„Eine alte menschliche Aktivität“

Von Redaktion ·

Die senegalesische Frauenaktivistin Madjiguène Cissé sprach mit Südwind-Mitarbeiterin Téclaire Ngo Tam über den Zusammenhang von Migration und Entwicklung.

Südwind-Magazin: Wie hängen aus Ihrer Sicht Migration und Entwicklung zusammen?
Madjiguène Cissé:
Sehr eng. Migration ist eine alte menschliche Aktivität. Die Leute haben sich immer bewegt und werden sich auch in Zukunft bewegen, um sich zu entwickeln.

In afrikanischen Ländern bedeutet Migration oft „Braindrain“, den Verlust intellektueller Kapazitäten.
Das ist leider wahr. Bei politischen Unruhen müssen oft die Intellektuellen fliehen. Und dann arbeiten viele unserer Intellektuellen lieber im Ausland. Das ist schade, weil Afrika gerade diese Leute für seine Entwicklung bräuchte.

Das Positive daran sind die Rücküberweisungen in die Heimat.
Ja, die kommen aber meist von einfachen Menschen, die in einer Fabrik oder ohne Qualifikation als Händler arbeiten.

Werden diese Rücküberweisungen für Entwicklung eingesetzt oder sind sie nur eine unproduktive Rente?
Dieses Geld schafft leider oft keine Entwicklung. Es wird in Prestige-Objekte gesteckt, weil die Leute zeigen wollen, dass sie oder ihr Sohn oder ihre Tochter erfolgreich migriert sind. Zum Beispiel bauen sie sehr große Häuser.
Einige, hauptsächlich diejenigen, die vom Land kommen, machen auch nützliche Investitionen für das Dorf. Sie finanzieren einen Brunnen oder eine kleine Krankenstation.

Die Mehrheit der Migranten sind Frauen. Erleben sie Migration anders als Männer?
Vor und nach der Unabhängigkeitsbewegung der 1960er Jahre war Migration hauptsächlich männlich. Seit den 1980er Jahren migrieren viel mehr Frauen. In Frankreich ist unter Migrantinnen die Arbeitslosigkeit höher. Sie sind auch viel weniger gebildet als die Männer.
Manche junge Mädchen fliehen vor Genitalverstümmelung; junge Frauen fliehen, weil sie nicht die dritte Ehefrau eines alten Mannes werden wollen. ­Sexistische Verfolgung wird jedoch kaum als Asylgrund anerkannt.

Madjiguène Cissé, geboren in Senegal, ging 1996 zusammen mit ihrer Tochter nach Paris. Trotz legalem Aufenthaltsstatus schloss sie sich der aufkommenden Sans-Papiers-Bewegung an, die sich für illegalisierte Migrantinnen und Migranten einsetzt, und wurde eine deren Sprecherinnen. Seit 2000 lebt sie wieder in Dakar, wo sie das Frauennetzwerk Réseau des femmes pour le dévelopment durable en Afrique (refdaf) gründete und dessen Direktorin sie bis heute ist.

Haben Frauen auf der Flucht andere Probleme als Männer?
Ja, sie haben sehr viele Probleme. Zum Beispiel wenn die Frauen für die Männer kochen oder auch die Kleider waschen müssen. Manche Frauen werden schwanger und gebären auf der Strecke. Frauen können auch Opfer sexueller Gewalt von Männern werden.

Was kann man Frauen zu ihrem Schutz raten?
Man muss den Frauen raten, vorsichtiger zu sein und sich nicht allein, sondern wenn möglich mit anderen Frauen auf den Weg zu machen. Und die Frauen sollten sich vorher darüber informieren, was sie erwartet.

Und in den Zielländern, wie könnten da die Frauen unterstützt werden?
Nach der Ankunft sollen sie als erstes Kontakt mit Frauenorganisationen aufnehmen. Zum Glück gibt es in jedem Land im Norden Organisationen, die Frauen unterstützen.

Wie gestaltet sich die Beziehung zu den Daheimgebliebenen?
Fast alle haben weiterhin Beziehungen zu ihrer Familie. Das ist wichtig, denn im Norden fühlen sie sich oft sehr einsam und brauchen die Ermunterung und die Unterstützung der Familie. Und umgekehrt, wenn die Familie sehr arm ist, dann braucht sie finanzielle Unterstützung durch den Migranten oder die Migrantin.
Das erzeugt einen großen Druck. Es macht uns sehr traurig, zum Beispiel in Paris Leute aus Afrika zu sehen, die völlig ihren Lebenssinn verloren haben. Nach Hause können und wollen sie nicht mehr zurück. Sie schämen sich, weil sie nicht mit leeren Händen kommen wollen.

Was muss geschehen, damit Migration stärker der Entwicklung zugute kommt?
Die Migranten und Migrantinnen sollen Bildung erhalten. So, dass sie Lust haben, Unternehmen zu gründen und auch direkt in die Entwicklung ihres Landes zu investieren. Die afrikanischen Staaten wiederum sollten Anreize zum Zurückkommen und Investieren schaffen.
Wir brauchen die Migration. Mein Appell an Europa, an europäische Bürgerinnen und Bürger und an die Europäische Union, ist, dass man gemeinsam alles tun sollte, damit alle Menschen auf diesem Planeten das Recht haben, sich zu bewegen und sich zu entwickeln.

Madjiguène Cissé kam auf Einladung von Südwind und VIDC anlässlich der internationalen Konferenz „Bridging the Gap“ im Rahmen der gemeinsamen Initiative für Migration und Entwicklung, CoMiDe, nach Österreich.
Téclaire Ngo Tam, geboren in Kamerun, ist Bildungswissenschaftlerin und arbeitet für Südwind bei der Initiative ­CoMiDe.

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