Einseitig Englisch

Standpunkt 9/2006

Von Goran Ritan
Ich schätze Ihre Arbeit sehr und finde Südwind großartig. Doch leider finde ich den Kommentar „Mythos Sprachensterben“ in der letzten Nummer nicht korrekt, da er sehr einseitig ist. Es stimmt, dass Sprache ein wichtiges Kommunikationsmittel ist. Aber nicht jeder Mensch hat die Gabe, eine Fremdsprache einfach lernen zu können. Man kann intelligent und kreativ sein, und trotz aller Bemühungen daran scheitern, eine Fremdsprache fehlerfrei zu erlernen. Und dadurch entstehen am Arbeitsmarkt Nachteile gegenüber Personen mit Englisch als Muttersprache. Ich halte es für keine gute Idee, die englische Sprache zur Weltsprache zu erklären. Das wäre wirklich Sprachimperialismus mit allen negativen Folgen, die Imperialismus mit sich bringt. Ich stelle mir da folgendes Szenario vor: Meine Muttersprache ist Englisch, deswegen muss ich keine Fremdsprache lernen. Doch wenn Sie ein Geschäft mit mir machen wollen, dann müssen Sie Englisch können. Aber Sie brauchen keine Sorge um ihre Muttersprache zu haben, denn Sie bekommen einen neuen Dialekt, der wird aus dem Englischen stammen.
Heißt das nicht, meine Sprache ist nicht gleichwertig mit Englisch, wenn sie zu den kleineren Sprachen gehört? Bin ich dadurch auch weniger wert, weil ich nicht Englisch kann?
Sogar in Österreich ist es bereits so, dass für viele Arbeitsstellen Englischkenntnisse Grundvoraussetzung sind, Deutschkenntnisse hingegen nur als Vorteil angesehen werden. Wenn Sie bei großen Betrieben mit internationalem Charakter eine Position ab dem mittleren Management oder als SoftwareentwicklerIn möchten, wird Englisch in Wort und Schrift vorausgesetzt, nicht Deutsch. MigrantInnen mit anderen Muttersprachen müssen nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch lernen, um am Arbeitsmarkt zu bestehen. Dadurch haben sie einen Nachteil gegenüber MigrantInnen mit Muttersprache Englisch.
Die Frage ist nicht, ob wir eine Weltsprache brauchen. Ja, wir brauchen eine Sprache, mit der wir global kommunizieren können. Die Lösung wäre eine Weltsprache, die komplett neu ist, mit einfacher Grammatik, Aussprache und Schrift, sodass sie jeder und jede leicht erlernen kann. Und vor allem lernen muss.
Der Titel „Mythos Sprachensterben“ trifft meiner Meinung nicht den Inhalt.
Der wahre Titel könnte heißen „Englisch kann und soll meiner Meinung nach auf der ganzen Welt als Zweitsprache unterrichtet werden, sodass wir Engländer überall arbeiten und besser leben können.“
Goran Ritan
per E-Mail

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