Ein Plädoyer für paradoxe Antworten

Was hat die Kürzung von Schulstunden mit Entwicklungspolitik zu tun?

Von Martin Jäggle
Mit Beginn dieses Schuljahres ist sie nun Wirklichkeit geworden: die aus Einsparungsgründen verordnete Kürzung der Unterrichtsstunden, aufbereitet mit internationalen Vergleichsdaten von einer angeblichen überdurchschnittlichen Unterrichtsbelastung der österreichischen Schuljugend. So manches mühsam erarbeitete Schulprofil ist dabei zerronnen wie ein Schneemann in der Frühlingsssonne. Zur Förderung der Motivation des pädagogischen Personals hat dies alles auch nicht beigetragen. So werden sich viele mit 30. November auch trotz erheblicher Einbußen in die Frühpension verabschieden.
Aber nicht nur aus der Sicht der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit und dem Gedanken des globalen Lernens stellt sich die Frage, ob der Mainstream der Schulprofilarbeit nicht immer schon in eine Sackgasse unterwegs war. Jetzt ist sie halt schmerzhaft sichtbar geworden. Eine weitere Fremdsprache und ein neues Fach hier, ein Sportschwerpunkt oder ein musischer Schwerpunkt dort – und irgendjemand, denn jeder Gegenstand ist ja mit einer handelnden Person verbunden, gibt Stunden ab. Dies lässt sich gut, jedenfalls leicht verkaufen, viele Schulen brauchen ja Kinder.

Doch den Fragen nach der Aufgabe der Schule, nach dem Ziel ihres Bildungsauftrages, nach den von allen gemeinsam getragenen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen, lässt sich auf diese Weise ausweichen. Eine Schule mit einem entwicklungspolitisch verantworteten Profil wird sicher nicht einen neuen Gegenstand einführen, sondern versuchen, grundsätzlich zu einem vernetzten und integrierten Unterricht zu kommen. Dies sieht ja auch der Lehrplan 2000 vor, wird aber an den höheren Schulen trotzdem nicht praktiziert.
Es gäbe nun die Chance zu einem Umdenken. Von allem etwas weniger wäre immer noch dasselbe. Aber es könnte sich die Frage aufdrängen, wie die verbliebene Zeit zielführender gestaltet und genutzt werden kann. Dann wäre eine Auseinandersetzung um die vorrangigen Ziele der Schule fällig. In einem Land wie Österreich, das jährlich allein 2,1 mal mehr an materiellen Ressourcen verbraucht als ihm innerhalb seiner polit-geographischen Grenzen zur Verfügung stünden, ist die Beschäftigung mit den Fragen nach Angemessenheit von Lebensstil, Zukunftsfähigkeit von Politik- und Wirtschaftsmodellen eigentlich eine Überlebensfrage.

Die Schule rettet nicht die Gesellschaft und ist auch nicht die einzige oder wichtigste Sozialisationsinstanz. Aber sie ist der einzige Ort, wo junge Menschen aller gesellschaftlichen Schichten zusammen kommen und viel Zeit miteinander zubringen. Da hat sie die verdammte Pflicht, ihrem allgemeinbildenden Auftrag nachzukommen angesichts der Gegenwartsprobleme und Zukunftsfragen.
Und woher nimmt eine Schule die Legitimation, Fragen nach Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichheit, Zukunftsfähigkeit etc. nicht prioritär zu behandeln?
Stundenkürzungen als Innovationschance? Es wäre paradox, wenn Schulen in dieser Situation sich ein entwicklungspolitisches Profil erarbeiten. Aber was hindert sie daran?

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