Entwicklungsmodell Fußball

NGOs haben den beliebten Sport für sich entdeckt. Wie kann eine simple Ballsportart dabei helfen, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken?

Von Christina Bell
Im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari soll Fußball den syrischen Jugendlichen helfen, Traumata zu überwinden.

Der Fußballsport zieht Millionen Menschen weltweit in seinen Bann. Was genau die Anziehungskraft der Sportart ausmacht, lässt sich nicht eindeutig sagen. Fußball hat jedenfalls das Potenzial, religiöse, kulturelle und ethnische Grenzen zu überwinden.

Immer mehr Projekte versuchen, dieses Potenzial zu nutzen. Mittlerweile gibt es hunderte soziale Entwicklungsprogramme, die durch Fußball Lebensumstände verändern wollen. Kinder, Frauen, Flüchtlinge – die unterschiedlichsten Zielgruppen stehen dabei im Mittelpunkt.

Die Vereinten Nationen haben 2003 die erste von mehreren Resolutionen verabschiedet, in der sie Regierungen, Sportorganisationen, NGOs und Unternehmen anregen, Sport als Mittel für Entwicklung und Frieden zu nutzen.

Natürlich heißt Sport nicht immer gleich Fußball. In einigen Regionen der Welt ist nicht Fußball die bedeutendste Sportart. Was die internationale Verbreitung und Beliebtheit betrifft, ist sie allerdings unerreicht.

2002 gründete die NGO Streetfootballworld ein weltweites Netzwerk für eine Vielzahl existierender Programme. Über 90 Organisationen in mehr als 60 Ländern sind heute Mitglied. Auch der Weltfußballverband FIFA hat das soziale Potenzial des Fußballs erkannt und fördert seit 2005 Organisationen des Netzwerks über das Programm „Football for Hope“.

In Fußball-Projekten sollen Teamgeist und soziale Kompetenzen gestärkt werden. Straßenkindern werden neue Perspektiven vermittelt, Mädchen und Frauen trainieren neben dem Dribbeln am Ball ihr Selbstbewusstsein, um sich in patriarchalen Gesellschaften zu behaupten. Auch bei der Bewältigung von Konflikten und Krisen kann Fußball hilfreich sein. Im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari beispielsweise wird Fußball für ein friedliches Miteinander von syrischen und jordanischen Jugendlichen eingesetzt.

Hoffnungen und Träume sind zentrale Elemente in der globalisierten Welt des Fußballs. Die professionellen Fußballerinnen und Fußballer träumen von Titeln und Triumphen, Kinder und Jugendliche davon, in ihre Fußstapfen treten zu können. Die Geschichten einiger Fußball-Stars klingen wie moderne Märchen. Was auch Gefahren birgt: „Da entstehen Hoffnungen, die den Keim des Scheiterns in sich tragen“, sagt Gerald Hödl.

Der Pädagoge hat sich jahrelang wissenschaftlich im Bereich der Internationalen Entwicklung mit Fußball auseinandergesetzt. „Es gibt afrikanische Familien, die für eine Ausbildung ihrer Söhne in einer Fußballakademie viel Geld zahlen, ohne dass sich die damit verbundenen Hoffnungen jemals erfüllen“, so Hödl. Nur die wenigsten schaffen es nach Europa (siehe Beitrag auf Seite 32).

Riskieren Entwicklungs-Projekte, die auf Fußball setzen, ebenso enttäuschte Hoffnungen? Christoph Mailliet, Leiter des Bereichs „Globale Netzwerkentwicklung“ bei Streetfootballworld sieht diese Gefahr nicht: „In den von uns unterstützten Programmen geht es darum, Jugendliche auf die Herausforderungen des lokalen Alltags vorzubereiten und eben nicht darum, ihnen das Leben als Profifußballer schmackhaft zu machen“, so Mailliet. „Ziel ist es, Jugendliche in Bildungs- oder Gesundheitsprogramme zu integrieren, ihnen Perspektiven aufzuzeigen und gemeinsam an ihren persönlichen Fähigkeiten zu arbeiten.“

In Brasilien setzt Streetfootballworld gemeinsam mit der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) das Programm „Fußball für Entwicklung“ um. Das Projekt will vor allem in ärmeren, von Kriminalität und Gewalt geprägten Gegenden die Sportbegeisterung zur Jugendförderung nutzen. Im vielleicht fußballverrücktesten Land der Welt sind auch andere Organisationen mit dem Fußball im Gepäck aktiv: In Zentren der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern etwa wird versucht, Straßenkindern durch Fußball eine Perspektive zu geben. Viele Jugendliche kommen aus einer Lebenswelt voller Aggressivität. Mit dem Fußball lernen sie Regeln einzuhalten und auf andere Menschen zu achten. Bildung und Sport gehen in den „Fußball für Straßenkinder“-Projekten, die auch die österreichische Organisation Jugend eine Welt unterstützt, Hand in Hand. Am Ende soll eine (Re-)Integration in den brasilianischen Arbeitsmarkt stehen.

Für Gerald Hödl passt Fußball mit Bildungsinitiativen gut zusammen. Sowie mit Programmen zur Konfliktbewältigung: „Straßenfußballprojekte in Kolumbien konnten beispielsweise dazu beitragen, das Gewaltlevel in bestimmten Stadtvierteln zu reduzieren“, so Hödl. Allerdings rät er davon ab, zu große Erwartungen zu haben. Nicht zu jeder Zielgruppe passe Fußball. Die ältere Bevölkerung könne mit Fußballprojekten etwa nicht erreicht werden. Hödl warnt zudem davor, Fußball und Entwicklung zu sehr zu einer Mode werden zu lassen, ohne von Fall zu Fall die Sinnhaftigkeit zu prüfen: „Sonst ist die Gefahr groß, dass schlampig konzipierte, unseriöse Projekte bei Fördergebern eingereicht werden.“ 

Die Autorin, Südwind-Redakteurin und ­Manchester United-Anhängerin, dribbelte in Jugendjahren für den FC Götzis in Vorarlberg.

www.footballfordevelopment.net

www.kickfair.at

www.streetfootballworld.org

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