„Eine Existenz ohne Hoffnung“

Der prominente argentinische Autor Martín Caparrós erklärt im Interview, woher der Hunger in der Welt kommt und weshalb er uns nicht genug aufregt.

© Esther Vargas_CC BY-SA 2.0

Sie haben den ganzen Planeten bereist, um den globalen Hunger zu erforschen. Wieso?

Ich arbeite seit vielen Jahren zu sozialen und politischen Themen. Dabei habe ich bemerkt, dass hinter all den Geschichten, die ich erzähle, immer das gleiche Problem steht: Menschen, die nicht genug zu essen hatten. Deshalb entschied ich, an verschiedene Orte der Welt zu reisen, um die unterschiedlichen Aspekte dieses Problems zu beschreiben. Der Hunger sollte in meinem Buch aber nicht etwas Abstraktes oder Theoretisches sein. Es sind 800 oder 900 Millionen Menschen, die hungern. Ich wollte zumindest einigen dieser Menschen einen Raum geben, ihre Geschichten zu erzählen.

Was hat Sie auf ihrer fünfjährigen Reise am meisten bewegt?

Mir wurde klar, dass weltweit etwa 1,5 Milliarden Menschen existieren, die keinen Platz im System haben. Natürlich sind die Hungernden der harte Kern dieser Gruppe, aber es gibt auch jene, die zwar genug zu essen haben, aber dennoch im Weltsystem nicht verwertet werden können. Mich beeindruckt, dass das globale System einen sehr großen und wichtigen Teil seiner Ressourcen nicht verwendet – nämlich die Arbeitskraft dieser Menschen. Wenn ich der Chef einer Fabrik wäre und 30 Prozent meiner Maschinen abgeschaltet wären, würde ich schnell rausgeworfen werden. Das zeigt die Nutzlosigkeit des globalen Wirtschaftssystems. Es verdammt sehr viele Menschen zu einer Existenz ohne Hoffnung. In einigen Ländern bekommen sie Unterstützung, aber für das System wäre es besser, sie würden sterben, da sie nichts Verwertbares beisteuern. Nur weil sie uns beschämen, kümmern wir uns um sie – allerdings minimal.

Eines der UN-Millenniumsentwicklungsziele war die Halbierung des Anteils hungernder Menschen an der Weltbevölkerung bis 2015. Hat man sich diesem Ziel angenähert?

Die sichtbarste Strategie der UNO, um das Ziel zu erreichen, war die Manipulation der Zahlen. Als das Ziel im Jahr 2000 formuliert wurde, sollte der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung bis 2015 im Vergleich zu 1990 halbiert werden. Damals sagte man, dass 1990 etwa 800 Millionen Menschen gehungert hatten. Vor etwa vier Jahren – als man bemerkte, dass man das Ziel nicht erreichen würde – begann man, die Anzahl derer, die 1990 gehungert hatten, zu erhöhen. Heute heißt es, dass 1990 knapp über eine Milliarde gehungert hätten.

Auf der anderen Seite stimmt es, dass der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung im Vergleich zu 1990 gesunken ist. Das aber vor allem wegen China, wo 200 Millionen Menschen weniger hungern. Es ist traurig, dass ausgerechnet China die größten Erfolge aufweist. Es verbindet die schlimmsten Seiten aller Systeme: Eine Parteidiktatur mit entfesseltem Kapitalismus. An anderen Orten – vor allem in Afrika – ist die Zahl der Hungernden gestiegen.

Welche gemeinsamen Wurzeln haben die verschiedenen Ausformungen des Hungers auf der Welt?

Der Hunger ist nie ein technisches Problem. Es geht nicht um die Unfähigkeit, ausreichend Nahrung zu produzieren, sondern um ökonomische und politische Entscheidungen darüber, wie die Nahrungsmittelproduktion organisiert ist. Heute könnten wir Nahrung für zwölf Milliarden Menschen produzieren, tun es aber nicht, weil das globale System darauf abzielt, die reichen Gesellschaften mit Nahrung zu sättigen, während die armen nicht ausreichend zu essen bekommen. Alle Ausformungen des Hungers sind demnach die Konsequenz der Konzentration des Reichtums in einigen wenigen Händen.

