„Es braucht alle im Kampf gegen Rassismus“

Von Richard Solder · ·
Gruppenbild mit 7 von 9 Vorstandsmitgliedern von Black Voices
Sieben von neun Vorstandsmitgliedern von Black Voices: Obere Reihe: Nada Ali Mohamed, Emmeraude Banda, Minitta Kandlbauer, Melanie Kandlbauer. Untere Reihe: Asma Aiad, Noomi Anyanwu, Samuel Hafner © Alexandra Haselwanderer

Melanie Kandlbauer, Vorstandsmitglied von „Black Voices“, über das Volksbegehren und wie der Kampf gegen Diskriminierung jetzt weitergeht.

Das „Black Voices“-Volksbegehren hat die 100.000 Stimmen, die nötigt sind, um im Nationalrat behandelt zu werden, knapp verpasst. Wie groß war die Enttäuschung im Team?
Es war schon bitter, vor allem im ersten Moment. Aber entmutigt sind wir dadurch nicht. Wir haben unglaublich viel erreicht. Es hat sich im Hintergrund einiges getan, Menschen und Institutionen sind an uns herangetreten, die jetzt rassismuskritisch arbeiten wollen.
Das Ergebnis zeigt: Es gibt in Österreich viele Menschen, die gegen Rassismus aktiv werden wollen. Aber auch, dass es noch viel mehr zu tun gibt. 

Black Voices lebt nicht zuletzt von ehrenamtlichem Engagement. Wie zeigt sich der Einsatz u. a.?
Gerade in der letzten Woche, in der das Volksbegehren noch unterzeichnet werden konnte, haben viele Menschen stundenlang ehrenamtlich Flyer verteilt. Dieses Beispiel zeigt, was Black Voices ausmacht – in allen Bundesländern haben Hunderte Zeit und Energie in den Kampf gegen Rassismus gesteckt.
Wir vom Kernteam haben unzählige Workshops und Vorträge durchgeführt, Podiumsdiskussionen und sogar zwei Festivals organisiert, um People of Colour eine Bühne zu geben. Und wir haben ein Buch veröffentlicht! Die Bewegung geht weiter …

Bei großen Antirassismus-Demos, v. a. 2020, waren Tausende auf der Straße. Haben von ihnen  einige „ausgelassen“, als es um das Unterzeichnen des Volksbegehrens ging?
Ich denke, das Problem ist, dass viele Menschen, die hierzulande von Rassismus betroffen sind, das Volksbegehren gar nicht unterschreiben dürfen, da man dafür Staatsbürgerin bzw. Staatsbürger sein muss. Das war sicher ein Faktor.
Abseits davon: Das Thema ist nach wie vor schwierig zu vermitteln. Denn einerseits ist es für Betroffene mitunter nicht leicht, darüber zu reden. Und andererseits finden weite Teile der Gesellschaft zwar, dass Rassismus etwas Schlechtes ist, aber zum aktiven Handeln ist es noch ein weiterer Schritt.  
Es braucht wirklich alle im Kampf gegen Rassismus.

Was hat beim Volksbegehren noch gefehlt?
Die Unterstützung vonseiten der Politik fiel schon geringer aus, gerade im Vergleich zu anderen Volksbegehren. Die Zivilgesellschaft hat immens beigetragen – das Budget für die Kampagnen bestand vor allem aus Spenden. Aber gefragt sind zudem politische Institutionen, die das mittragen. 

Gibt es Maßnahmen oder Aktivitäten aus der Kampagne, die weiterhin umgesetzt werden?
Antirassismus-Workshops an Schulen etwa sind immer machbar und bieten wir an, durch eine Förderung sogar kostenlos. Generell geht es darum, gesamtgesellschaftlich mehr auf Diversität zu achten.

Was sind die nächsten Schritte der Initiative?
Die SPÖ hat unser Volksbegehren in den Petitionsausschuss des Parlaments eingebracht. D. h. es wird dort behandelt, wenn auch anders als geplant.
Wir kämpfen weiter, auf allen Ebenen.

Demokratie ist derzeit allgemein unter Druck, Populismus am Vormarsch. Spürt Black Voices das?
Rechtsextremismus wird bedrohlicher. Umso wichtiger ist es jetzt, dem etwas entgegen zu setzen – und sich bewusst zu machen, dass Menschenrechte angreifbar und nicht selbstverständlich sind, siehe Schwangerschaftsabbrüche in den USA. (Der Oberste Gerichtshof hob im Juni das Grundrecht auf Schwangerschaftsabbrüche auf – in Folge sind in mehreren konservativ regierten Bundesstaaten Abtreibungen mittlerweile verboten, Anm. d. Red.)
Wenn man Fälle von Rassismus beobachtet oder selbst davon betroffen ist, sollte man die unbedingt melden. Es geht auch darum, dass wir Statistiken haben, die das Ausmaß des Problems zeigen und der Politik das darstellen können.
Also im Fall der Fälle ab zu Zara, zur Dokustelle oder der IDB, der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen. Das sind übrigens alles Organisationen, die tolle Arbeit machen. Genauso wie etwa HÖR, die Hochschüler*innenschaft Österreichischer Roma und Romnja.

Wie kann euer Buch helfen?
Es zeigt, dass wir alle in einer Welt aufwachsen, in der Rassismus noch tief verankert ist und unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir uns damit auseinandersetzen.
Wir nehmen im Buch 22 Alltagsfragen her und spielen das daran durch. Es haben sich einige gemeldet, die meinten, das Buch hat ihnen die Augen geöffnet – auch solche, die sich davor schon mit Rassismus auseinandergesetzt haben. Antirassismus fängt bei einem selber an.

Melanie Kandlbauer ist Bildungswissenschaftlerin, Antirassismustrainerin, Black Voices-Vorstandsmitglied und inhaltliche Leiterin des Volksbegehrens.

Antirassismus-Workshops an Schulen: www.disruptverein.at

Buch-Cover von "War das jetzt rassistisch"Black Voices
War das jetzt rassistisch? 22 Antirassismus-Tipps für den Alltag. Leykam Verlag, Graz 2022, 240 Seiten, € 23,50

Interview: Richard Solder

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