Erste Versuche

Österreichs Nichtregierungsorganisationen (NGOs) tasten sich langsam an das Web 2.0 heran. Dass die Schritte noch zaghaft sind, liegt nicht nur daran, dass neue Kompetenzen gefragt sind, sondern auch an organisationsinternen Strukturen.

Von David Röthler
Eine NGO ohne eigene Website - fast schon unvorstellbar. Das Internet hat in den letzten 15 Jahren die Möglichkeiten der Verbreitung von Information und der Kommunikation revolutioniert. Aber erst mit dem Web 2.0 - ein Begriff, der im Jahr 2004 geprägt wurde - ist der Paradigmenwechsel erfolgt, der aus dem Internet deutlich mehr als ein traditionelles Medium machte. Trotz der immer größer werdenden Verbreitung von Web 2.0 setzen etablierte NGOs in Österreich Neue Medien noch relativ selten ein. Informelle Initiativen, wie die Initiatorinnen der Lichterkette um das Parlament Ende Juni, nutzen dagegen gerne Facebook, das eine spontane Mobilisierung erleichtert.

Das Rote Kreuz ist eine der großen NGOs, die neue Kommunikationsformen einsetzt. "Obwohl wir im Web 2.0 sehr aktiv sind, ist es für uns nur ein Nebenschauplatz. Die wirklichen Aktivitäten passieren weiterhin bei den Hilfsbedürftigen", sagt Gerald Czech, Web 2.0-Verantwortlicher des Österreichischen Roten Kreuzes und engagierter Blogger. Das Rote Kreuz berichtet in Blogs von Hilfseinsätzen im Ausland, wie zum Beispiel von Gesundheitsschulungen in Namibia und Sudan. Im Blog des Bundesjugendlagers muss sich das Rote Kreuz auch öffentliche Kritik von Teilnehmenden gefallen lassen, da wegen Schlechtwetters nicht alles so wie geplant verlief. Auch die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" lässt in Blogs ihre MitarbeiterInnen von den Einsätzen berichten. Die oberösterreichische Krankenschwester Maria Lindenbauer erzählt beispielsweise über ihre erschütternden Erlebnisse beim Kampf gegen HIV/Aids in Malawi.

Ein Grund für die Zurückhaltung von NGOs, Web 2.0 einzusetzen, ist der nach wie vor festzustellende "digital divide", der dafür sorgt, dass gerade die Zielgruppen der sozialen Wohlfahrt nur schwer über das Internet erreicht werden können. Andererseits finden sie übers Internet Freiwillige für die Mitarbeit. Online-Volunteering, eine unentgeltliche Mitarbeit an Online-Projekten, wird gerade erst entdeckt. Die Idee der Online-Spenden dagegen wurde von vielen NGOs bereits aufgegriffen. Auf Online-Plattformen wie betterplace.org wird Geld für gemeinnützige Projekte gesammelt.

Vielen NGO-MitarbeiterInnen fehlt jedoch schlichtweg das Wissen über die Möglichkeiten von sozialen Medien. Auch ist es nicht immer einfach, mit der raschen Entwicklung innerhalb dieses Feldes Schritt zu halten. Darüber hinaus kostet das Schreiben von Blogs Zeit, die bei der oft prekären Situation von NGOs nur beschränkt zur Verfügung steht. Erste Experimente mit sozialen Medien gibt es jedoch. Das evangelische Diakoniewerk in Gallneukirchen twittert fast täglich Jobangebote, Veranstaltungshinweise und Nachrichten.

Neue Kompetenzen sind gefragt, um authentisch mit den Zielgruppen in einen Online-Dialog zu treten. Blogs, Twitter, Facebook, Flickr, Youtube und viele andere Online-Werkzeuge verlangen nach Experimentierfreude - und das erfordert Mut, sich auf ungewohntes Terrain zu begeben, auch innerhalb der eigenen Organisation. Die Öffentlichkeitsarbeit ist nicht mehr die ausschließliche Domäne der jeweiligen Abteilung oder der dafür zuständigen Person. Die Partizipation von MitarbeiterInnen an der Kommunikation stellt Strukturen innerhalb der NGO infrage und bringt Veränderungen mit sich. Weiters lässt Web 2.0 Zielgruppen nicht nur an der Kommunikation, sondern auch an den Prozessen einer NGO teilhaben. Diesen Eingriff in die "Privatsphäre" einer NGO lässt viele noch über die Möglichkeiten, die Zielgruppe in Prozesse zu involvieren, nachdenken und zögern. Bis zu welchem Grad ist Einbeziehung Außenstehender möglich?

Ein derartiges Kratzen an der bestehenden internen Praxis erlebten die Wiener Grünen im Frühsommer 2009. Hunderte Web 2.0-AktivistInnen organisierten sich, um bei der Erstellung der Wahlliste für die Wiener Gemeinderatswahl mitzustimmen. Am Beispiel der sogenannten Grünen Vorwahlen wurde das politische Potenzial des Internets deutlich. Innerhalb weniger Wochen thematisierten Fernsehen und Zeitung die Schwierigkeit der Demokratie, so wie sie Web 2.0 versteht. Die Partizipationswünsche stellen die Wiener Grünen vor neue Herausforderungen.

Kann Web 2.0 in den nächsten Jahren zum Mainstream werden? Das AfrikaCamp, eine offene Konferenz, die Anfang 2009 in Wien stattfand, beschäftigte sich mit Informationstechnologien in der Entwicklungszusammenarbeit. Engagierte aus NGOs und der Web 2.0-Community tauschten sich über Möglichkeiten der Zusammenarbeit aus.

Neue Medien dienen aber nicht nur der externen Kommunikation, sondern auch der internen. Die Akademie für Sozialmanagement vernetzt ihre AbsolventInnen mit interaktiven, synchronen Web-Vorträgen. Über eine spezielle Software werden Vorträge live über das Internet gehört und Präsentation gezeigt. Das Publikum kann per Audio oder Chat mitdiskutieren. Online-Konferenzen sind für NGOs mit verteilten Standorten eine Erleichterung: Termine werden abgestimmt, Texte gemeinsam geschrieben, neue Konzepte diskutiert und vieles mehr - alles online, egal ob die KollegInnen in Amsterdam, Salzburg oder im Büro nebenan sitzen.

David Röthler ist Medienexperte und -journalist.

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