Ein strittiges Thema

Von Sarah Funk ·

„Entwicklung“ gilt als eines der wirkungsvollsten intellektuellen Produkte des 20. Jahrhunderts. Ihre faszinierende Geschichte hat nun der Wiener Mandelbaum Verlag herausgegeben.

Die moderne Entwicklungstheorie hat eine Reihe von Denkschulen hervorgebracht, die in ihren Annahmen und Aussagen sowie den daraus abgeleiteten Handlungs- und Politikempfehlungen nicht unterschiedlicher sein könnten. Das „Wissen von der Entwicklung“ ist eben keineswegs neutral und unpolitisch, sondern Resultat von Aushandlungsprozessen und spezifischen historischen und politischen Konstellationen, die das Verständnis von Entwicklung seit der Nachkriegszeit prägten.

Mit „Klassiker der Entwicklungstheorie“ haben die Wiener WissenschafterInnen Karin Fischer, Gerald Hödl und Wiebke Sievers einen im deutschsprachigen Raum längst überfälligen Sammelband vorgelegt, der die bedeutendsten und einflussreichsten Texte in der Geschichte der modernen Entwicklungstheorie systematisiert und einen kompakten Überblick über die wichtigsten Denkschulen und ihre TheoretikerInnen vermittelt. Einige Klassiker werden erstmals in deutscher Sprache einem breiten Publikum zugänglich gemacht, was die von den HerausgeberInnen geforderte „unerschrockene Rückeroberung“ kanonischer Texte, denen Jahre der Rezeptionsgeschichte die Aura des Unantastbaren und Unzugänglichen verliehen haben, ungemein erleichtert. Mut zum Originaltext, lautet das Credo.

Karin Fischer, Gerald Hödl, Wiebke
Sievers (Hg.): Klassiker der Entwicklungstheorie.
Von Modernisierung bis Post-Development.
Sachbuch.
Mandelbaum Verlag, Wien 2008.
300 Seiten, € 14,-


Die Wiederentdeckung und kreative Aneignung der originären Texte, ihr Neu-Lesen, wird unterstützt durch biographische Notizen zu den AutorInnen sowie Anmerkungen zum geistesgeschichtlichen Hintergrund, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind. Sie tragen zum besseren Verständnis der Texte und ihrer historischen Einordnung bei. Der theoretische Rahmen spannt sich von den Wachstums- und Modernisierungstheorien auf der einen Seite (Paul N. Rosenstein-Rodan, Walt W. Rostow, Alex Inkeles) bis hin zu den Post-Development-Ansätzen, die hier vor allem durch Arturo Escobar vertreten werden, auf der anderen. Letztere lehren uns, das Nachdenken über Entwicklung und Unterentwicklung stets in seiner Verflechtung mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen in den Blick zu nehmen. Escobar analysiert Entwicklung als zentrales Machtinstrument gegenüber der „Dritten Welt“ und übt radikale Kritik am Entwicklungsparadigma, das er ablehnt. Es gelte, Alternativen zur Entwicklung zu entwerfen, die er vor allem in lokalen Bewegungen verwirklicht sieht.

Während sich Post-Development-Ansätze für die diskursiven Mechanismen der Wahrheits- und Wirklichkeitsproduktion in Entwicklungstheorie und -praxis interessieren und ihre eurozentristischen Implikationen herausarbeiten, gehen die Modernisierungstheorien der 1940er und 1950er Jahre von einem universellen und irreversiblen Entwicklungsweg der Menschheit nach europäisch-angelsächsischem Vorbild aus. Die Vorstellung, dass die unterentwickelten und rückständigen Nationen des globalen Südens durch Modernisierung, Wirtschaftswachstum, Industrialisierung und Technologietransfer gegenüber den entwickelten Ländern „aufholen“ können, ist die Grundlage von Wachstumstheorien wie jener des „big push“, die der Entwicklungsökonom Rosenstein-Rodan formulierte.

Die Modernisierungstheorien erhalten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ihre besondere Relevanz. Um die Bindung peripherer Staaten an das kapitalistische Weltsystem ideologisch abzusichern, wurde das Konzept der Entwicklungshilfe geboren; die Modernisierungstheorien lieferten hierfür die notwendige theoretische Fundierung. Rostow untertitelte sein berühmtes Werk „Stadien wirtschaftlichen Wachstums“ gar mit „Ein nicht-kommunistisches Manifest“. Ein verbindendes Merkmal der Modernisierungstheorien ist die Betonung der endogenen Faktoren von Unterentwicklung (Mangel an Kapital, Bildung, Motivation, Rationalität, Demokratie). Demgegenüber sehen die Dependenztheorien Unterentwicklung vor allem in exogenen Faktoren (v.a. ungleicher Tausch innerhalb des kapitalistischen Weltsystems) begründet und empfehlen Strategien importsubstituierender Industrialisierung, Abkoppelung vom Weltmarkt und autozentrierte Entwicklung (hier: Raúl Prebisch, Andre Gunder Frank, Immanuel Wallerstein).

„Klassiker der Entwicklungstheorie“ versammelt insgesamt 15 kanonische Texte – neben den erwähnten AutorInnen auch noch Peter T. Bauer, Veronika Bennholdt-Thomsen, Ester Boserup, Albert O. Hirschman, Ivan Illich, Deepak Lal, Maria Mies, Gunnar Myrdal, Amartya Sen -, die in sechs thematische Untergruppen systematisiert wurden. Zahlreiche Literaturhinweise am Ende jedes Kapitels laden zur weiterführenden Auseinandersetzung mit den jeweiligen Theorien ein.

Die Autorin studierte Internationale Entwicklung an der Universität Wien.

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