Welche Rolle spielte die „Grüne Revolution“ ab Ende der 1960er Jahre für den globalen Hunger?

Wir haben es hauptsächlich der „Grünen Revolution“ – also den technologischen Verbesserungen in der Landwirtschaft – zu verdanken, dass wir heute für alle Menschen ausreichend Nahrung produzieren könnten. Das Problem ist, dass nur wenige Großkonzerne von den landwirtschaftlichen Verbesserungen profitieren. Man darf die neuen Technologien aber nicht verteufeln, nur weil sie heute von den Großkonzernen kontrolliert werden. Man muss sie zurückgewinnen und sie im gemeinschaftlichen Interesse verwenden. Das Schlimmste an vielen Umweltbewegungen ist die Annahme, dass alle technologischen Veränderungen schlecht sind und deshalb verhindert werden müssen. Die traditionelle Landwirtschaft reicht aber nicht aus, um über 7,5 Milliarden Menschen zu ernähren.

Wie wirkt sich unser Essverhalten auf den globalen Hunger aus?

Beispiel Fleischkonsum: Um ein Kilo Fleisch zu produzieren, braucht man etwa zehn Kilo Getreide. Hier fällt also eine enorm wichtige ökonomische und politische Entscheidung. Entweder du gibst die zehn Kilo Getreide zehn Personen, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, oder du fütterst damit eine Kuh, damit letztlich eine Person Fleisch bekommt. Das globale System der Nahrungsmittelproduktion zielt darauf ab, möglichst teure Produkte an die Menschen zu verkaufen, die am meisten Geld haben. Weil wir so essen, wie wir essen, bleibt für viele Menschen auf der Welt nicht genug übrig.

Dazu kommen Mechanismen wie die hohen Agrarsubventionen in den reichen Ländern, welche die Produzentinnen und Produzenten in ärmeren Ländern massiv unter Druck setzen. Oder auch die Rohstoffbörse in Chicago, wo spekulative Investitionen die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben. Es geht nur darum, dass die Großkonzerne mehr Geld verdienen, nicht darum, die ganze Welt zu ernähren. Anhand des Hungers kann man die Mechanismen der gesamten Weltwirtschaft besser verstehen. Hier sind die Ungerechtigkeiten besonders deutlich, weil es kaum etwas Brutaleres gibt, als jemanden verhungern zu lassen.

Wie könnte man die Nahrungsmittelsicherheit und die Ernährungssouveränität weltweit steigern?

Auf jeden Fall ist es wichtig, die Kontrolle über das Saatgut und über die Produktion zurückzugewinnen. Es wären Regulationsmechanismen in vielen Ländern nötig, um einheimische Produzentinnen und Produzenten vor der subventionierten Konkurrenz aus dem Norden zu schützen. Bis in die 1980er Jahre existierten solche Schutzmechanismen für Entwicklungsländer, doch auf Druck von IWF und Weltbank wurden sie abgeschafft.

Außerdem ist ein Wandel des Gewissens nötig – das Hungerproblem muss wichtig für uns werden. Bis jetzt ist der Hunger immer ein Problem der Anderen. Weder du noch ich noch unsere Freunde und Verwandten werden je Hunger leiden. Deshalb halten wir den Hunger zwar für etwas Schlechtes, aber wir denken nicht lange darüber nach. Solange uns das Thema nicht interessiert und wir unsere Politikerinnen und Politiker nicht dazu drängen, es auf die Agenda zu setzen, wird sich nichts ändern.

Interview: Manuel Preusser. Er studiert Internationale Entwicklung und arbeitet als Journalist in Wien.

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