Endlich ein kritisches Musical

Die globalisierungskritisch-entwicklungspolitisch aktive Szene wird demnächst auch die Musical-Welt erobern. Diesen Eindruck hatte ich nach dem Besuch einer Vor-Vor-Vorpremiere von „Tone das Superphone“, einem Musical, das demnächst auf den Vereinigten Bühnen in Wien aufgeführt werden soll.

Für die Südwind-LeserInnen hier die Handlung vorab: Die Hauptperson ist Tone, ein superelegantes Mobiltelefon. Es gehört einem vielbeschäftigten Manager und ist nur auf den besten Plätzen dieser Welt zu Hause. Tolle Shops, tolle Hotels und tolle Datenautobahnen. Es ist das Alter Ego seines Bosses und nur bei Fernreisen ein wenig eifersüchtig auf die Ehefrau des Geschäftsmannes. Da hat es den Eindruck, die Ehefrau sei dem Manager doch näher. Es erlebt eine kleine Krise und singt den Song: „Ich fühl mich so benutzt.“

Aber das sind nur kurze Momente. Tone atmet auf, als der gestresste Geschäftsmann sehr spezielle Seiten anklickt: Einsamkeit hat einen Namen und er lautet nicht www.derstandard.at. Das Leben für Tone läuft wunderbar, bis es zum Handyraub auf dem Bahnsteig der Flughafen-Schnellbahn kommt: „Handy her oder ich mach dich AKH.“ So schnell kann es gehen und man landet auf der anderen Seite der Welt.

In einem Shop, wo mit gebrauchten Handys gehandelt wird, kommt unser Protagonist in Kontakt mit der Unterwelt. Einsam sitzt das Gerät auf einem Regal und findet sich in einer Identitätskrise wieder: „Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht arbeite? Wie konnte ich große Teile der Wirklichkeit ausblenden?“ (Hier erinnert das Musical ein wenig an einen katholischen Aschermittwoch-Gottesdienst.) Unser Gerät geht heimlich zum Therapeuten, einem Super-Smart-Phone und erhält eine Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ „In dir steckt ganz viel: Tantal, Kobalt, Kupfer, Nickel, Gold und Platin.“

Aber es erfährt auch von den Nebenwirkungen seiner Herstellung – Umweltschäden und ausgebeutete ArbeiterInnen: „Ich dachte immer ich sei aus Liebe entstanden und jetzt merke ich: Es war reine Gier!“ Das Handy ist verzweifelt, große Orchestermusik setzt ein. Da lernt es ein anderes Gerät kennen, mit dem es Datenaustausch via Bluetooth hat. Es fasst neuen Mut, entscheidet sich für eine Schönheitsoperation und wird im Shop von einer Globalisierungskritikerin erstanden, die sich voller Tatendrang einsetzt für die Herstellung von fairen Handys. Ich empfehle das Musical weiter. Aber sollte jemand auf die Idee kommen, dass wir einen globalisierungskritischen Fairtrade-Andreas Gabalier brauchen: Ich bin es nicht. 

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien. Programm und Termine auf www.georg-bauernfeind.at

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