Engel Pfau muss flüchten

Die anhaltende Verfolgung der Religionsgemeinschaft der Yezidi im Irak und die Vernachlässigung ihrer Siedlungsgebiete führt zu einem zunehmenden Exodus nach Europa.

Von Thomas Schmidinger
Das Grab von Scheikh Adi, das Heiligtum in der kurdischen Ortschaft Lalisch.

Seit über zwei Jahren wartet Mirza* auf seinen Asylbescheid. Bis dschihadistische Banden das Leben für Yezidi in Mossul unmöglich machten, lebte der Kurde in der nordirakischen Metropole. Nachdem dort immer mehr Angehörige dieser vorislamischen Religionsgemeinschaft auf offener Straße ermordet wurden und das Ziel verkündet wurde, die Verbliebenen aus der Stadt zu vertreiben, floh er nach Syrien, um von dort nach Europa zu gelangen. Seine Familie blieb im Irak zurück; sie kann erst nach einem positiven Asylbescheid nach Österreich nachreisen. „Nach den Anschlägen vom August 2007 sehen wir endgültig keine Zukunft mehr im Irak“, resümiert er in seiner Unterkunft für AsylwerberInnen.

Der 14. August 2007 war als letzter trauriger Höhepunkt der Verfolgungen der Yezidi in die Geschichte eingegangen. Die BewohnerInnen des Dorfes Qhattania im Dschebel Sindschar-Gebiet in der Nähe der syrischen Grenze waren schon seit Tagen weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. El Kaida hatte in einer Fatwa Muslimen „angeordnet“, Yezidi keine Nahrungsmittel zu geben. Als ein LKW in das Ortszentrum fuhr und sich als Lebensmitteltransport ausgab, rannten die DorfbewohnerInnen zum Fahrzeug – als dieses detonierte. Ein Selbstmordattentäter hatte sich, den LKW und hunderte ZivilistInnen in die Luft gesprengt. Als Überlebende zum Ort des Anschlags eilten, rasten zwei weitere Attentäter mit ihren Autos in die Menge und sprengten sich ebenfalls in die Luft. Wenig später kam es auch im nahe gelegenen Dort Adnania zu einem Selbstmordanschlag. Insgesamt wurden in beiden Dörfern an diesem Tag 796 Menschen getötet und weitere 1.500 verletzt.

Die Anschläge bilden für die Yezidi eine Fortsetzung jahrhundertelanger Verfolgungen und Massaker. In der yezidischen Geschichtsschreibung wird von 72 Vernichtungskriegen gesprochen, die tausenden Menschen das Leben kosteten, in denen weitere tausende zum Islam zwangsbekehrt wurden, gegen die sich aber auch yezidische Gemeinden behaupten konnten.

Letztlich basiert die Verfolgung der Yezidi auf einem über Jahrhunderte hinweg tradierten Missverständnis. Die auf unterschiedliche vorislamische Wurzeln zurückgehende Religion der Yezidi, auf Kurdisch Êzîdî genannt, verehrt neben Gott selbst auch den Engel Tausî Melek, der Engel Pfau, der als erster und treuester Engel Gottes gilt. Da Tausî Melek Gott besonders treu verehrte, hielt er sich auch an Gottes erstes Gebot, niemanden außer Gott selbst anzubeten. Deswegen weigerte er sich, dessen Anweisung Folge zu leisten, sich nach der Erschaffung Adams vor dem Menschen niederzuwerfen. Tausî Melek wurde deswegen zwar seines Amtes als oberster Engel enthoben, allerdings im Gegensatz zur christlichen und islamischen Höllenvorstellung wandelte er sich nicht zum Teufel. Im Gegensatz zu diesen beiden Religionen kennen die Yezidi keine Vorstellung von Hölle als Ort ewiger Verdammnis. Gott ist für die Yezidi so allmächtig, dass es keine zweite Kraft eines personifizierten Bösen neben ihm geben kann. Die Ähnlichkeit der Geschichte des Engels Pfau mit der des islamischen „Iblis“ und des christlichen Teufels, der sich aus Arroganz weigerte, sich vor den Menschen niederzuwerfen, wurde jedoch über Jahrhunderte dazu benutzt, den Yezidi zu unterstellen, „Teufelsanbeter“ zu sein.

Der anhaltende Druck auf die religiöse Minderheit, aber auch die politische Repression gegen sie als Kurdinnen und Kurden sowie die wirtschaftliche Vernachlässigung ihrer ländlichen Siedlungsgebiete führte in den letzten Jahrzehnten zu einem Exodus nach Europa.

Heute leben in Deutschland über 60.000 Yezidi, die mittlerweile in einer Vielzahl von – teilweise miteinander rivalisierenden – Vereinen organisiert sind und sich um eine staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft bemühen. Seit 1999 ist mit Feleknas Uca die erste yezidische Kurdin Mitglied des Europäischen Parlaments. In den letzten Jahren kamen auch vermehrt Yezidi nach Österreich. In Oberösterreich und Wien haben sich erste Vereine gegründet. Insgesamt handelt es sich dabei erst um einige Dutzend Familien, zu denen allerdings immer wieder neue Familienangehörige hinzu stoßen.

