„Erfahrungen künstlerisch verarbeiten“

Klischees und Schubladendenken überwinden: Die TheatermacherInnen Tina Leisch und Bernhard Dechant über das Stück „Traiskirchen. Das Musical“.

Tina Leisch und Bernhard Dechant vom KünstlerInnenkollektiv „Die Schweigende Mehrheit“.© Benjamin Breitegger

Worum geht’s im Musical?

Tina Leisch: In Traiskirchen sammeln sich alle, die vor Konflikten davonlaufen. Im Stück glauben sie, dass dort eine Erlöserin offenbart wird. Die Fragen lauten: Wer ist das? Und was ist das Heilsversprechen?

Bernhard Dechant: Gleichzeitig wollen wir uns die Klischees nochmal anschauen, die man sich verbittert an den Kopf schmeißt. Einerseits die naiven Welcome-Klatscher, die nicht wissen, wie es weitergeht. Andererseits die bösen Nazis, die alle Flüchtlinge hassen.

Leisch: Wir mischen ironische Distanz und Anteilnahme, Humor und Ernst. Wir machen uns lustig über die großen Vereinfacher, die für jedes komplizierte Problem eine einfache Lösung parat haben. Und über die vielen Fans plumper Feindbilder. Der eine Muslim mit Bart ist nett, der andere Muslim mit Bart ein Idiot. So wie Glatzköpfe Nazis sein können oder nicht. Wir wollen mit Humor vermitteln, dass wir oft vor lauter Feinden den Feind nicht mehr sehen.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Geflüchteten zustande?

Leisch: Im Juni 2015 gab es Handyvideos von Menschen, die in Traiskirchen am Gehsteig schlafen mussten. Wir haben das Kollektiv „Die Schweigende Mehrheit“ gegründet und mit einer Mahnwache vor der Wiener Oper auf die humanitäre Notsituation aufmerksam gemacht. Wir haben auch vor Ort geholfen. Da wir Theatermacher sind, wollten wir die Erfahrungen künstlerisch verarbeiten.

Dechant: Mit Flüchtlingen, die wir in Traiskirchen kennenlernten, spielten wir „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ mehr als 25 Mal, auf der Bühne und auf öffentlichen Plätzen. Danach wollten wir weiter mit Geflüchteten arbeiten, aber die Theaterarbeit professionalisieren. Für viele Teilnehmer war das Theaterspielen verständlicherweise weniger wichtig als die Freiheit vom Lagerwahnsinn.

Was war die Idee hinter einem eigenen Stück?

Leisch: Jelineks Schutzbefohlene hat ein klares Wir, die Österreicher, die sie bissig kritisiert, und ein Die, die Schutzbefohlenen. Mit dem Musical wollen wir diese zwei Kategorien überwinden, Konfrontationen zeigen zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen, Männern und Frauen, Fanatikerinnen und Toleranten. Selten waren Situationen in Traiskirchen eindeutig.

Ein Beispiel?

Dechant: Es gab damals einen Aufruf, Wasserkocher nach Traiskirchen zu bringen, damit geflüchtete Mütter Baby--brei anrühren können. Ich stehe also vorm Lagertor, plötzlich gibt es ein großes Geschrei und ich sehe, wie ein ORS-Beamter einer Frau einen Wasserkocher wegnimmt, der ihr geschenkt wurde. Der Beamte ist überfordert. Er erklärt, dass er eine Anweisung von oben erhalten habe, Wasserkocher einzusammeln, weil die ehemalige Kaserne ein schwaches Stromnetz hat. Hätten Flüchtlinge Hunderte Wasserkocher angeschlossen, wäre eventuell der Strom zusammengebrochen. Situationen wie diese gab es viele. Es gab nie nur ein Gut und Böse.

Leisch: Das Innenministerium hat uns beispielsweise isnofern geholfen, dass die Leute, die bei den Schutzbefohlenen mitmachten, nicht in ganz Österreich verteilt werden, so dass wir weiter mit ihnen arbeiten konnten. Wir haben mit ihnen nicht nur geprobt, sondern unterstützen sie bis heute, etwa mit Unterkünften oder in ihren Asylverfahren.

Interview: Benjamin Breitegger

Infos zum Stück, Spieltermine: www.schweigendemehrheit.at

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