Ein Schatz an Visionen

Wie soll den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnet werden: der Eindämmung von Armut, von Kriegen, von Umweltzerstörung? Wer eine einzige, wer die gültige Lösung sucht wird scheitern. Wolfgang Dietrich sieht in der Stärkung von Zivilgesellschaften Grund zu berechtigter Hoffnung.

Von Wolfgang Dietrich
Als Gustavo Esteva, mexikanischer Entwicklungskritiker, vor 15 Jahren dafür eintrat, "Entwicklung und Hilfe zu stoppen", war dies aus der Sicht solidarisch denkender Menschen in den Industrieländern ein Skandal. Esteva bezog sich auf die damals vorherrschende Vorstellung, dass Entwicklung lediglich in eine einzige Richtung zeigt. Zwar hat sich inzwischen die Mehrheit der entwicklungspolitisch Engagierten davon verabschiedet. Doch der Abschied von einem Traum ist nicht seine Erfüllung. Armut, Kriege und eine schwer beeinträchtigte Umwelt bleiben Herausforderungen auch für das 21. Jahrhundert. Gibt es darauf nach fünf Jahrzehnten Entwicklungspolitik noch attraktive Antworten?

Könnte die Stärkung der Zivilgesellschaft eine mögliche Perspektive darstellen? Zivilgesellschaft ist der Sammelbegriff für die Ausprägungsformen des sozialen Lebens, die den Raum zwischen Staat und Markt besetzen. Der Staat steht dabei als uniformierender Ordnungsfaktor, der Markt als Wachstumsfaktor. Werte und Orientierungen des gesellschaftlichen Lebens müssen in einer demokratischen Ordnung von der Zivilgesellschaft ausgehen. Wo Staat und Markt die Themenführerschaft übernehmen, ist es um Demokratie und Menschenwürde schlecht bestellt.

Der Begriff "Entwicklung" wurde von den Naturwissenschaften in die Sozialwissenschaften und von da in den politischen Alltag übernommen. Während die verschiedenen Entwicklungstheorien eine Vielzahl von Widersprüchen produzierten, blieb die Botschaft des Begriffs "Entwicklung" konstant: Er unterstellt, dass Gesellschaften gleich Pflanzen von einem Stadium geringer Reife zu einem solchen der Blüte voranschreiten. Daher kreisten alle Überlegungen um die Frage, wie das Pflänzchen Gesellschaft zu düngen, zu gießen und zu beleuchten wäre, damit es am besten gedeihe.

Ein grundsätzlicher Zweifel an der Eigenschaft von Gesellschaften sich so zu entwickeln, galt bis in die späten achtziger Jahre als Ketzerei. Der Hintergrund ist ein lineares, also in nur eine Richtung weisendes Geschichtsverständnis. Laut jüngstem UNICEF-Bericht lebt aber nach fünf Entwicklungsdekaden selbst in Industrieländern jedes sechste Kind in Armut. Weltweit gilt dies für mehr Menschen als jemals zuvor.

Seit der Rio-Konferenz 1992 ist "Entwicklung" ohne "Nachhaltigkeit" nicht mehr diskutierbar. Damit werden neuerlich Beobachtungen und Regelsätze aus dem Umgang mit der Pflanzenwelt auf Gesellschaften angewendet. Für eine einzelne Pflanze führt Entwicklung vom Samenkorn zum Tod. Deshalb begriffen kritische DenkerInnen: Wenn Entwicklung nur linear in eine Richtung führt, dann zeigt der Pfeil im Angesicht von Armut, Krieg und Umweltschäden längst nach unten.

Ein Wald entwickelt sich nicht linear, sondern er erneuert sich zyklisch. Ebenso sollte es im Sinn von "Nachhaltigkeit" mit Gesellschaften gemacht werden, damit lineare Entwicklung nicht in der Selbstzerstörung der Menschheit ende.

In der Praxis hat sich dann eine Vermischung aus altem Entwicklungsdenken und neuer Nachhaltigkeit ergeben. Heute beanspruchen alle Entwicklungsprojekte Nachhaltigkeit, aber nur selten werden die Paradigmen sauber getrennt. Der Grund dafür ist die technokratische Abwicklung derartiger Projekte unter hoheitlicher Aufsicht. Denn der moderne Nationalstaat ist in seinem Selbstverständnis der Träger von Entwicklung. Deshalb geraten auch paradigmatisch anders gemeinte Projekte immer dann unter wachstumsorientierten Druck, wenn staatliche Autoritäten oder marktorientierte AkteurInnen in den Ablauf involviert werden. Nachhaltigkeit verlangt nach Zivilgesellschaft!