In der europäischen Diaspora haben viele yezidische Familien mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie ihre muslimischen Landsleute, beginnend von der vielfach sichtbaren Ablehnung durch die Mehrheitsbevölkerung, dem oft über lange Jahre unsicheren Aufenthaltsstatus, ökonomischen, aber auch familiären Problemen. Wie viele andere Religionsgemeinschaften verbieten auch traditionelle Yezidi ihren Kindern, außerhalb der eigenen Gemeinde zu heiraten. Nicht alle halten sich an diese Vorschrift, die in den yezidischen Gemeinden in Georgien schon zu Sowjetzeiten erodierte. Aber die konservativen Gemeinschaften des Irak und der Türkei bestehen auf den traditionellen Heiratsvorschriften.

Der wichtigste yezidische Reformer Scheikh Adi führte im 12. Jahrhundert ein striktes Kastensystem ein, das zwischen der politischen Führungskaste, den Scheikh, den religiösen Führern, den Pîr, und den allgemeinen Gläubigen, den Murid, unterscheidet und das nur Eheschließungen innerhalb der jeweiligen Kaste gestattete. Dazu kommen noch Unterkasten und Clans. So existieren innerhalb der Pîr neun verschiedene Unterkasten. In der Emigration ist es insbesondere jungen Yezidi aus der Pîr- und Scheikh-Kaste fast unmöglich, „legitime“ PartnerInnen zu finden.

Scheikh Adi wurde im wichtigsten yezidischen Heiligtum bestattet, in Lalisch. In dieses in einer wunderschönen Berglandschaft gelegene Dorf kommen Yezidi aus allen Teilen Kurdistans und Europas, um zu beten, religiöse Gesänge (Qewl) darzubringen oder ihre Mädchen in der „weißen Quelle“ (Kanîya Sipî) zu taufen. Am hier gelegenen „Schauplatz der Erkenntnis“ (Sûka Marîfetê) müssen nach yezidischer Vorstellung die Seelen nach ihrem Ableben Rechenschaft ablegen. Der Ursprung des heiligen Ortes ist unklar. Mit großer Wahrscheinlichkeit existierten hier jedoch bereits lange vor der Islamisierung der Umgebung altiranische Sonnen- oder Feuertempel des Mithras-Kultes oder des Zarathustrismus. Wer den Ort besucht, darf sich auf dem heiligen Boden nur barfuß bewegen. Ganze Großfamilien halten hier unter Schatten spendenden Bäumen ihr Picknick ab. Während die Eltern ihre Gebete sprechen, spielt manch ein Teenager mit seinem Handy herum.

Der Ort hat jedoch kaum ständige BewohnerInnen. Die meisten Yezidi der Region leben in der nahe gelegenen Kleinstadt Scheikhan und den Dörfern der Umgebung, die unter Saddam Hussein zerstört und nach 2003 wieder aufgebaut wurden. In Scheikhan residiert auch der Baba Scheikh, das geistliche Oberhaupt der Yezidi. Der derzeitige, seit 1999 im Amt befindliche Baba Scheikh weiß aus erster Hand über die Probleme Bescheid, die die strikten Heiratsregeln für junge Yezidi in der Diaspora mit sich bringen. Die Familie eines Bruders lebt in Deutschland.

„Es gibt dazu viele Diskussionen innerhalb unserer Gemeinschaft“, bestätigt er bei einem Tee in seinem Haus, „aber so etwas kann man nicht von heute auf morgen ändern.“ Als Baba Scheikh ist er zwar der höchste Geistliche, allerdings verfügt er nicht über absolutistische Vollmachten wie der Papst in der römisch-katholischen Kirche: „In der Vergangenheit haben uns diese Vorschriften geholfen, uns in einer feindlichen Umgebung zu schützen. Ob sie heute noch zeitgemäß sind, müssen wir offen diskutieren.“

In dem Fall der siebzehn Jahre alten Dua Khalil Aswad, die im April 2007 aufgrund ihrer Liebe zu einem jungen Muslim von ihrer Familie auf offener Straße zu Tode gesteinigt wurde, hatte der Baba Scheikh gemeinsam mit anderen Geistlichen vergebens versucht, das Mädchen zu schützen. Neben dem Baba Scheikh hatte auch das traditionelle politische Oberhaupt, der im 20 Kilometer von Lalisch entfernten Baadre residierende „Prinz“ Mir Tahsin Saied Ali Beg, den „Ehrenmord“ öffentlich scharf verurteilt. Dies änderte nichts daran, dass der Fall wiederum von islamistischen Gruppen im ganzen Nahen Osten genutzt wurde, um gegen Yezidi zu hetzen.

In einer politisch dermaßen an den Rand gedrängten Minderheit lassen sich kontroversielle Fragen wie das Kastenwesen und die Ehevorschriften nur schwer offen diskutieren, und so sehnen sich viele irakische Yezidi nach Europa, wo sich mehr Freiräume ergeben, angstfrei zu leben und damit auch innerhalb der Glaubensgemeinschaft die Möglichkeiten für Reformen zu schaffen.

Thomas Schmidinger ist seit 2004 Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und seit September 2010 für ein Jahr Research Fellow am Center for Austrian Studies an der University of Minnesota, USA.

*) Name geändert.

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