Ein neues Nigeria

Die Präsidentschaftswahlen in Nigeria bringen einen Machtwechsel. Was der Wahlsieg von Muhammadu Buhari für das Land bedeutet, erörtert Dominic Johnson.

Farbenfrohes Feiern: Ein Anhänger von Muhammadu Buhari freut sich über den Wahlsieg.

Vor einigen Monaten ging eine wirtschaftliche Sensationsmeldung durch Afrika: Nigeria hatte sein Bruttoinlandsprodukt neu berechnet und war mit diesen Daten erstmals an Südafrika vorbeigezogen, um die größte Volkswirtschaft des Kontinents zu werden. Jetzt ist auf die wirtschaftliche Sensation eine politische gefolgt: Nigeria hat seine Politik neu ausgerichtet und ist dabei, dank seines ersten demokratischen und zugleich friedlichen Machtwechsels Südafrika als politisches Vorbild auf dem Kontinent zu überholen.

Der Weg für Nigeria, die führende Nation Afrikas zu werden, steht weit offen. Muhammadu Buhari, der am 29. Mai das Amt des Präsidenten übernehmen soll, hat einen Triumph hingelegt, der ihn bescheiden und willensstark zugleich aussehen lässt. Immer wieder hatte der mittlerweile 72-Jährige vergeblich versucht, die politische Hegemonie der People’s Democratic Party (PDP) im Nigeria des 21. Jahrhunderts zu brechen. Doch Buhari, ein ehemaliger Militärdiktator, biss sich bisher an jenem politischen und wirtschaftlichen Machtgefüge die Zähne aus, das Nigeria 1998-99 die Überwindung der Militärdiktatur ermöglicht hatte. Nun aber hat die PDP abgewirtschaftet, ihr letzter Präsident Goodluck Jonathan stand für eine Mischung von Vetternwirtschaft und Inkompetenz, und Buhari kann als integrer Retter in der Not triumphieren: ein stahlharter Kommandant, ein asketischer Führer, ein jeglichen Versuchungen entrückter Reformer, ein kluger Allianzenbauer – in diesen Rollen will er Nigeria wieder aufrichten und dem mit 180 Millionen Menschen mit Abstand bevölkerungsreichstem Land Afrikas seiner „wahren Größe“ zuführen.

Weiße Weste. Man kann Buhari vieles vorwerfen, vor allem aus seiner Vergangenheit in der Zeit als durchaus brutaler Diktator zwischen 1983 und 1985. Aber: Er hat sich als einziger Diktator der nigerianischen Geschichte nicht selbst im Amt bereichert, und er hat seit dem Ende der Diktatur die demokratischen Spielregeln nicht nur mitgespielt, sondern sich zu ihrem Advokaten gemacht.

Einige Führungsfiguren der PDP unter Jonathan wären zu allen möglichen Manipulationen und Machtspielen bereit gewesen, um eine Niederlage an der Urne gegen Buhari zu verhindern – bis hin zu einem neuen Putsch.

Nigerias klassischer Trick, die Wählerinnen und Wähler zwar brav zum Wahllokal antreten zu lassen, die Wahlzettel dann aber zu stehlen und woanders ausfüllen zu lassen oder gar ganz andere Wahlzettel zur Zählung zu bringen als die aus der Wahlurne, kam durch das mutige Beharren der Wahlkommission INEC auf demokratische Spielregeln und penible Wählerüberprüfung dieses Mal nicht zum Zug. Wahlkommissionschef Attahiru Jega, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ, war der wahre Star der nigerianischen Wahl 2015. Buharis APC (All Progressive Congress) stand hinter Jega und seiner strengen Interpretation der Regeln. Es wäre in den Nächten nach dem Wahltag des 28. März einfach gewesen für Scharfmacher in der PDP, die Wahl zu stehlen, ähnlich wie es die Sozialisten von Laurent Gbagbo in der Elfenbeinküste 2010/11 gemacht haben. Die PDP hätte sich im Glauben, man stehe für das „Gute“, über alle Gesetze und über den Wählerwillen hinwegsetzen – und Nigeria damit in einen Krieg stürzen können, gegen den alle anderen Konflikte Afrikas winzig aussehen würden. Aber die INEC bewies Rückgrat, und Jonathan bewies schließlich Weisheit und Großmut, als er seine Wahlniederlage eingestand und dem Sieger gratulierte.

Vertrauensvorschuss. Nun muss Buhari beweisen, dass er auch liefern kann. Er hat drei Millionen zusätzliche Jobs im Jahr versprochen – das Mindeste, um die ungestüm wachsende nigerianische Bevölkerung im Wirtschaftswachstum mitzunehmen. Er will Stromversorgung und Sicherheit bieten – keine leichte Herausforderung in einem Land der bröckelnden Infrastruktur und des angesichts des Terrors von Boko Haram immer wieder zurückweichenden Militärs.

Buhari will aus Nigeria ein normales Land machen. Das wollen auch die Menschen in Nigeria, und zwar auch die, die gegen Buhari gestimmt haben. Nichts nervt Nigeria insgesamt in seinem Selbstbild mehr als das selbstverschuldete Image eines Gangsterstaates voller Gauner, dem niemand in Afrika und erst recht sonst wo auf der Welt Vertrauen entgegenbringt. Buharis Wahl war ein großer Vertrauensvorschuss der Nigerianerinnen und Nigerianer in eine neue Politik. Man kann nur hoffen, dass nicht gleich die Enttäuschung folgt.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur und Leiter des Auslandsressorts der deutschen Tageszeitung „taz“.

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