Entwicklungspolitik

Franz Nuscheler

Sachbuch. 7., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2012, 432 Seiten, EUR 18,80

Seit mehr als 20 Jahren erklärt der inzwischen 74-jährige Politikwissenschaftler Franz Nuscheler Interessierten die Welt der Entwicklung. Und er tut es so kompetent, dass Neulinge genauso wie ExpertInnen seine Bücher mit Bereicherung lesen können. Die mittlerweile 7. Auflage des Standardwerks enthält nicht nur eine Aktualisierung der vorherigen: sie ist um weitere Themen und Aspekte angereichert.

Eine ernüchternde Erkenntnis aus mehr als 60 Jahren Entwicklungspolitik ist, dass selbst reiche Länder, in denen es ein Leichtes wäre, in Infrastruktur und allgemeine Wohlfahrt zu investieren, meist in Unterentwicklung verharren. Nuscheler nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, korrupte Regimes im Zusammenspiel mit internationalen Konzernen für die wachsende Armut in rohstoffreichen Ländern verantwortlich zu machen. Er spricht vom Ressourcenfluch, wenn sich dank gieriger und unfähiger Machthaber der Reichtum eines Landes auf wenigen Bankkonten konzentriert, die Armut wächst und ethnische Konflikte angeheizt werden. Wohin Ressourcenarmut führen kann, nämlich auch zu Verarmung, Landflucht und frühem Tod, wird gleich im nächsten Kapitel erläutert.

Von der in den Nachkriegsjahren postulierten nachholenden Entwicklung über die später von Weltbank und Weltwährungsfonds geforderte exportorientierte Strategie bis zu den immer noch gängigen Modellen der Armutsbekämpfung referiert und demontiert Nuscheler die verschiedenen Fehlschläge der so genannten Entwicklungszusammenarbeit.

Dass Wirtschafts- und Entwicklungshilfe oft nicht selbstlos vergeben wird, sondern von wirtschaftlichen oder machtpolitischen Interessen der Geberstaaten geleitet ist, kommt ebenso zur Sprache wie die in den letzten Jahren akut gewordene Entscheidung zwischen Tank und Teller, was die landwirtschaftliche Produktion betrifft. Nuscheler sieht weniger die Preisstabilität von Grundnahrungsmitteln oder die Ernährungssicherheit in den armen Ländern gefährdet, sondern zeigt sich über die neue Stärkung der alten Agraroligarchien vor allem in Lateinamerika besorgt. Mit den fatalen Folgen Landflucht und Umweltvernichtung. Die Diskussion über „Land Grabbing“, die vor allem im subsaharischen Afrika schwere Konflikte ausgelöst hat, greift er zwar auf, bezieht aber – anders als in vielen anderen Kontroversen – keine Stellung.

Der über 400 Seiten starke Band ist gleichermaßen als Lesebuch und als Nachschlagwerk geeignet. Wer in der Entwicklungspolitik mitreden will, sollte den neuen Nuscheler gelesen haben.
Ralf Leonhard

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