Ein sensibler Gegenstand

Warum in Österreich die Zahl der Vermächtnisse für einen gemeinnützigen Zweck steigt und wer davon profitiert, hat sich Christine Tragler angeschaut.

Mangelnde Auseinandersetzung: Nur ein Drittel der Über-60-Jährigen hat ein Testament verfasst.© Jeanette Dietl / Fotolia

Edith Gebauer wurde 100 Jahre alt. Als sie 2014 starb, bedachte sie den Diakonie Flüchtlingsdienst mit einem Vermächtnis in ihrem Testament. Bereits zu Lebzeiten war ihr der Einsatz für Schutzsuchende und Geflüchtete ein Anliegen gewesen. Denn die Wienerin musste selbst vor Verfolgung durch die Nationalsozialisten flüchten. Mehrere Jahre verbrachte sie im Exil in England, ehe sie wieder nach Wien zurückkehrte.Die Motive, warum immer mehr Menschen in ihrem Testament auch Hilfsorganisationen berücksichtigen, sind unterschiedlich.

Gutes bewirken, über den Tod hinaus, ist ein Grund. In Erinnerung bleiben, ein weiterer. Waltraud Portner-Frisch kannte Gebauer noch persönlich. Seit 2009 leitet sie die Fundraising-Abteilung des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Aus Erfahrung weiß sie, dass die eigene Biografie oft ausschlaggebend dafür ist, warum und wofür Menschen spenden: „Menschen, die selbst verfolgt wurden und fliehen mussten, engagieren sich häufig in der Flüchtlingsarbeit“, sagt Portner-Frisch. Weil die staatliche Unterstützung in vielen Bereichen zurückgenommen wird, sind viele Projekte nur noch aufgrund privater Spenden möglich, erzählt sie. In solche Projekte würden Legate und Erbschaften fließen.

Tendenz steigend. Zwischen 50 und 55 Millionen Euro werden in Österreich jährlich in Form von Testamentspenden an gemeinnützige Organisationen vermacht – sei es in Form von Erbschaften, die das gesamte Vermögen der ErblasserIn enthalten, oder Legaten, also Vermächtnissen, die einen Teil des Erbes umfassen. Laut Fundraising Verband Austria machen Legate und Erbschaften bereits zehn Prozent des gesamten Spendenaufkommens in Österreich aus. Tendenz steigend.

Diesen Trend kennt auch Portner-Frisch. Dass der Diakonie in den vergangenen Jahren regelmäßig Spenden durch Erbschaften und Legate hinterlassen wurden, führt sie auf die Kampagne „Vergissmeinnicht“ zurück. Die 2012 ins Leben gerufene Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass man neben der Familie auch eine gemeinnützige Organisation testamentarisch bedenken kann. Eine Möglichkeit, über die längst nicht alle Menschen in Österreich Bescheid wissen. Langsam ändert sich das: Einer Umfrage des Market-Instituts zufolge konnten sich 2015 bereits knapp 15 Prozent der Menschen über 40 vorstellen, eine gemeinnützige Organisation im Testament zu berücksichtigen – 2012 waren es noch acht Prozent.

„Das Thema Testamentsspenden ist kein Tabuthema mehr. Da hat die Gründung von Vergissmeinnicht einiges bewirkt“, sagt Markus Aichelburg, der die Initiative leitet. Begonnen habe man vor sechs Jahren mit 15 Organisationen, erinnert er sich, mittlerweile sind es 78. Von Anfang an wurde mit der Österreichischen Notariatskammer kooperiert, die die juristische Beratung abdeckt. Getragen wird Vergissmeinnicht vom Fundraising Verband Austria.

Erweitertes Spektrum. Tiere, Kinder und Katastrophenhilfe sind die beliebtesten Spendenziele der ÖsterreicherInnen. So zählen auch Tierschutzvereine, WWF und SOS-Kinderdorf zu denen, für die schon seit längerem in Form von Legaten gespendet wird. Aktiv in dem Bereich sind auch Caritas, Rotes Kreuz, St. Anna Kinderkrebsforschung, Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs, Ärzte ohne Grenzen und Licht für die Welt. In den letzten Jahren hat sich das Spektrum um Organisationen im Bereich der Menschenrechts- und Entwicklungszusammenarbeit erweitert, auch Kulturinstitutionen und Universitäten bemühen sich zunehmend um Legatspenden.

