„Eine Tochter ist nichts wert“

Menuka Thapa ist Gründerin und Leiterin von Raksha Nepal, der einzigen Organisation im Land, die sich für Opfer sexueller Ausbeutung und für Prostituierte einsetzt. Das Welthaus hat sie nach Österreich eingeladen, Südwind-Redakteurin Nora Holzmann hat mit ihr gesprochen.

Menuka Thapa

Südwind-Magazin: Seit 2004 kämpfen Sie mit Ihrer Organisation für Frauenrechte in Nepal. Worum genau geht es bei Ihrer Arbeit?
Menuka Thapa:
Armut, mangelnde Bildung und die Folgen des jahrelangen Konflikts – das sind die Faktoren, die viele Mädchen und Frauen dazu bringen, in die Hauptstadt Kathmandu zu kommen. Sie haben nichts zu verkaufen außer ihren Körper. Die allermeisten wollen es eigentlich nicht, aber sie haben keine andere Wahl. In ganz Nepal leben 200.000 Frauen und Mädchen so. Für sie und mit ihnen arbeiten wir.

Wie alt sind die betroffenen Frauen und woher kommen sie?
Die meisten sind sehr jung, schon Elfjährige sind darunter. Viele gehören der ethnischen Gruppe der Tamang an und kommen aus dem hügeligen Mittelland, wo es wenig Grundlagen zum Überleben gibt. Sie kommen nach Kathmandu, arbeiten in Bars oder Massagesalons. Dort müssen sie eben das tun, was der Besitzer verlangt. Und der will schnell ein reicher Mann werden.

Wenn nun ein Mädchen in so einer Situation zu Ihnen kommt, was tun Sie um zu helfen?
Wir konzentrieren uns auf die Reintegration der Mädchen in die Gesellschaft. 1.600 Mädchen haben wir schon aus dem Geschäft herausgebracht. Wir haben ein Frauenhaus, wo bis zu 35 Frauen jeweils maximal ein Jahr bleiben können und versorgt werden. Danach bekommen sie ein Startgeld, um etwa ein kleines Geschäft aufzubauen. Wir unterstützen Frauen mit Berufsausbildung, Alphabetisierungskursen und Gesundheitschecks. Und wir bieten Betreuung für ihre Kinder an.

Pro Jahr werden etwa 15.000 Mädchen aus Nepal in Nachbarländer verschleppt, vor allem nach Indien. Im Sommer verhängte Ihre Regierung einen Ausreisestopp für junge Frauen in die Golfstaaten, um Missbrauch Einhalt zu gebieten. Ist das sinnvoll?
Nicht wirklich. Die Mittelsmänner wollen Geld verdienen, also finden sie irgendeinen anderen Weg, die Mädchen dorthin zu bringen. In der Praxis bewirkt das Verbot nichts, aber die Regierung erntete Beifall.

Was ist Ihr persönlicher Beweggrund, sich im Kampf für die Rechte von Frauen und Mädchen zu engagieren?
Meine Mutter wurde mit zehn Jahren an meinen Vater verheiratet. Mit 13 war sie das erste Mal schwanger, mit einem Mädchen. Doch eine Tochter ist nichts wert in Nepal. Also wurde sie jedes Jahr wieder schwanger und immer wurde es ein Mädchen. Ich habe sieben ältere Schwestern und einen Bruder. Meine Großeltern wollten einen zweiten Enkelsohn. Und wieder wurde meine Mutter schwanger – und zwar mit mir. Noch während der Schwangerschaft starb mein Vater bei einem Unfall. Meine Mutter stand unter Schock und wurde psychisch krank. Dann kam ich zur Welt – ein Mädchen. Die Schwiegereltern setzten meine Mutter daraufhin vor die Tür. Sie konnte nicht mehr schlafen, essen oder sprechen. Aber sie begann, hart zu arbeiten, als Hilfsarbeiterin. Sie wusste vom Wert der Bildung und schickte mich in die Schule.

Wie kam es dann später dazu, dass Sie Raksha Nepal gründeten?
Als ich elf war, starb meine Mutter. Ich fühlte mich sehr allein. Drei Mal versuchte ich, mir das Leben zu nehmen. Ich lebte auf der Straße in Kathmandu und erlebte viele schlimme Dinge. Später begann ein hilfsbereites Ehepaar, mich finanziell bei meiner Ausbildung unterstützen. Sie wollten, dass ich Krankenschwester werde. Ich aber wollte Sängerin werden. In einer Bar sah ich dann das ganze Spektrum von sexueller Belästigung und Gewalt. Ich freundete mich mit den betroffenen Mädchen an und brachte ihnen Schreiben bei. Wir fanden, es müsste endlich eine Organisation geben, die sich um Betroffene kümmert.

Wie wird denn Ihre Arbeit in Nepal gesehen? Erfahren Sie Unterstützung durch die Politik?
Politiker reden zwar mit mir, aber es bleibt bei Lippenbekenntnissen. Es gibt freilich Gesetze zum Schutz der Frau, aber es ist fast unmöglich, sie durchzusetzen. Derzeit wird an einer neuen Verfassung gearbeitet (siehe Kasten). Alle möchten ihre Interessen darin verankert sehen. Wir stehen dabei vor einer besonderen Herausforderung. Denn in unserer Kultur spricht man nicht über Dinge, die mit Sex zu tun haben.

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