Ein Waisenkind namens Bambi

Unsere Vorstellung von Wildnis ist von Walt Disney 's Tierfilmen und Themenparks mitgeprägt. New Internationalist-Autor Chris Clarke analysiert das zugrundliegende - keineswegs wertfreie - Naturverständnis.

Von Chris Clarke
Unsere Welt wird immer städtischer. Immer weniger wissen wir über die Natur tatsächlich noch aus erster Hand. Für unsere Vorstellung vom Leben in der Wildnis sind wir längst auf Kino und Fernsehen oder geführte Besichtigungstouren angewiesen.

Während der letzten fünfzig Jahre waren es vor allem die Produktionen aus Walt Disney's Medienimperium, die uns mit entsprechenden Eindrücken versorgten. Disney hat damit bei Generationen von MedienkonsumentInnen für eine bleibende Liebe zur Natur gesorgt.

Die Übermittlung dieser Botschaft erfolgte allerdings nicht frei von Wertvorstellungen. Von Anfang an vertraten die Naturfilme aus dem Hause Disney den Standpunkt, oberster Wert der Natur für den Menschen sei jener Nutzen, den die industrielle Gesellschaft aus ihr ziehen könne. Anfangs äußerte sich dies in unverhüllten Lobeshymnen auf die Holzgewinnung, den Bergbau oder die Urbanisierung.

Heute, in einer Zeit der wachsenden Reproduzierbarkeit von allem, von Stammesmythen bis Basmati Reis, bedeutet Nutzen aus der Natur schlicht und einfach das Recht, die Natur selbst zu definieren. Disney beansprucht dieses Recht für sich.

Disneys frühes filmische Werk unterscheidet sich nur unwesentlich von dem seiner Vorgänger oder Zeitgenossen. Das Reich der Natur tauchte entweder in seiner angestammten Rolle als tödliche Bedrohung auf oder es wurde in Form von vermenschlichten Zeichentrick-Tierfiguren dargestellt.

Seit dem 1942 entstandenen Film Bambi entwickelte Disney seinen eigenen Wirklichkeitsrahmen, dem alle späteren Produktionen folgten. Die Tiercharaktere in Bambi lenkten keine Pflüge oder Dampfschiffe mehr und waren auch nicht mehr wie Menschen gekleidet. Die Tierwelt war von nun an echt und menschliche Rollen blieben den Menschen vorbehalten. Trotzdem behielten die Tiere eine menschliche Seele. Der Tod von Bambis Mutter von Jägerhand erscheint somit ganz eindeutig als Mord.

Mit Bambi hatte Disney den Prototyp für seine weiteren Naturfilme geschaffen. Ein herausragendes Beispiel dafür sind seine "True-Life Adventures", eine Serie sogenannter Dokumentarfilme, deren Schauplätze sich von der Wüste Sonoras bis in die arktische Tundra Kanadas erstrecken.

Um sich die anstrengende und aufwendige Kameraarbeit bei der Tierbeobachtung in freier Wildbahn zu ersparen, filmte man lieber Tiere in Gefangenschaft, die obendrein einem bestimmten Handlungsrahmen folgten.

Möglicherweise um dem Ruf eines Naturfälschers zu entgehen, hat Disney die Subjektivität seiner True-Life Adventures eingeräumt, indem er erklärte, seine Absicht sei es nicht gewesen zu bilden, sondern zu unterhalten.

Die erste Folge wurde von den Kritikern jedenfalls aufgrund ihrer groben psychologischen Widersprüchlichkeiten zerrissen. Disney bezeichnete darin Tiere als "mutig", "fröhlich", "einsam", "heimtückisch" und mit ähnlichen Eigenschaften, die wohl besser auf den Empfindungsbereich des Menschen zutreffen.

Muttertiere unter den Robben wurden in dem Film für ihr Verhalten entweder gelobt oder getadelt, je nachdem, wie nahe sie dem Idealbild einer amerikanischen Familie der fünziger Jahre entsprachen.

Die wahrscheinlich ungeheuerlichste Fehlinterpretation von Tierverhalten wurde 1958 mit der True-Life-Folge White Wilderness gezeigt. Das Filmteam verfrachtete dafür eine Handvoll Lemminge von Manitoba nach Alberta. Dort positionierte man die Tiere auf einer schneebedeckten Drehscheibe und filmte ihre Bewegungen aus verschiedenen Winkeln. Anschließend wurden die Nager an einem Abgrund oberhalb eines Flusses freigelassen und so der schicksalhafte Untergang der Lemminge auf Film festgehalten.

In der Reportage werden Lemminge als Gattung dargestellt, die in einem verhängnisvollen Marsch an die Küste strömt, um sich dort massenhaft in selbstmörderischer Absicht in die Meeresfluten zu stürzen - oder in das, was im Binnenstaat Alberta für eine Meeresflut gehalten werden kann.

