Eine Hand allein kann nicht klatschen. Westsahara – mit Frauen im Gespräch

Gundi Dick

Studie, Löcker Verlag, Wien 2014,  174 Seiten; € 19,80

„Ich erzähle meine Geschichte, nicht um Mitleid zu erregen, nicht um zu klagen, sondern damit du spürst, dass der Kampf nicht leicht ist. Ich möchte, dass du – da du dir die Zeit nimmst, da du dein Herz geöffnet hast – auch mit anderen darüber sprichst. Ich kann das tausendmal erzählen, wenn es nötig ist.“ Sukaina, 57 Jahre. Erzählen heißt bei den ehemals nomadischen Sahrauis mehr als eine Geschichte auszubreiten. Geschichten dienen der Politisierung, der eigenen Identitätsfindung und sind Mittel gegen das Vergessen. Dieser Erzählpraxis bedient sich auch Gundi (ich übernehme den sahrauischen Usus, Menschen mit dem Vornamen anzusprechen) in ihrem Buch, in dem zehn Frauen und ein Mann zu Wort kommen.

Im ersten Drittel ihres Werkes stellt sie die jüngere Historie und die Gegenwart des von Marokko kolonialisierten Staates in einer so gut verständlichen Art und Weise dar, dass man sich beim Lesen der Gespräche als nicht ganz unwissender Laie fühlt. Denn wem ist schon bewusst, dass sich Marokko mittels eines 2.700 km langen, verminten Mauersystems vor dem von der Frente Polisario befreiten Gebiet abschirmt und dass diese „Mauer der Schande“ Familien seit beinahe vierzig Jahren trennt? Dass für Sahrauis in dem annektierten Gebiet, das den Großteil der Fläche Westsaharas umfasst und in dem sich eines der größten Phosphatvorkommen der Welt befindet, die Menschenrechte nur bedingt gelten?

Die Gespräche, bei denen Gundi ihre Gegenüber einfach erzählen ließ und nur durch gezielte Fragen unterbrochen hat, komprimiert sie zu spannenden Berichten, die sie mit notwendigen Erläuterungen, aber auch zu alltäglichen Bräuchen unterbricht. Ihre InterviewpartnerInnen hat sie in algerischen Flüchtlingslagern getroffen, im besetzten Gebiet wie auch auf internationalen Konferenzen zu diesem Krieg, der als „vergessener Konflikt“ beschönigend umschrieben wird. Gundi gehört zu den wenigen weltweit, die gegen dieses Vergessen anschreiben. Deshalb: Lesen!
Rudi Lindorfer

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