„Entwicklung ist Erwachen“

A. T. Ariyaratne ist Begründer und Präsident der Sarvodaya Shramadana Bewegung, der größten Nichtregierungsorganisation in Sri Lanka. SÜDWIND-Mitarbeiter Friedrich Ofner sprach mit ihm in Stadtschlaining über Dorfentwicklung, Globalisierung, Microsoft und Friedensmeditationen.

Von Friedrich Ofner
Südwind: Sarvodaya besteht seit 46 Jahren. Wie hat es angefangen?
Ariyaratne:
Damals war die Schulausbildung komplett abgehoben vom eigentlichen Leben und beschränkte sich auf Bücher, Schulräume und Prüfungen. Die Schüler, Mädchen und Burschen, erfuhren nichts über ihr eigenes Land, ihre eigene Kultur. Es war das Schulsystem der Kolonisatoren. Ich war damals oft in ländlichen Gegenden zu Gast und wollte auch meinen Schülern die Gelegenheit bieten zu sehen, wie die Menschen am Land leben. So stellte ich eine Gruppe zusammen, und wir besuchten mehrere Dörfer. Alles, was wir den Dorfbewohnern anbieten konnten, war unsere Arbeit. Wenn keine Straßen zu den Dörfern führten, bauten wir Straßen. Und wenn es keine Brunnen für sauberes Trinkwasser gab, bohrten wir Brunnen. Von diesem Prozess profitierten die Schüler letztlich mehr als die Landbevölkerung – sie durften das Zusammenleben in der Dorfgemeinschaft erfahren.
Bis 1966 waren wir bereits in einigen hundert Dörfern aktiv, als uns bewusst wurde, dass wir nicht länger eine Bildungsorganisation waren, sondern eine Dorfentwicklungsorganisation.

Was hat sich dadurch verändert?
Wir wählten hundert Dörfer aus, um dort regelmäßig zu arbeiten. Wir begannen unser Dorfentwicklungsprojekt am hundertsten Geburtstag Mahatma Gandhis und gaben ihm den Namen „Sarvodaya Shramadana-Bewegung“. Sarvodaya bedeutet: „Alle erwachen“ oder „Das Erwachen aller“. Shramadana bedeutet: „durch teilen“.
Gemeinsam mit den Dorfgemeinschaften starteten wir ein Programm, um die zehn wichtigsten menschlichen Bedürfnisse zu definieren. An erste Stelle setzten die 600 Dorfbewohner, die sich daran beteiligten, eine intakte Umwelt. Das war 1966, als noch niemand von Umweltschutz gesprochen hat! Als zweitwichtigstes Grundbedürfnis wurde eine angemessene Versorgung mit sauberem Trinkwasser genannt. Als drittes Kleidung, viertens Nahrung, fünftens Gesundheitsversorgung, sechstens Wohnraum, siebtens Energieversorgung, achtens Bildung – ganzheitliche Bildung von der Geburt bis zum Tod – neuntens kulturelle und zehntens spirituelle Bedürfnisse. Die Weltbank hat unsere Definition übernommen, aber falsch interpretiert. Wir haben nicht von Geld oder Lohnarbeit gesprochen. Für uns sind das Mittel, um Grundbedürfnisse zu befriedigen, jedoch stellen sie selbst keine Grundbedürfnisse dar.

Nach welchen Kriterien werden Projekte ausgewählt und wie definiert Sarvodaya den Begriff „Entwicklung“?
Wir haben über unterschiedliche Formen von Entwicklung nachgedacht: Soziale, politische und ökonomische Entwicklung. Weltbank, Internationaler Währungsfonds (IWF) und Regierungen meinen mit „Entwicklung“ meist nur ökonomische Entwicklung. Deshalb richten sich ihre Bestrebungen ausschließlich darauf, das Pro-Kopf-Einkommen und das Bruttonationalprodukt zu vergrößern. Sie haben keine Standards erarbeitet, um die Zufriedenheit von Menschen zu messen. Ist der reichste Mann im Land auch der glücklichste? Nein! Unser Begriff für Entwicklung ist „Erwachen“ und wir definieren sie als einen Prozess, der spirituelle, moralische, kulturelle, soziale, ökonomische und politische Werte integriert und verfeinert. Wir begannen als Bildungsbewegung, wurden zu einer Dorfentwicklungsbewegung, und gingen dann mit „Erwachen“ in eine neue Richtung.
Unser Prinzip lautet: Respekt gegenüber allem Leben – ein Prinzip, das langsam aus unserem Alltagsleben schwindet. Wer davon überzeugt ist, will andere Menschen darin unterstützen, ihre Leiden zu überwinden. Menschen leiden, wenn sie kein sauberes Wasser, kein Essen, keine Bildung und keine Gesundheitseinrichtungen haben. Wir arbeiten mit ihnen, damit sie ihr Leid selbst überwinden können. Während wir unsere Arbeit und unser Wissen teilen, lernen wir auch etwas von ihnen. Dieses Geben und Nehmen schafft viel Freude.