Daraus ergibt sich eine gewisse Skepsis gegenüber der Wertigkeit von Zukunft. Im Lichte eines linearen Zeitverständnisses ist die Zukunft besser als die Gegenwart und die Gegenwart besser als die Vergangenheit. Daraus lässt sich nur allzu leicht die Forderung ableiten, die Mühen der Gegenwart für eine bessere Zukunft zu ertragen. Eine zukunftsorientierte Zivilgesellschaft ist aber ein Paradoxon, weil das reale Leben hier und jetzt stattfindet und weil wir von der Zukunft nicht mehr wissen, als dass sie stattfinden könnte. Wenn aber die Zukunft als wertvoller wahrgenommen wird als die Gegenwart, werden wir von ihr auch mehr erwarten als von der Gegenwart - und das wird uns dazu verleiten, uns in der Gegenwart NICHT nachhaltig einzurichten, sondern im Sinne des linearen Entwicklungsdenkens die Nachhaltigkeit in eine bessere Zukunft zu verschieben.

Damit die Zivilgesellschaft das durch ihre Themenführerschaft zwischen Staat und Markt verhindern kann, muss sie einige grundlegende Probleme beachten:

- Organisation: Staat und Markt sind dem modernen Imperativ von Einheit und Effektivität verpflichtet. Zivilgesellschaft hingegen definiert sich über die Vielfalt von Meinungen und Interessen. Daher gibt es viele Zivilgesellschaften, die sich räumlich und zeitlich überlappen. Dies kann optimistisch als Schatz von Visionen über das "gute Leben" und die Bewältigung aktueller Herausforderungen interpretiert werden, pessimistisch als Gefahr sozialer Entgleisungen und permanenter Selbstverstümmelung zivilgesellschaftlicher Anliegen. Pluralität ist zugleich riskant und unumgänglich. Je schwieriger die Analyse, je größer die Bedrohung, je sensibler die Artikulation eines Anliegens, umso mehr wird sich die zivilgesellschaftliche Initiative eine organisatorische Struktur geben. Dauerhafte und überregionale Bündnisse haben aber die Tendenz, sich zu institutionalisieren und letztlich zu "verstaatlichen". Die Zivilgesellschaft muss in der Auseinandersetzung mit Staat und Markt aber immer "schwach" bleiben. Schwach nicht im argumentativen oder moralischen Sinn, sondern definitorisch, weil eine geeinte und "starke" Zivilgesellschaft dazu tendiert, selbst Staat oder staatstragend zu werden. Die Erfahrung zeigt, dass der institutionalisierende Weg von der Bewegung zur NGO, von da zur quasistaatlichen Einrichtung und zum staatstragenden Machtfaktor sehr verlockend ist.

- Paradigma und Inhalt: Globalisierung ist die progressive Besitznahme des gesamten Globus durch Markt und Staat. Das ist ein Prozess, der sich seit Jahrhunderten hinzieht und zuletzt aufgrund der technischen Möglichkeiten enorm beschleunigt hat. Die Zivilgesellschaft kann und soll vom Zugang zu diesen technischen Geräten nicht ausgeschlossen bleiben. Akzeptiert sie allerdings mit diesen Geräten auch die Ideologie, welche sie hervorgebracht hat, ergibt sie sich dem Diktat von Staat und Markt. Deshalb ist es notwendig, dass die Zivilgesellschaft die Themenführerschaft im politischen Diskurs beansprucht. Der zentrale Punkt ist dabei die Würde des Menschen, die bei vielen Gelegenheiten von den uniformen Ansprüchen von Staat und Markt bedroht wird und durch Pluralität verteidigt werden kann. Zivilgesellschaft wird sich daher am Besonderen, am Kleinen, am Langsamen und am Gegenwärtigen orientieren.

- Zeit: Die Themenführerschaft ist wichtig. Ein im Nachhinein begonnener Widerstand wird im Regelfall nur als "rückwärts gerichtet" und negativ aufgenommen. Themenführerschaft bedeutet daher, lokale und aktuelle Anliegen der Logik und der Wertskala des linearen Geschichtsverständnisses zu entziehen, um sich an der Würde der handelnden Menschen zu orientieren. Es geht dabei keinesfalls darum, dass die Zivilgesellschaft Themen in einem Wettlauf vor dem Staat oder dem Markt lanciert, sondern um Dasein, um reales Existieren, um die Vielfalt von Werteskalen, an denen neue Themen gemessen werden.

Die Herausforderung solidarischen Handelns im neuen Jahrhundert wird zu einem guten Teil darin liegen, sich nicht den Verlockungen globaler und uniformer Zielvorgaben zu unterwerfen. Das erfordert einen hohen Grad an sozialer Aufmerksamkeit und demokratischem Selbstbewusstsein. Beides haben Staat und Markt in der Moderne den Menschen weitgehend abgerungen. Zivilgesellschaft bedeutet das bewusste Wiedergewinnen unserer eigenen Orte als Plätze des Lebens, unserer Fähigkeit zur zwischenmenschlichen und interkulturellen Kommunikation, also unserer Würde. Diese Aufgabe stellt sich überall. Aus dieser Perspektive sind Norden und Süden nur geographische Begriffe, und der Anspruch der vermeintlich Entwickelten, den vermeintlich Unterentwickelten "ihre Stimme leihen" zu müssen, erweist sich als Irrtum eines verklingenden Jahrhunderts.

Wolfgang Dietrich ist Professor für Politologie und lehrt an der Universität Wien.

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