Erwachen im Albtraum

Südafrika ist zum Anziehungspunkt für Menschenhändler geworden. Frauen aus vielen Teilen der Welt werden dort an die lukrative Sexindustrie verkauft.

Von Martina Schwikowski
Das blasse Gesicht zeigt kaum eine Regung. Müde blickt die junge Thailänderin auf ihren Säugling, den sie im Arm hält. Ein flüchtiges Lächeln zuckt um ihre Mundwinkel, dann sagt Sara in stockendem Englisch: „Ich will nur meinen Frieden haben.“ Doch im Augenblick ist die Situation nicht entspannt. Als Zeugin und Opfer könnte sie wichtige Informationen über Menschenhandel im südlichen Afrika liefern, sollte es dort zu einem Prozess kommen. Sie steht unter dem Schutz der südafrikanischen Behörden. Während die Polizei nach weiteren Beweisen sucht, um ein Verfahren einzuleiten, wird Sara in verschiedenen Hotels im Land untergebracht und bewacht. Sie wartet auf den Tag des Verhörs vor dem Richter, denn sie hat sich entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen. Die Gedanken rufen Erinnerungen hervor. Tränen fließen.
Nach einem harten Arbeitstag als schlecht bezahlte Masseurin im Asia Hotel in Bangkok schien plötzlich für die 35-Jährige ein Traum wahr zu werden. Mit einem Anruf erhielt sie das Angebot, in Johannesburg in einem Hotel das Fünffache zu verdienen. „Eine Freundin hat meine Nummer einem Bekannten gegeben.“ Der eröffnete ihr am Telefon eine neue Welt. Nur eine Woche später kam Sara mit einem bezahlten Flugticket in Südafrika an, voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. „Ich war zuversichtlich, dass ich meine Familie und kranke Mutter daheim besser unterstützen werde können und dass ein gutes Leben beginnt“, sagt sie. Der neue Start war jedoch der Anfang eines mehr als einjährigen Albtraumes in Johannesburg.
Ein Schicksal, das sie mit vielen Frauen teilt. Südafrika ist beliebt bei Menschenhändlern aus allen Teilen der Welt. Internationale Syndikate arbeiten mit einheimischen Zwischenagenten, die Frauen und auch Kinder an die lukrative Sexindustrie verkaufen. Die Masche ist immer die gleiche, die Motive sind unterschiedlich. Das Versprechen einer verheißungsvollen Zukunft, die Chance ihrem Dasein in Armut zu entkommen, lockt die ahnungslosen Opfer. „Tänzerinnen, Masseurinnen, Kellnerinnen – was immer ihnen für Berufsaussichten vorgelogen werden – sind sie einmal im Land, enden sie häufig als Prostituierte in Bordellen“, sagt Frans Kloppers, Leiter einer Sondereinheit für Grenzangelegenheiten. „Sie sprechen nicht die einheimische Sprache, haben kein Geld und bleiben sich selbst überlassen. Der Teufelskreis ist kaum zu durchbrechen, denn sie müssen ihr bezahltes Ticket und die Auslagen abarbeiten.“

Nach den im Früjahr 2003 veröffentlichten Untersuchungsergebnissen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Südafrika gibt es zwei Hauptströme von Menschenhandel: Aus afrikanischen Ländern kommen Frauen auf unterschiedlichen Wegen über die Grenze ins benachbarte Südafrika. Je nach Herkunftsland werden sie entweder an einen Bordellbesitzer verkauft oder auch in Haushalten für Sexdienste versklavt.
Die zweite Schiene für Menschenhandel sind eng vernetzte mafia-ähnliche Händlerkreise, die Frauen aus Osteuropa und Asien per Flugzeug ins Land bringen. Das Verbrechen wird hauptsächlich in den Ländern Thailand, China und im östlichen Europa, in erster Linie Russland, geplant. Am Flughafen in Johannesburg werden die Frauen von Mittelsmännern abgeholt. „Je nach Syndikat sind dabei die Methoden unterschiedlich“, sagt Maciej Pieczkowski, IOM-Mitarbeiter in Pretoria.
„Die Chinesen haben ein sehr geschlossenes Netzwerk und lassen die Frauen durch ihre Landsleute abholen. Bei den Frauen aus Thailand kann es der weiße, südafrikanische Bordellbesitzer selbst, ein beauftragter Agent oder eine Thailänderin sein, die mit einem Südafrikaner legal verheiratet ist, vielleicht sogar früher als Sexsklavin gearbeitet hat und dann gezwungen wurde, ins Geschäft einzusteigen“, sagt er. Sie geben vor, „Besuch“ abzuholen.
Diese Wege sind offiziell, denn für viele Länder, darunter Thailand, ist die Einreise ohne Visum mit einem dreimonatigem Aufenthalt als „Tourist“ möglich. Wird ein Visum benötigt, reisen die Frauen über Nachbarländer wie Lesotho oder Mosambik ein, denn dort ist es einfacher, einen Stempel illegal „zu kaufen“. Sind die Frauen in Südafrika und die Aufenthaltsfrist läuft ab, springen korrupte MitarbeiterInnen der Behörden ein. Verlängerungen der Aufenthaltsgenehmigung sind da kein Problem. Oder die Frauen bleiben einfach ohne neuen Stempel im Land.