Österreich liege bei den Testamentspenden im internationalen Vergleich im Mittelfeld, erläutert Aichelburg. Eine längere Tradition auf dem Gebiet Testamentspenden gibt es im angloamerikanischen Raum.

Wer spendet. „Es sind nicht die Superreichen, die spenden, sondern Angehörige der Mittelklasse“, so Aichelburg. Gespendet werden zwischen 50.000 und 100.000 Euro. Im Schnitt werden drei bis sieben Organisationen bedacht. Was die Statistik sonst noch über diese ErblasserInnen weiß? Sie sind tendenziell weiblich, weil viele Frauen älter als ihre Partner werden. Und: 90 Prozent dieser Menschen sind kinderlos.

Für Alleinstehende kann ein Grund für ein Vermächtnis sein, dass die bedachte Organisation das Begräbnis organisieren wird, erzählt Aichelburg. Dies übernimmt etwa die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs. Und beim SOS-Kinderdorf kümmert man sich um die Grabpflege.

„Ein anderes Motiv kann sein, dass man nicht will, dass das Vermögen nach dem Ableben an den Staat geht“, so der Projektleiter. Denn: Ohne Testament und ohne gesetzliche ErbInnen fällt der Nachlass an den Staat. Zwischen 2012 und 2015 waren das immerhin zwölf Millionen Euro. Erben zählt in Österreich noch immer zu den Themen, mit denen man sich eher nicht auseinandersetzen möchte. Laut einer Erhebung der Österreichischen Notariatskammer sieht sich die Hälfte der ÖsterreicherInnen beim Thema Testament als wenig bis gar nicht informiert. Nur 35 Prozent der Über- 60-Jährigen haben überhaupt ein Testament verfasst.

Erbschaftswelle. „In den nächsten 15 bis 20 Jahren wird exorbitant viel vererbt werden“, sagt Aichelburg. Davon ist auch Stefan Humer von der Wirtschaftsuniversität Wien überzeugt: „Es steigen sowohl die Zahl der Erbfälle als auch der durchschnittliche Wert der Erbschaft dynamisch an“, so Ökonom Humer. Die Baby-Boomer Generation der 1950er und 1960er Jahre konnte sich dank Konjunkturlage ein Vermögen aufbauen, das in den nächsten Jahren vermacht werden wird.

Dass dennoch so wenig öffentlich darüber gesprochen wird, ist der Materie geschuldet. Erbschaftsfundraising ist ein sensibler Gegenstand. Das empfindet auch Ulrike Hofstätter so. Sie koordiniert für Amnesty International das Fundraising für Erbschaften und Stiftungen. Der Bereich ist „zentral mit den Themen Tod und Endlichkeit verbunden“, sagt sie. Das Thema berührt jeden irgendwann in einer Form. Für Hofstätter steht fest, dass an erster Stelle immer die Angehörigen und geliebten Menschen der ErblasserInnen stehen. „Gleichzeitig“, sagt sie, „kann es keine größere und würdevollere Anerkennung für unsere Arbeit geben als die Tatsache, dass uns jemand in seinem Letzten Willen bedenkt und uns somit Anerkennung und vor allem Vertrauen schenkt.“

Große Verantwortung. Ähnlich sieht das Benjamin Zessner-Spitzenberg, der für Ärzte ohne Grenzen für den Bereich Erbschaften und Legate zuständig ist: „Der Letzte Wille, das ist eine ethische Verpflichtung. Die Spender und Spenderinnen setzen sehr viel Vertrauen in uns. Die Verantwortung ist groß.“ Bei der Mehrheit der ErblasserInnen weiß man zu Lebzeiten nicht, dass die Organisation im Testament steht, so Zessner-Spitzenberg. Andere setzen sich schon vorher mit der Organisation, die sie bedenken wollen, in Verbindung. Was die Menschen gemein haben, die für Ärzte ohne Grenzen spenden? Viele wären gerne selbst einmal auf Einsatz gegangen, hätten aber damals nicht die Möglichkeiten gehabt. Andere seien selbst viel gereist und hätten die Armut in der Welt gesehen. Mit ihrem Testament wollen sie Werte weitergeben und solidarisch vererben.

Christine Tragler ist Redakteurin bei der Tageszeitung Der Standard und freie Journalistin. Sie lebt in Wien.

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