„Ein Sieg über die Angst“

Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano über den Wahlsieg der Linken in Uruguay und die Absage an die Wasserprivatisierung. Das Gespräch führte für das Südwind-Magazin in Montevideo Gerhard Dilger.

Südwind: Herr Galeano, zum ersten Mal in der Geschichte hat in Uruguay die Linke gesiegt. Was ist für Sie das Bemerkenswerteste daran?
Eduardo Galeano:
Anders als in den USA war es ein Sieg über die Angst. Das ist neu. Hier hat die Rechte nämlich auch eine Angstkampagne gefahren, sie haben die „Frente Amplio“ mit den Tupamaros gleichgesetzt und suggeriert, die Linke seien Entführer, Mörder, Diebe, Vergewaltiger und Feinde der Demokratie. Auch der Erfolg im Wasser-Plebiszit war ein Sieg über die Angst. Es wurde verbreitet, Uruguay werde sich ohne die Privatisierungen in ein Land der schwarzen Brunnen verwandeln, die Uruguayer seien Exoten, Marsmenschen in einer Welt, wo das Wasser privat verwaltet wird. Diese Lüge hat der Kulturminister verbreitet!
Uruguay hat als erstes Land der Welt eine Volksabstimmung über das Wasser organisiert. Jetzt ist das Wasser nach dem Volkswillen als Menschenrecht und Gut für alle in der Verfassung verankert, und die privaten Geschäftemacher bleiben draußen. Das ist ein wichtiger Präzedenzfall für die ganze Welt.

Tatsache ist: Die Spielräume für die neue Linksregierung werden eng sein.
Ja, es ist klar, dass Uruguay nicht die Kraft hat zu sagen: Wir werden die Schulden nicht mehr bezahlen – das wäre realitätsfremd. Aber Uruguay kann und muss sich mit den anderen lateinamerikanischen Ländern zusammentun, um gemeinsam gegen den Würgegriff der Verschuldung und der internationalen Märkte anzugehen. Die Großen – Brasilien, Argentinien und Mexiko – müssen davon überzeugt werden, dass auch sie den selben stählernen Gesetzen der internationalen Machtstruktur unterworfen sind. Wenn sie glauben, sie können sich alleine retten, sind sie geliefert. Es gibt keinen Raum für Alleingänge.

Was ist das Besondere an der uruguayischen Linken?
Die Frente Amplio ist tatsächlich ein Bündnis mit vielen Widersprüchen. Aber als geistiger Sohn von Marx und Enkel von Hegel bin ich davon überzeugt, dass der Widerspruch der Motor der Geschichte ist. Deswegen mache ich mir auch nicht das Geringste aus den Widersprüchen der Frente – sie sind ja der Beweis, dass sie lebendig ist.
Und dann die Geduld. Die Frente ist ganz langsam aufgebaut worden, ab 1971 und mit einer brutalen Unterbrechung durch die Militärdiktatur. Danach ist dieser Impuls, diese Energie wieder aufgegriffen und Bewusstsein für Bewusstsein, Haus für Haus, erobert worden, mit einer geradezu chinesischen Geduld. Das war unglaublich, denn üblicherweise ist die Linke sehr ungeduldig. Jetzt ist diese Entwicklung in den Wahlsieg gemündet.

Könnten Sie den gewählten Präsidenten in wenigen Worten charakterisieren?
Tabaré Vázquez ist sehr nüchtern, ernsthaft, verantwortungsvoll und stimmig. Er ist sehr, sehr uruguayisch in seiner sanften, verhaltenen Art zu reden. Er treibt die Nüchternheit auf die Spitze, wenn man das sagen kann.

In puncto Vergangenheitsbewältigung haben sich die führenden Frente-Vertreter sehr vorsichtig geäußert...
Ja, wie eigentlich auf allen Gebieten. Wir müssen um die Rückgewinnung der Erinnerung und gegen Uruguay als Paradies der Straflosigkeit kämpfen. In den Jahren des erzwungenen Gedächtnisverlustes mussten wir den Müll unter dem Teppich verstecken und den Mund halten.

Wie fühlen Sie sich angesichts der Nachrichten aus den USA und der Hoffnung, die in Uruguay mit den Händen zu greifen ist?
Solche Situationen sind eine Herausforderung. Viele US-Amerikaner denken, die Welt sind sie. Die Welt sieht das vielleicht anders. Es ist an der Zeit, nein zu sagen, wir dürfen uns nicht weiter wie Blätter im Wind treiben lassen. Wir müssen den Widerstand organisieren, im Namen des Planeten, der in diesem Rausch der Gewalt und des Konsums unterzugehen droht. Die Welt muss ihnen sagen, ihr dürft nicht über uns verfügen. Das gilt besonders für uns Lateinamerikaner, denen die Erniedrigung Jahrhunderte lang eingetrichtert wurde.


AutorenInfo:
Eduardo Galeano wurde 1940 in Montevideo geboren, war von 1964 bis 1966 Direktor von „Epoca“, der Zeitschrift der unabhängigen Linken von Uruguay und von 1973 bis 1976 Chefredakteur der Zeitschrift „Crisis“. 1976 Flucht vor der Militärdiktatur nach Spanien, wo er bis 1985 im Exil lebte und dann wieder nach Uruguay zurückkehrte.
Mit Büchern wie „Die offenen Adern Lateinamerikas“ und der Trilogie „Erinnerung an das Feuer“ wurde er bereits zu einem Klassiker fortschrittlicher Geschichtsschreibung zu Lateinamerika.

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