Eine kubanische Legende sagt „Adiós“

Das „Orquesta Buena Vista Social Club“ befindet sich auf seiner Abschiedstour und macht im April auch in Wien Station. Sones, Boleros und Guajiras werden wieder Sehnsüchte wecken.

Von Werner Leiss
Am 19. April im Wiener Konzerthaus: Eliades Ochoa, Barbarito Torres, Omara Portuondo, Jesús „Aguaje“ Ramos, Guajiro Mirabal (v. l.).

Seit bald 20 Jahren erfreuen die mit zahlreichen Auszeichnungen überhäuften MusikerInnen des Buena Vista Social Club die Welt mit ihrer traditionellen kubanischen Musik. Einige Stars, wie der Pianist Rubén Gonzáles, der Gitarrist Compay Segundo und der Sänger Ibrahim Ferrer sind nicht mehr unter uns. Die Grande Dame der kubanischen Musik, die legendäre Sängerin Omara Portuondo, steht jedoch nach wie vor auf den Bühnen dieser Welt. Dabei sind außerdem etliche Größen aus dem Umfeld. Entweder waren sie seit Anbeginn mit von der Partie oder aber wurden im Zuge von etlichen Soloprojekten und Folgetourneen zu einem festen Bestandteil. Einen derart anhaltenden Erfolg konnte bei der Aufnahme des ersten Albums 1996 niemand ­ahnen.

Nicht geringen Anteil hat ein US-Amerikaner mit verkaufsförderndem Namen – der Sänger und Gitarrist Ry Cooder. Er hatte bereits in den 1970er Jahren ein Faible für traditionelle Musik aus allen Richtungen entwickelt und in den 1990er Jahren „Talking Timbuktu“, ein erfolgreiches gemeinsames Album mit dem großen, 2006 verstorbenen malischen Gitarristen Ali Farka Touré eingespielt. Bereits dieses Album erschien auf dem Londoner World Circuit Label, das sich schon damals auf westafrikanische und kubanische Musik spezialisiert hatte und nach wie vor von Nick Gold betrieben wird.

Die Geschichte geht so, dass sich Cooder und Gold 1996 in Havanna aufhielten und vergeblich auf Musiker aus Mali warteten, diese blieben aber aufgrund von Visa-Problemen irgendwo hängen. Zum Glück war da Juan de Marcos González von den Afro-Cuban All Stars. Er war in den 1970ern Mitbegründer der Gruppe Sierra Maestra gewesen, die sich schon damals des Repertoires der 1920er bis 1940er Jahre bedient hatte. Er wusste, wo die Stars von Gestern wohnen und versammelte sie im Studio. Aufgenommen wurde von Ry Cooder und Nick Gold über einen Zeitraum von sieben Tagen.

Der Rest ist Geschichte: Das „Buena Vista Social Club“-Album ist das meistverkaufte World Music Album aller Zeiten. Daneben erschienen 1997 gleichzeitig „A Toda Cuba Le Gusta“ von den Cuban Allstars und „Introducing Rubén Gonzáles“. Der Musikfilm von Wim Wenders 1999, in dem die Atmosphäre von Havanna festgehalten wird und Konzertausschnitte gezeigt werden, hat zum Weltruhm noch zusätzlich einiges beigetragen.

Jahre auf Tournee und etliche Soloprojekte folgten. Für das Frühjahr wird nun ein Album mit unveröffentlichtem Material angekündigt. Es nennt sich „Lost and Found“ und beinhaltet Aufnahmen, die während der ersten Sessions mit Ry Cooder und Nick Gold entstanden sind, sowie auch solche aus dem darauf folgenden großen musikalischen Output.

Enthalten ist Compay Segundos „Macusa“, aufgenommen für das originale Buena Vista-Album. Es ist ein Stück im Santiago-Stil Son, mit dabei Eliades Ochoa mit Gesang und Gitarre. Von ihm werden auch Sologesang- und Gitarren-Nummern zu hören sein, die er spät in der Nacht in den Egrem Studios eingespielt hat, nachdem alle anderen längst fort waren. Omara Portuondo singt „Lágrimas Negras“, einen der beliebtesten Songs im kubanischen Repertoire, aufgenommen in den Egrem Studios in Havanna mit Barbarito Torres und seiner Laute. Er wirkt auch im aktuellen Orquesta mit. Daneben Live-Tracks von Ibrahim Ferrer und Rubén González mit einer Performance von einer seiner ersten Shows in London, als er 80 Jahre alt war, sowie sein letztes aufgenommenes Solo bei einem Danzón-Lied, angedacht für ein Album des Posaunisten und aktuellen Bandleaders Jesús „Aguaje“ Ramos. Das klingt nach einer ausgereiften Produktion, eine Resteverwertung ist in diesem Fall nicht zu befürchten.

Der Buena Vista Social Club ist schon lange eine eingetragene Marke. Trotzdem haben etliche Projekte in der Vergangenheit am Erfolg partizipiert und tourten mit dem Stadtteilnamen „Buena Vista“ um die Welt. Echt und mit Omara Portuondo sowie anderen von Anfang an beteiligten MusikerInnen ist jedoch nur das „Orquesta Buena Vista Social Club“. Das hochkarätige Ensemble hält die Tradition mit Würde und Verve hoch und kann am 19. April im Wiener Konzerthaus ein letztes Mal live in Österreich erlebt werden.

Andere Projekte warten schon auf die Mitwirkenden, und jedes Märchen geht einmal zu Ende. Omara Portuondo, die 1930 in Havanna geboren wurde, tourt unermüdlich seit vielen Jahren um die Welt. Wer weiß, was sie wirklich noch vorhat, aber ein Lebensabend auch abseits der Bühne sei ihr gegönnt.

Werner Leiss ist Musikkritiker des Südwind-Magazins und Redakteur des „Concerto“, Österreichs Musikmagazin für Jazz, Blues und Worldmusic.

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