Die Frustration der Polizei ist groß – ihr fehlt die notwendige Handlungsbefugnis: „Wir sehen am Flughafen, was los ist und können nicht eingreifen, weil es kein Gesetz gibt, das den Handel mit Menschen klar umreißt und definiert“, sagt Frans Kloppers.
Das sei allerdings weltweit ein Problem. In Südafrika existiert inzwischen ein neuer Entwurf des Einwanderungsgesetzes, der Ende September dem Parlament vorgelegt werden soll „Wir kommen nur weiter, wenn die bei Razzien gefassten Opfer bereit sind, auszusagen, damit wir die in der Kette der Agenten mit unterschiedlichen Aufgaben eingebundenen Täter, die mit dem Einwanderungsgesetz in Konflikt geraten sind, bis zum Auftraggeber verfolgen können. Viele der Mädchen haben Angst und werden von der brutalen Mafia bedroht. Die Drahtzieher fassen wir nie.“
Sara, die von ihren Arbeitgebern bei ihrer Ankunft diesen Namen erhielt und eigentlich Phitthawan Hatpamo heißt, will vor Gericht auspacken. Aus dem großen Hotel, ihrer angeblich neuen Arbeitsstätte, war in Südafrika ein ländliches Bordell in KwaZulu Natal geworden. Nach Begutachtung ihres Körpers wurde sie mit anderen ausgewählt und zur Arbeit geschickt. Damals hatte sie 60.000 Rand, umgerechntet etwa 7.200 Euro, Schulden abzuarbeiten. Noch stehen 15.000 Rand (ca. 1.800 Euro) aus.
Doch Sara entkam ihrer misslichen Lage, da sie im Bordell einen Gast kennen lernte, der zu ihrem Freund wurde und ihr geholfen hat. Aus dieser Beziehung ging ihr heute sechs Monate altes Kind hervor. Sie flüchteten und wandten sich an die Polizei.
Inzwischen häufen sich Beweise, dass der Besitzer des Hotels nicht nur Geschäfte mit der in Südafrika illegalen Prostitution macht, sondern auch in Geldwäscherei verwickelt ist. Ein Prozess soll in Kürze zustande kommen.

Nach der Öffnung des Landes nach der Apartheid ist der Strom der gehandelten Menschen stark angestiegen. „Wir werden selbst Opfer unseres wirtschaftlichen Erfolges“, meint Zirk Gous, Direktor der Grenzpolizei. „Südafrika ist der Motor des Kontinents. Wir haben einen hoch entwickelten Banken- und Finanzsektor und der Sexhandel ist eng mit dem Drogenhandel verbunden. Die Profite können hier gewaschen werden.“ Mit Zahlen lassen sich die Geschäfte kaum verlässlich belegen, sagt Gous. Auch die Sondereinheit, die nur in der Provinz Gauteng um Johannesburg im Einsatz ist, erhält wenig Unterstützung durch zusätzliche, speziell ausgebildete Kräfte, da diese Arbeit wegen fehlender Gesetze keine Priorität besitzt.
Die AutorInnen der IOM-Studie, die zweite, die seit dem Jahr 2000 in Südafrika erstellt worden ist, sehen sich auch nicht in der Lage, Zahlen zu nennen. „Alle Aktionen geschehen ja mehr oder weniger im Untergrund.“ Die Polizei schätzt jedoch, dass seit 2001 etwa 4.000 Thailänderinnen als Sexsklavinnen ins Land gebracht wurden und bei Razzien in Bordellen der Polizei in die Hände fielen.
Aus Mosambik kommen etwa jährlich 1.000 Frauen über die Grenze, lauten Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration. Doch die Dunkelziffer aller Opfer in Südafrika sei weitaus höher.
„Wir haben die Fahrten des mosambikanischen Taxifahrers, mit dem wir sprachen und der als Händler arbeitet, auf ein Jahr hochgerechnet“, erklärt Pieczkowski von IOM die sehr begrenzten Recherchemethoden. Je nach Herkunftsland gibt es unterschiedliche Bestimmungsorte für die Opfer. „Dabei entscheiden oft auch die Kontakte des Händlers, wo die Frauen landen.“ Mosambikanerinnen seien in Südafrika, bei schwarzen Minenarbeitern und auch weißen Männern sehr beliebt. Frauen aus Simbabwe und Botswana werden häufig über die Grenze geschleust und in Schwarzensiedlungen verkauft. Sie leben als Sex-Gefährtinnen und arbeiten im Haushalt. In Malawi werben Geschäftsfrauen häufig junge Mädchen mit Ausbildungsversprechen an und verkaufen sie dann an nigerianische Kollegen in den Niederlanden oder nach Belgien, Deutschland und Italien. Mitunter rekrutieren auch europäische Sextouristen ihre Opfer vor Ort.
Für alle Opfer bedeutete Südafrika in ihren Fantasien das Land der vielen Möglichkeiten, doch das Erwachen ist hart. „Viele Frauen haben uns schon gebeten, sie zurückzuschicken“, sagt Kloppers.
Auch Sara will nur noch abreisen und alles hinter sich lassen. „Es gibt hier keine Zukunft für mich. Auch nicht mit meinem Freund.“ Der ist verheiratet und will nicht mit ihr gehen.

Martina Schwikowski ist Afrika-Korrespondentin der Berliner Tageszeitung ?taz? und lebt in Johannesburg/Südafrika.

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