanktochter ADB von 2006, „sie verursachen Verluste für die Gläubiger und schrecken potenzielle Investoren ab, die die Mikrofinanzindustrie unterstützen wollen.“ Denn viele Mikrofinanzinstitutionen in Südasien finanzieren sich mittlerweile aus Fonds internationaler Großbanken, die ihren Anlegern eine ansehnliche Rendite versprechen. Auf 250 Milliarden Dollar weltweit schätzt die Deutsche Bank Research das potenzielle Geschäftsvolumen für Mikrokredite.

Der Wirtschaftswissenschaftler Anu Muhammad sieht ein grundsätzliches Problem der Mikrokredite – egal ob kommerziell oder auf Non-Profit-Basis: Es werde „vorausgesetzt, dass alle Bedingungen – also die Natur, die Familiensituation, die Gesundheit, das ganze Umfeld und natürlich der Markt immer konstant und vorteilhaft bleiben“. Das ist ein völlig unrealistisches Szenario, ganz besonders in Bangladesch, das regelmäßig von Überschwemmungen und Zyklonen heimgesucht wird. Jeder Schuldner, jede Schuldnerin der Grameen Bank muss zwar seit Ende der 1990er Jahre mit der Aufnahme eines Kredites eine Risikolebensversicherung abschließen. Sie dient allerdings nicht dazu, die Familie beim Tode der Kreditnehmerin gegen wirtschaftliche Nöte abzusichern, sondern in fast allen Fällen dazu, den Ausfall der Ratenzahlungen zu refinanzieren. Und steigert zusätzlich zu den hohen Zinssätzen die Kosten des Kredits. Kranken-, Alters- oder Unfallversicherungen gibt es für die Armen in Bangladesch nach wie vor nicht.


Gerhard Klas arbeitet als Journalist und Autor für Tageszeitungen, Fachmagazine und vor allem für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Im Frühjahr reiste er – ohne Begleitung durch die Grameen-Bank – mehrere Wochen durch Bangladesch. 2011 erscheint sein Buch „Die Mikro-Finanzindustrie – Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut“ im Verlag Assoziation A.

Vgl. auch die Besprechung des Buches „Social Business“ von Muhammad Yunus auf S. 38f.
Wir brachten bereits im SWM 5/2007 eine harsche Kritik der Grameen Bank von Khorshed Alam aus Bangladesch – damals ernteten wir Unverständnis.

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