Ein Rebell als Superstar

In Europa ist Michael Moore erst seit seinem Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“ in aller Munde. Dabei geht er den Mächtigen in den USA schon seit etlichen Jahren gehörig auf die Nerven.

Von Hermann Klosius
Wir werden durch das Weiße Haus andauernd mit erfundenen Geschichten bombardiert. Deshalb ist es wichtig, dass Filmemacher Dokumentarfilme produzieren, um alle diese kleinen Lügen aufzudecken.“ Michael Moore hält sich konsequent an seine eigene Vorgabe. Und niemand ist in diesem Metier heute so erfolgreich wie er. Dabei verfügte der College-Abbrecher, als er 1988 zu filmen begann, weder über Geld noch über einschlägige Vorkenntnisse. In „Roger and Me“ schilderte er die dramatischen sozialen Auswirkungen der Schließung eines Werks von General Motors in seiner Heimatstadt Flint, Michigan.

Auf der Promotiontour für sein Buch „Querschüsse“ kreuz und quer durch die USA drehte Moore die mehrfach preisgekrönte Dokumentation „The Big One“ (1998). Wir erleben mit, wie er führende Konzern-Manager zur Rede stellt, die trotz gut gehender Geschäfte Personal entlassen haben. Zum Einstieg überreicht er den verblüfften Gesprächspartnern eine „Urkunde“ für besonders erfolgreiches „Downsizing“ (Entlassung von Teilen der Belegschaft; häufig um deren Arbeit zwecks Profitsteigerung in Länder der Dritten Welt auszulagern).
In „Bowling for Columbine“ schließlich geht Michael Moore den Gründen für den Amoklauf zweier Schüler an der Columbine High School nach. Er zeigt dabei, dass jemand, der in der Kleinstadt Flint ein Konto eröffnet, als Werbegeschenk ein Gewehr erhält. Mit zwei Opfern von Columbine sucht er einen Supermarkt auf, der verbilligte Munition anbietet. Auch unter Einsatz humoristischer und satirischer Elemente portraitiert er die USA als „Republik der Angst“. Moore will aufzeigen, dass die Mächtigen Angst benützen, um sich die Öffentlichkeit gefügig zu machen.
Selbst lässt sich der korpulente Filmemacher und Autor nicht so leicht mundtot machen. Das bewies er etwa, als ihm im März für „Bowling for Columbine“ ein Oscar verliehen wurde. Bei der Dankesrede nannte er Bush einen „fiktiven Präsidenten“, der durch ein manipuliertes Wahlergebnis an die Macht gekommen sei und US-Soldaten aus fingierten Gründen in den Krieg schicke. „Schämen Sie sich, Herr Bush!“ Aus der dadurch ausgelösten Kontroverse und den zahlreichen Angriffen der Waffenlobby ging Moore gestärkt hervor: „Bowling für Columbine“ brach alle Kassenrekorde für Dokumentarfilme, und auch sein Buch „Stupid White Men“ kletterte wieder an die Spitze der Bestsellerlisten.

Doch der überzeugte Kappenträger Moore gönnt sich keine Atempause: Soeben ist sein neues Buch „Dude where's my country?“ erschienen, in dem es ebenso wie im Filmprojekt „Fahrenheit 911“ um den 11. September 2001 geht. Der Rebell, der sich zum Superstar gemausert hat, legt sich die Latte diesmal besonders hoch, er will den Regimewechsel: „Bush Must Go“. Denn, so Moore, „Bush & Co führen Krieg gegen die Mittelklasse, die Armen, die Umwelt, die Frauen und gegen jeden auf der Welt, der die uneingeschränkte Herrschaft der USA nicht akzeptiert“. Trotz seiner scharfen Kritik auch gegenüber der Demokratischen Partei setzt er dabei auf deren Kandidaten Wesley Clark.
Frank Rich, Journalist bei der New York Times, schätzt Moores Einfluss hoch ein: „Er ist eher lustig als zornig, eher ein Mensch wie du und ich als ein Showstar. Er könnte für den Ausgang der nächsten Wahlen ein wichtiger Faktor sein.“


Michael Moore „Stupid White Man“, Piper Verlag, München 2003, 329 Seiten, EUR 12,40
Michael Moore „Querschüsse“, Piper Verlag, München 2003, 314 Seiten, EUR 13,30

Hermann Klosius ist freier Journalist und seit vielen Jahren in der Soli-Bewegung aktiv.

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