Eine Klasse für sich. Besitz, Herrschaft und ungleiche Entwicklung in Chile 1830 – 2010

Karin Fischer

Sachbuch. Nomos Verlag, Baden-Baden 2011, 208 Seiten, EUR 39,00

Salvador Allende, sozialistischer Präsident Chiles von 1970 – 1973, sagte einmal, er wisse, dass er nicht der Präsident aller Chilenen sei. Ein politisch nicht kluger Satz, aber ein wahrer Satz. Denn die herrschende Klasse der Besitzenden begnügte sich nicht mit der Rolle der Opposition, sondern sie sahen Allende nicht als ihren Präsidenten an. Er müsse verschwinden, wenn nötig mit Gewalt, wie es dann beim Putsch vom 11. September 1973 auch geschah.

Karin Fischer präsentiert eine äußerst genaue und detailreiche Untersuchung dieser herrschenden Wirtschaftselite, die letztlich auch immer die politische Macht kontrollierte. Sie analysiert ihre Entwicklung von der aristokratischen Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts über die importsubsistuierende Industrialisierung im 20. Jahrhundert bis zur Etablierung des Neoliberalismus unter den Bedingungen der Diktatur.
Die Autorin weist in ihrer Studie auf politische Faktoren hin, die selten beachtet werden. So z.B. dass diese „Klasse für sich“ schon viele Jahre vor der Wahl Allendes die geistigen Voraussetzungen für eine Kehrtwendung geschaffen hat. Sie war ja auch gegen die Reformen der Christdemokraten unter Frei (1964 – 1970).

Die Militärregierung hatte zunächst kein eigenes Wirtschaftskonzept, aber die jungen Ökonomen, bei Friedman und Hayek (beide besuchten Chile unter Pinochet) in Chicago ausgebildet, sprangen ein und erhielten freie Hand, um die Interessen der Wirtschaftselite durchzusetzen. Die Gewerkschaften wurden zerschlagen, Löhne und Gehälter radikal gekürzt, mehrere Privatisierungswellen veränderten grundlegend das Land.

Im Epilog geht Fischer kurz auf die Situation seit der 2010 erfolgten Wahl des Rechtspolitikers Sebastian Piñera zum Präsidenten ein. Sie meint, dass es für die Konsolidierung des Neoliberalismus wichtig war, dass nicht die diskriminierte Rechte regierte, sondern die „Concertación“, die das Protestpotenzial weitgehend gebunden hat. Daher gebe es jetzt, unter der Rechtsregierung, mehr Freiraum für eine Protestbewegung, die von den Schulen und Universitäten ausgeht und auf eine Veränderung des Systems abzielt.

Herbert Berger

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen