Ein Menschenleben pro Woche

Bangka, eine entlegene Insel mitten im indonesischen Archipel, knapp größer als Zypern, beherbergt bedeutende Vorkommen von Zinn, einem der derzeit wertvollsten Metalle. Das einstige Tropenparadies verwandelt sich zusehends in eine Hölle auf Erden.
Matteo Fagotto (Text) und Matilde Gattoni (Fotos)

Weitaus einträglicher als die Fischerei: Bis zu 15 US-Dollar verdient ein Arbeiter an einem Arbeitstag in der Zinnproduktion.

Bangka liegt unmittelbar vor der Ostküste Sumatras und zählt etwa eine Million EinwohnerInnen. Die Insel deckt rund 30 Prozent der Weltnachfrage nach Zinn, einem Metall, das in verschiedensten Produkten wie z.B. Kfz-Komponenten, Dosen oder Tellern verwendet wird. Rund die Hälfte wird zu Lötmetallen (Weichloten) verarbeitet, unabdingbar für die Schaltkreise und Komponenten von Smartphones, Laptops und Tablet-Computern, den Massenprodukten des digitalen Zeitalters. Mehr als eine Milliarde Smartphones und 184 Millionen Tablets wurden allein im letzten Jahr hergestellt. Der Zinnpreis vervierfachte sich in den letzten zehn Jahren von 5 auf derzeit ca. 22 US-Dollar pro Kilo, mit einem Zwischenhoch von 32 Dollar in 2011. Bangka stillt den Hunger der Welt nach elektronischen Produkten – aber der Zinnabbau verwandelt die einst paradiesische Insel in eine Hölle auf Erden.

Bangka ist zu einem gigantischen Bergwerk geworden. Wo sich früher unberührte tropische Wälder ausdehnten, erstreckt sich heute eine Mondlandschaft, übersät mit tausenden Kratern und verseucht durch Säuren und Schwermetalle. Was vom Wald noch übrig ist, wird von immer neuen Abbaustandorten dezimiert; die erschöpften Lagerstätten bleiben wie klaffende Wunden zurück.

Die konzessionierten Bergbauunternehmen sind zwar zu Sanierungsmaßnahmen verpflichtet, aber wohin man auch fährt, überall stößt man auf ehemalige Abbauflächen, die offensichtlich ohne jede Rekultivierung ihrem Schicksal überlassen wurden.

Mühsame Handarbeit unter gefährlichen Bedingungen. ArbeiterInnen suchen den Meeresgrund mit Bambusrohren nach dem wertvollen Metall ab.

An der Küste erfolgt der Abbau sogar noch rücksichtsloser. Hier wird das Zinnerz von einer Flotte von Saugbaggerschiffen und von hunderten selbst gebastelten Ponton-Flößen aus vom Meeresboden geholt; was übrig bleibt, wird einfach wieder ins Wasser geworfen. Der Abraum hat mittlerweile 30 bis 60 Prozent der lokalen Korallenriffe zerstört, die Fischbestände wurden weit hinaus ins Meer getrieben, so das Ergebnis einer aktuellen Studie der University of Bangka-Belitung; auch die lokale Tourismusbranche leidet darunter.

2001 wurde der Bergbau liberalisiert; was dann folgte, war seine „Informalisierung“: Zehntausende Menschen beteiligten sich auf eigene Faust am Geschäft. Nach Angaben der Abteilung Bergbau und Energie der Provinzregierung sind 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung von Bangka im Bergbau tätig. Der Großteil arbeitet in illegalen Tagebaugebieten, die sich bis zum Horizont erstrecken, oft auch mitten in Waldschutzgebieten. Hier ist Kinderarbeit an der Tagesordnung; Verletzungen und tödliche Unfälle sind häufig. Im Schnitt fordert der Bergbau in Bangka ein Menschenleben pro Woche, sagt die lokale Umweltorganisation Walhi.

Der Zinnabbau in Bangka geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Unter der holländischen Kolonialherrschaft wurden chinesische ArbeiterInnen importiert, um das Zinnerz aus dem Boden zu holen. Seit damals steckt die Bevölkerung der Insel in einer grausamen Zwickmühle: Der Zinnabbau hat zwar die Wirtschaft angekurbelt, tausenden Familien einen Lebensunterhalt ermöglicht und Investitionen in Handelsunternehmen, Hotellerie und Gastronomie begünstigt, zerstört aber gleichzeitig die Zukunft der Insel.

90 Prozent der indonesischen Zinnproduktion stammen von den 40 Unternehmen, die in Bangka aktiv sind. 95% davon werden exportiert, nach China, Europa oder in andere asiatische Länder. Es ist praktisch unmöglich, den Ursprungsort des Zinns herauszufinden. Dennoch kann die Umweltorganisation Friends of the Earth auf Erfolge verweisen: Seit sie eine Kampagne gestartet hat, um die Mobiltelefonhersteller dazu zu bringen, ihre Verantwortung für die Umweltsituation in Bangka wahrzunehmen, haben sieben Unternehmen (Apple, Blackberry, LG Electronics, Motorola Mobility, Nokia, Samsung und Sony Mobile) eingeräumt, dass in ihren Produkten Zinn aus Bangka verwendet wird, und versprochen, für mehr soziale Verantwortung und Umweltbewusstsein in der Zinn-Lieferkette zu sorgen.

Die Behörden auf der Insel selbst geben zu, dass es schwierig sein wird, den illegalen Abbau abzustellen – und dass die Insel noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte unter den Folgen der Umweltzerstörung zu leiden haben wird.

Matteo Fagotto arbeitet als freier Journalist mit den Themenschwerpunkten Menschenrechte und Soziales. Seine Reportagen aus Afrika, Asien und dem Mittleren Osten sind unter anderem bereits in TIME, The Guardian und Die Zeit erschienen.

Matilde Gattoni ist Fotografin mit langjähriger internationaler Erfahrung. Ihre Arbeiten beschäftigen sich u.a. mit Wasser und damit zusammenhängenden Konflikten, Krieg, Naturkatastrophen etc. Ihre Bilder wurden u.a in der New York Times, Der Spiegel, Die Zeit sowie Foreign Policy veröffentlicht.

matildegattoni.photoshelter.com/about/

Übertragung ins Deutsche: Robert Poth.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen