„Emigration aus Afghanistan hat lange Tradition“

Die afghanische Anthropologin Khadija Abbasi erklärt, warum so viele Menschen Afghanistan verlassen und welche Verantwortung dabei der Westen hat.

Khadija Abbasi© Christina Schröder

Wieso kommen aktuell so viele Afghanen nach Europa?

Es gibt nach wie vor bewaffnete Konflikte im Land, allen voran mit den Taliban, al-Kaida und seit neuestem dem IS. Dadurch fehlt es an Sicherheit und an Jobs.

Der Plan des Westens war es, Afghanistan schrittweise wieder die Verantwortung für die Sicherheit zu übergeben. Die NATO-Mission endete 2014. Ist dieser Plan gescheitert?

Ja. Seit die Truppen weg sind, ist es unsicherer. Und seit die NGOs weg sind, gibt es weniger Jobs. Der Westen müsste nicht zuletzt stärker Druck auf Pakistan aufbauen, das ein sicheres Rückzugsgebiet für die Taliban und andere Gruppen ist. Ein Großteil der internationalen humanitären Hilfe versickert, da Korruption immer noch ein großes Problem ist.

Was hätten die USA und ihre Partner besser machen können?

Es fängt schon damit an, mit wem man in Afghanistan redet. Man sollte möglichst viele Gruppen und Minderheiten miteinbeziehen. Das hat der Westen nicht geschafft! Zudem wurden Hilfsgelder nicht fair aufgeteilt.

Inwiefern?

Von den Geldern aus den USA gingen etwa 90 Prozent in den Süden Afghanistans, in konfliktreiche Gebiete. Aber man hätte auch stabilere Regionen stärken müssen, zum Beispiel Bamiyan in Zentral-Afghanistan.

Wie sehen Sie die aktuelle Rolle Europas?

Europa ist ja durch die Flüchtlingsbewegung von der Situation in Afghanistan stärker betroffen als die USA. Ich finde, daher sollten die Europäer mehr Verantwortung übernehmen. Bei den aktuellen Friedensgesprächen in Afghanistan ist Europa nicht aktiv genug.

Wissen jene, die nach Europa kommen, wie gefährlich die Flucht ist?

Manche unterschätzen es, aber die meisten kennen das Risiko. Emigration aus Afghanistan hat seit Jahrzehnten Tradition. Gerade bedrohte Minderheiten wie etwa die Hazara, die immer wieder Opfer von Diskriminierung werden, haben transnationale Netzwerke, die heute meist über soziale Medien verbunden sind.

Interview: Richard Solder

Khadija Abbasi forscht momentan in Mazar-e Sharif im Norden Afghanistans zu ethnischen Konflikten. Sie war Anfang 2016 auf Einladung des VIDC in Wien.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen