„Ein schwieriger Weg vor uns“

Von Redaktion · · 2012/11

Die Bloggerin Sara A. Mostafa und die Journalistin Huda Abdel Kader setzen sich wie viele junge ÄgypterInnen für die Demokratiebewegung in ihrem Land ein. Vor kurzem kamen sie im Rahmen einer Studienreise nach Wien. Über die Zeit nach der Revolution sprachen die beiden mit Südwind-Mitarbeiter Richard Solder.

Südwind-Magazin: Sie waren beide Teil der „Tahrir-Bewegung“, die im Jänner 2011 zum Sturz des langjährigen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak führte. Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft nun, nach der Revolution und nach den Parlamentswahlen 2011/2012?
Sara A. Mostafa:
Die Bewegung ging als starke Akteurin aus der Revolution hervor. Wir sind weiterhin auf der Straße und lenken die Aufmerksamkeit auf Missstände. Es haben sich neue Protestformen entwickelt, wie etwa Menschenketten, bei denen wir unsere Botschaft auf Papieren oder Postern präsentieren, ohne dazu etwas zu sagen oder zu rufen.

Wird die Bedeutung der Zivilgesellschaft so groß bleiben können?
Sara A. Mostafa: Sie wird größer. Wenn jetzt Leute das Gefühl haben, dass etwas schief läuft, dann fürchten sie sich nicht. Sie gehen auf die Straße oder streiken. 

Und Sie, blicken Sie optimistisch in die Zukunft?
Huda Abdel Kader: Naja. Das Regime zu stürzen war notwendig. Aber es war nicht genug! Im Zuge der Überarbeitung der Verfassung (im Frühjahr 2011, Anm. der Redaktion) wären mehr Veränderungen möglich gewesen. Jetzt ist es dafür zu spät. Wir haben noch einen schwierigen Weg vor uns: Der Kampf gegen Korruption ist hart und langwierig. Die Zivilgesellschaft, die NGOs und die Medien müssen dafür den Behörden ganz genau auf die Finger schauen.

Viele Menschen im Westen verweisen auf die Salafisten und sehen die Gefahr einer „Fundamentalisierung“ der Gesellschaft …
Huda Abdel Kader: Das ist mediale Propaganda. Die Bedeutung der radikalen Teile der Salafisten wird von westlichen Medien stark hervorgehoben. Wir fühlen uns nicht bedroht.
Sara A. Mostafa: Die Salafisten waren schon vor der Revolution da, auch wenn sie unterdrückt wurden. Ihr habt vielleicht seltener von ihnen gehört. Sie sind keine homogene Gruppe von Menschen, die man alle in die Schublade „Extremisten“ stecken kann. Klar ist: Sie sprechen die Leute an. Die Liberalen und Sozialdemokraten erreichen vor allem die höher Gebildeten, nicht allerdings die so genannten einfachen Leute.

In Ihrer Arbeit ist nicht zuletzt die Frage der Gleichstellung ein Thema. Hat die Revolution die gesellschaftliche Position der Frauen gestärkt?
Sara A. Mostafa:
Obwohl wir Frauen eine wichtige Rolle im Umbruch von 2011 hatten, gab es danach Versuche, die Frage der Frauenrechte in die zweite Reihe zu rücken. Die Argumentation war: Andere Aspekte wie Wirtschaft und Stabilität seien erstmal vorrangig. Dann sagten viele „Nein!“. Wenn wir anfangen, dem Thema auch nur eine Zeit lang eine sekundäre Bedeutung zu geben, bleibt es dabei. Wir werden den Kampf sicher jetzt nicht aufgeben.

Gibt es konkrete Beispiele für Verbesserungen?
Sara A. Mostafa:
  Dienstmädchen, die nun erstmals eine Vertretung geschaffen haben, sind so eines. Wer attackiert oder misshandelt wird, hat nun eine Stelle, an die man sich wenden kann. Und die von Frauen ins Leben gerufen wurde.
Huda Abdel Kader: Ich befürchte, dass sich trotz des großen Beitrags der Frauen zur Revolution kurzfristig nicht genug ändern wird. Für manche Privilegierte vielleicht. Aber viele kommen immer noch nicht in den Genuss einer Ausbildung. Ganz generell müsste die Bildung viel stärker forciert werden, vor allem in den ländlichen Gebieten. Gerade Frauen sind Leidtragende dieses Defizits.

Im Spätsommer führte ein Film, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird, zu teils heftigen Protesten in der Arabischen Welt. Was könnte helfen, dass die Islamische Welt und der Westen näher zusammenrücken?
Sara A. Mostafa:
Der Nahostkonflikt ist ein Schlüssel. Der Westen sollte hier einen faireren, objektiveren Zugang wählen.
Huda Abdel Kader: Es braucht einen Dialog. Der Westen sollte etwa verstehen lernen, dass die Islamische Welt nicht wegen ihres religiösen Hintergrunds „unruhig“ ist, sondern aufgrund des politischen Wandels.
Sara A. Mostafa: Das Problem in Bezug auf den Film war nicht nur die Verspottung an sich. Es wird so im kollektiven Bewusstsein vieler im Westen das negative Bild des sexistischen, Frauen schlagenden, chauvinistischen, rückwärtsgewandten Arabers weiter verstärkt. Meinungsfreiheit sollte dabei helfen, Menschen zusammenzubringen und nicht dabei, sie auseinander zu dividieren.

Sara A. Mostafa, 26, aus Alexandria, ist Literaturwissenschafterin und bloggt auf  www.arabfact.com

Huda Abdel Kader, 36, lebt in Kairo, arbeitet bei der Zeitung „Good News Weekly – Al Alam Al Youm Newspaper“ und kommentiert das Geschehen in ihrem Land im Web in englischer Sprache. Auf Facebook zu finden unter „Huda Abdel Kader – Journalist/Writer“.

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