Die Tatsache, daß ein derartiges Verhalten bei den Lemmingen noch nie beobachtet werden konnte, störte weder das Filmteam noch das Publikum sonderlich.

In den sechziger Jahren wandte sich Disney schließlich von der "Dokumentation" ab und einem weniger verfänglichen Genre zu, nämlich der Tiergeschichte. Die Frage nach Objektivität war nun endgültig kein Thema mehr und der Mensch wieder zurück im Mittelpunkt.

Die Handlung blieb schemenhaft und beliebig wiederholbar. Junges, männliches Wildtier wird von einer gutherzigen Person adoptiert. Das Tier wächst in einem Haushalt zusammen mit den Menschen heran, bis seine wilde Natur und seine tierischen Instinkte ein häusliches Leben unmöglich machen. Nachdem das Tier eine Küche verwüstet, Mehl und Eier verschüttet, den Herd umkippt und das Ganze anschließend in Brand gesteckt hat, wird es von seinem Erretter schweren Herzens in einem Reservat ausgesetzt, wo es bereits ein Weibchen gefunden hat, bevor der Nachspann läuft.

In den Variationen dieses Themas begegnet man meist auch der selbstverständlichen Darstellung von Rohstoffgewinnung als einem uralten Bestandteil der Natur. Im Frühjahr treiben die Baumstämme den Fluß entlang bis zum Sägewerk. Auf den Wiesen daneben recken Rinder bereitwillig ihr Hinterteil dem Brandeisen entgegen. Die Wildtiere hingegen, Zentauren bei der Hochzeit gleich, stören die natürliche Ordnung der Rohstoffgewinnung. Daher müssen sie gehegt werden und an Orte verbannt, wo sie dem industrialisierten Ablauf der Natur nicht in die Quere kommen. Die Wildtiere selbst sind dankbar für diesen Schutz. Disney hat die Umkehrung ökologischem Denkens vertretbar und einleuchtend gemacht.

In einer dritten Filmgattung präsentierte uns Disney mit Filmen wie The Horse In The Gray Flannel Suit und The Incredible Journey schließlich Tiercharaktere, die derart menschliche Züge trugen, daß sie durchaus von Menschen hätten gespielt werden können.

Für sich alleine gesehen, scheinen sie von unschuldiger Oberflächlichkeit zu sein. Im Zusammenhang mit seinen "ernsthaften" Naturfilmen betrachtet, zeigt sich auch hier Disneys Hang zur Übertragung menschlicher Maßstäbe auf die Tierwelt.

In Disney World erinnert auch das Tempo, mit welchem die Natur als Attraktion dargeboten wird, an die Filmwelt. Wer nicht mehr als ein paar hektische Tage außerhalb der Stadt verbringt, kennt ohnedies nicht die endlosen Stunden der Ruhe, den langsamen Wechsel von Licht und Dunkel oder den beschwerlichen Aufstieg mit Gepäck auf einem steilen Pfad, die allesamt charakteristisch für echte Naturerlebnisse sind.

Im Film besorgt es die Schneidetechnik: Die Jahreszeiten wechseln, ehe man bis zum Boden seines Popcornsackerls vorgedrungen ist, und innerhalb von zwei Stunden bekommt man so viele Aktivitäten einer Spezies zu sehen, wie diese Tiere in einem ganzen Jahr nicht vollbringen.

Dies wird im Themenpark von Walt Disney in Echtzeit übertragen. Mit dem Bergwerkszug beispielsweise dauert es nur fünf Minuten von Arizona nach Wyoming und auf dem Jungle Cruise lugt hinter jedem Strauch ein riesiges Raubtier hervor. Das verzerrte Bild von Natur und Wildnis wird von den meisten Besuchern als echt erlebt.

Was aber bedeutet es für eine Bevölkerung, die immer mehr an eine industriell aufbereitete Natur gewohnt wurde, sich mit einer unverändert natürlichen Umgebung abfinden zu müssen? Wo die Jahreszeiten noch im ursprünglichen Kreislauf wechseln, Blumen nicht im Zeitraffer ihre Knospen öffnen und Tiere sich entweder verstecken oder die Flucht ergreifen?

Wirken da nicht ein Wüstenboden oder eine Feuchtzone im Vergleich zu einer disneyfizierten Landschaft geradezu stumpf und leblos, sind ihre widerstandsfähigen, stacheligen Pflanzen ohne jede Musikbegleitung nicht schrecklich langweilig und mit Abstand uninteressanter als jedes Einkaufszentrum? Es gibt keine richtige Natur mehr - denn Natur besteht aus Bären, Riesenschlangen und sich im Takt der Musik duellierenden Schafböcken. Wer könnte da nicht dankbar sein, wenn Disney uns mit seinem nächsten Naturpark beglückt, in dem einige der ursprünglichen Pflanzen erhalten wurden und so zu unserer Erbauung besichtigt werden können?

Chris Clarke ist Redakteur des Earthland Journal, einer in San Francisco erscheinenden Zeitschrift für Naturschutz.

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