„Entkolonialisiert die Weinindustrie!“

Südafrikanischer Weinbau hat eine jahrhundertealte Tradition. Aber nur für weiße Männer. 26 Jahre nach Ende des Apartheidregimes beginnt sich das zu ändern.

Von Markus Schönherr, Südafrika

Nondumiso Pikashe hat ein Weinlabel gegründet: Ses’fikile – übersetzt: „Wir sind angekommen.“© privat

In ihrem früheren Leben war Nondumiso Pikashe Lehrerin in einem südafrikanischen Township. Heute zählt sie zu jener Handvoll Weinbäuerinnen, die im jahrhundertelang von weißen, wohlhabenden Männern bestimmten Sektor aufmischt. Der Name ihres Weinlabels lautet Ses’fikile – übersetzt: „Wir sind angekommen“.

Südafrikas Weinindustrie ist mehr als nur ein lukrativer Wirtschaftszweig, sie hat Symbolwert. Und sie ist ein Spiegel der Gesellschaft. 1652 hatte der Holländer Jan van Riebeeck den ersten Weinstock in die damalige Kapkolonie gebracht. Vom ersten Tag an schufteten Schwarze als SklavInnen auf den Farmen.

Später wurde Wein „made in South Africa“ trotz der Sanktionen gegen das Apartheid-Regime zum Kultgetränk in der ganzen Welt.

Weiterhin gab es für die ArbeiterInnen keine Gleichstellung. Bis 1961 war gar der Verkauf von Wein an Schwarze verboten.

Schwarze Frauen als Winzerinnen, das ist noch immer eine kleine Revolution am Kap. Die Weinindustrie teilt sich auf große Abfüller auf, mit – fast ausschließlich weißen – Familienbetrieben. Nur zwei Prozent des Bodens, auf dem die Reben angebaut würden, befinden sich in den Händen Schwarzer SüdafrikanerInnen*, kritisiert eine Gruppe von Winzerinnen und Winzern. Mit einem Protestmarsch machte sie auf ihre Lage aufmerksam.

Kämpferische Winzerinnen. Protestplakate vor Tafelberg-Kulisse: „Entkolonialisiert die Weinindustrie!“ und „Hört auf, uns zu bevormunden“ war auf den Bannern der DemonstrantInnen zu lesen, die im August vergangenen Jahres vor das Parlament in Kapstadt zogen.

Ihre Anführerin: Vivian Kleynhans, Südafrikanerin und Winzerin. „Die Industrie ist zu verschlossen. Wenn wir nicht nach den Regeln der Weißen im Weinbusiness spielen, sind wir draußen“, sagt sie.

Zwar ist Kleynhans eine der wenigen NeueinsteigerInnen mit eigenem Grund und Boden, sie besitzt neun Hektar gemeinsam mit 30 weiteren Bäuerinnen und Bauern. Trotzdem muss auch sie Trauben zukaufen.

Von Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa und seiner Regierung forderten die DemonstrantInnen mehr Unterstützung. „Der Markteinstieg ist eine große Herausforderung“, so Kleynhans. Abseits des Themas Land fehle Zugang zu Infrastruktur und Produktionsstätten.

Neben Förderungen könnte auch eine Abnahmequote für Supermärkte helfen, die sozialen Strukturen auf Südafrikas Weinfarmen zu verbessern. Denn die LebensmittelhändlerInnen am Kap halten sich in Sachen Wein immer noch überwiegend an Traditionsgüter.

Auch Rosemary Mosia weiß, was es bedeutet, Kämpferin in einer von weißen Männern beherrschten Domäne zu sein. „Viele Besucher auf Weinmessen glauben, dass wir Angestellte von jemandem sind“, klagt die Winzerin.

Überzeugt seien die Wein-Gourmets erst, wenn sie Fachbegriffe der Sommelier-Sprache verwende, so Mosia.

2012 gründete die ehemalige Wirtschaftsprüferin die Marke „Bridge of Hope“, unter der sie Wein nach Afrika, Asien und Europa exportiert.

Ihr Weingut befindet sich im Internet, denn ein eigenes Stück Land fehlt Mosia. Soll heißen: Sie kauft die Trauben für ihren Wein von bereits etablierten Weingütern. Damit bringt die Winzerin das Problem vieler auf den Punkt: „Solange wir kein Land besitzen, ist unser Geschäft nicht nachhaltig.“

Debatten um Landbesitz. Seit Jahren sorgt das Thema Land in Südafrika für politische Debatten. 2018 sprach sich das Parlament überwiegend für entschädigungslose Enteignungen aus. Opposition und konservative Interessengruppen wollen dies um jeden Preis verhindern.

Sie fürchten, Südafrika könnte denselben Pfad einschlagen wie der nördliche Nachbar Simbabwe. Dort hat die Landwirtschaft durch die Landreform des mittlerweile verstorbenen Langzeitdiktators Robert Mugabe schweren Schaden genommen.

„Der Wandel geht sehr langsam voran. Die Mehrheit Schwarzer Weinbauern ist abhängig von unerschwinglichen Pachten und der Zusammenarbeit mit anderen Weingütern“, sagt Koni Maliehe.

Die aus Johannesburg stammende Winzerin kann dem Sektor aber auch gute Seiten abgewinnen: „Ich habe rund um den Erdball wunderbare Menschen getroffen, die zu Freunden wurden.“ Zudem hätten einige weiße Farmer die Notwendigkeit von Reformen erkannt.

Jedenfalls beruhe die Beziehung zu ihrem Geschäftspartner auf „Respekt, guten Werten und einem Win-Win-Ansatz“ – etwas Machbares, wenn beide Seiten den Willen mitbringen. „Am Ende brauchen wir alle einander“, so Maliehe.

Der renommierte Weinbauort Stellenbosch, etwa 40 Minuten östlich von Kapstadt: Hier wohnt Beverly Farmer, Gründerin der Organisation „Women in Wine“. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen im Wein-Business zu helfen, auf eigenen Beinen zu stehen. Durch ein eigenes „Women in Wine“-Label, das sechs verschiedene Weine produziert, will sie ihnen beim Markteinstieg helfen.

„Südafrikas geschichtsträchtige Weinindustrie kann ziemlich einschüchtern. Deshalb ist es mir wichtig, von ihren unbesungenen Helden und Heldinnen zu erzählen – den Menschen, die in den Weinbergen und Kellern arbeiten“, so Farmer.

Als Ex-Marketingbeauftragte eines großen Weinunternehmens will sie ihre Erfahrung weitergeben. Und das scheint zu funktionieren. „Wir können heute zusehen, wie Kauffrauen und Kellermeisterinnen anstandslos von Angestellten zu Unternehmerinnen werden.“

Markus Schönherr ist freier Journalist in Pretoria und berichtet für deutschsprachige Medien aus dem südlichen Afrika.

Die Redaktion empfiehlt das humorvolle Buch „Farbenblind“ (Karl Blessing Verlag, München 2017, 336 Seiten, € 20,60 in der Südwind Buchwelt; im Original „Born a Crime“) von Trevor Noah, das das Leben in der Apartheid in Südafrika in seiner ganzen Absurdität zeigt.

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