Die negativen Auswirkungen der Globalisierung machen auch vor Sri Lanka nicht halt. Was kann eine einzelne Nichtregierungsorganisation wie Sarvodaya ausrichten?
Die Globalisierung verursacht großen Schaden für unsere Märkte und Produktionsprozesse. Wir Menschen bilden nicht deswegen eine Gemeinschaft, weil sich unsere Handels- und Verkehrswege kreuzen. Vielmehr sollten wir uns als eine Familie betrachten. Ökonomische Globalisierung sollte ein fairer und gerechter Prozess sein, was unmöglich ist, solange reiche Länder hohe Zölle auf Produkte aus armen Ländern aufschlagen. Im Gegenteil wird die Wirtschaft armer Länder im Namen der Globalisierung zerstört. Deshalb fördern wir bei der wirtschaftlichen Entwicklung der Dörfer ihre Eigenständigkeit, zum Beispiel mit dem von uns initiierten alternativen Banksystem. Heute betreiben wir über 1.000 Banken in den 15.000 Dörfern, die wir betreuen, und jede Woche kommen vier oder fünf neue dazu. Die Dorfgemeinschaft zahlt Geld ein und wählt selbst Direktoren, die von uns ausgebildet werden und ihre Arbeit ehrenamtlich leisten.
Wir arbeiten nicht nur mit spirituellen Werten, sondern auch mit modernen Kommunikationstechnologien. Kommunikation soll nicht nur von oben nach unten verlaufen, sondern auch von unten nach oben und horizontal. Microsoft kam mit der Frage auf uns zu, ob wir mit ihnen ein Projekt machen wollten. Wir sagten: „Nein. Wir wollen, dass IHR mit UNS ein Projekt macht.“ Mit viel Mühe haben wir zehn Internet-Zentren etabliert, wo Dorfbewohner national und international direkt mit anderen kommunizieren können. Nun hat Microsoft zugesagt, Internet-Zentren in 480 weiteren Dörfern einzurichten.

Sarvodaya ist seit Beginn des Bürgerkriegs in Sri Lanka um eine Lösung des Konflikts bemüht. Auf welche Weise hat die Organisation Einfluss auf den Friedensprozess genommen?
Wir begannen bereits 1960 damit, junge Menschen der tamilischen und singhalesischen Bevölkerungsgruppe bei veranstalteten Camps zueinander zu bringen, um ein besseres Verständnis der jeweils anderen Kultur zu fördern und nach gewaltfreien Lösungen des Konflikts zu suchen. 1983, nach Ausbruch des Bürgerkrieges, starteten wir ein Fünf-Punkte-Programm: Fürsorge, Rehabilitation, Wiederaufbau, Aussöhnung und „Wiedererwachen“. Wir arbeiteten nicht nur für eine Bevölkerungsgruppe – wer betroffen war, dem wurde geholfen.
Auch veranstalten wir das größte Friedensmeditationsprojekt der Welt. Menschen aller Volksgruppen und Religionen kommen an einem Ort zusammen und meditieren gemeinsam für den Frieden. Einmal nahmen 650.000 Menschen an einer solchen Friedensmeditation teil, darunter buddhistische Mönche, ein katholischer Erzbischof, Hindus und Muslime. Einen Tag vor dieser Großveranstaltung warf man eine Bombe vor mein Haus. Glücklicherweise wurde trotz der starken Explosion niemand verletzt. Nachdem sie von dem Attentat erfahren hatten, kamen 150.000 Menschen mehr als erwartet zur Veranstaltung. Friedensarbeit kann gefährlich sein.

Glauben Sie, dass die Prinzipien von Sarvodaya in eine andere Kultur „übersetzt“ werden können, in eine nicht-buddhistische?
Ich denke ja. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung Sri Lankas Buddhisten sind, gibt es auch viele Hindus und Muslim. In der Bewegung sind alle Religionsgruppen vertreten. Auch wenn es sich um eine nicht-buddhistische Gesellschaft handelt, können Sarvodayas Prinzipien angewendet werden, sie haben nichts mit Religion zu tun. Das gilt für das Prinzip der Eigenständigkeit ebenso wie für das Prinzip des Teilens mit der Gemeinschaft.

Friedrich Ofner studierte Kommunikationswissenschaften und Ethnologie. Er lebt in Wien.

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