Entwicklung ist nur ein Wort

Es gibt Indizien, dass der Begriff „Entwicklung“ ausgedient hat. Doch die SDGs, die jüngsten Entwicklungsziele der Weltgemeinschaft, bieten die Chance, ihn neu aufzusetzen.

Von Irmgard Kirchner
© Illustration: Thomas Kussin

Mit ihrem diesjährigen Bericht streicht die Weltbank das „Entwicklungsland“ aus ihrem Vokabular. Ärmere Regionen müssten differenzierter betrachtet werden. Die NGO Oxfam deckt auf, dass das deutsche Entwicklungsministerium unter dem Deckmantel der Hungerbekämpfung einseitig die Agenda großer Agrarkonzerne verfolgt, konkrete Markenprodukte und zum Teil hochgiftige Pestizide empfiehlt. Zwei aktuelle Blitzlichter, die die Verwendung des Begriffes „Entwicklung“ für obsolet oder zumindest fragwürdig erscheinen lassen. Der Begriff ist tatsächlich intellektuell unscharf. Er verschleiert mehr, als er erhellt. Unter seinem Deckmantel passieren – sagen wir es neutral – wirklich diskussionswürdige Dinge. Der fundamentalste Makel ist jedoch, dass „Entwicklung“ – wie meistens gedacht – ein Machtverhältnis ausdrückt: Entwickeln soll sich immer der andere. Mehr aus Bequemlichkeit und institutionellem Beharrungsvermögen denn aus Überzeugung wird der Begriff dennoch weiterhin für alles Mögliche verwendet. Eine lebendige öffentliche Diskussion darüber, was wir unter „Entwicklung“ verstehen und welche Entwicklung anzustreben ist, findet in Österreich nicht statt. Selbst dort, wo man sich institutionalisiert mit „Entwicklung“ auseinandersetzt – ob als Entwicklungszusammenarbeit, -hilfe oder -politik – mangelt es an echtem Gestaltungswillen. „Entwicklung“ gilt als politisches Nischenthema, höchst gefährdet in Zeiten von wachsendem Nationalismus und grassierenden Existenz- und Abstiegsängsten.

Alles Entwicklungsländer. Doch es gibt eine positive Entwicklung für die „Entwicklung“. Vor genau einem Jahr hat die Weltgemeinschaft die Sustainable Development Goals (SDGs) verabschiedet: 17 untereinander verflochtene Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Welt bis 2030. Man könnte lamentieren, wozu es neue, noch ambitioniertere Ziele als ihre Vorgänger, die Millennium Development Goals, braucht. Wenn doch den einen wie den anderen die völkerrechtliche Verbindlichkeit und damit die Sanktionsmöglichkeit bei Nichterreichung fehlt. Wer mit Reflexkritik auf als ritualisiert empfundene Politik reagiert, übersieht etwas Wesentliches. Die SDGs als umfassender Katalog gemeinsamer sozialer, ökonomischer und ökologischer Ziele haben eine neue Grundannahme. Ihre Stärke liegt in dem Konsens, dass alle Länder der Welt sich entwickeln müssen. Wenn auch in unterschiedlichen Bereichen. Doch die gemeinsamen Ziele gelten für alle, ob es sich um die Bekämpfung von Armut, Steuergerechtigkeit, Zugang zu Bildung oder die Abkehr von fossilen Energieträgern handelt.

Raus aus der Nische. Mittels der SDGs kann „Entwicklung“ raus aus der Nische geholt und zu einem gesamtgesellschaftlichen Unterfangen in reichen sowie in armen Ländern werden. Nehmen wir „Entwicklung“ ernst, so müssen wir unsere eigene Eingebundenheit in die Welt, unsere Wirkung durch unseren Lebensstil, reflektieren. Hier kommt viel Arbeit auf jene Menschen, Institutionen und Organisationen zu, die dazu beitragen, das dafür notwendige Bewusstsein, das ein Weltbewusstsein sein muss, zu schaffen. Die SDGs sind nicht nur für die Frage globaler Gerechtigkeit und Abwendung des ökologischen Kollapses relevant. Sie sind auch eine Chance für die eigene Gesellschaft. Denn eine Gesellschaft, die sich nicht entwickelt, stirbt.

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