Es brennt weiter in Tibet

Die „Patriotischen Umerziehungsmaßnahmen“ der Volksrepublik China fruchten in Tibet offenbar nichts. Im Gegenteil: die Gräben vertiefen sich; ein neuerlicher Aufstand scheint sich anzubahnen.

Von Klemens Ludwig
Debattierende Mönche im Kloster Sera, eines der drei berühmten Klöster in der tibetischen Hauptstadt.

Die Ereignisse rufen Erinnerungen an den Volksaufstand von 2008 wach, als Tibet wochenlang die internationalen Schlagzeilen beherrschte. Ende Jänner wurden bei tagelangen Protesten im Osten der alten Provinz Kham (chinesisch Sichuan) vermutlich elf Tibeter erschossen, die nach chinesischen Angaben eine Polizeistation angegriffen hatten. Die Regierung hat die Militärpräsenz in der Region erheblich verstärkt. Eines der Zentren der Proteste war das Kloster Serthar, lange Zeit das größte Kloster im Osten Tibets, das auch von zahlreichen chinesischen BuddhistInnen aufgesucht wurde, bis die Behörden das 2005 unterbanden.

Zwar wird ein gigantisches Militär- und Polizeiaufgebot einen neuen Flächenbrand der Proteste zu verhindern versuchen, doch stellt sich die Frage, woher dieses Protestpotenzial kommt.

Die Führung der Volksrepublik hatte zunächst allein mit Zwangsmaßnahmen auf die Ereignisse von 2008 reagiert. Nach tibetischen Quellen wurden etwa 6.000 Personen verhaftet, die regierungsamtliche Zeitung China Daily sprach von 4.434 Festnahmen. 13 Monate nach dem Aufstand, im April 2009, wurden fünf Todesurteile wegen „Brandstiftung mit tödlichem Ausgang“ verhängt. Anfang Oktober gab es die ersten offiziell bestätigten Hinrichtungen. Zudem wurden Dutzende, vor allem Mönche aus den großen Klöstern Drepung und Sera, zu langen Haftstrafen verurteilt. Mindestens einer von ihnen, Ngawang Woepel, starb an den Folgen der schweren Folter.

Intensiviert wurden auch die „Patriotischen Umerziehungsmaßnahmen“. Kader der Kommunistischen Partei suchen dabei die Klöster auf und zwingen Mönche und Nonnen, den Dalai Lama als „separatistische Schlange“ zu diffamieren. Durch derartige Maßnahmen wird jedoch niemand umerzogen, vielmehr werden die Gräben vertieft. Zudem gleichen viele Klöster Heereslagern.

Im folgenden Jahr 2010 verschärften die Behörden ihr Vorgehen und verfolgten auch die loyale tibetische Elite. Besonders betroffen davon war die Familie Samdrup aus Kham. Die drei Brüder Rinchen und Karma Samdrup sowie Chime Namgyal gehörten zu den angesehensten Tibetern innerhalb der chinesischen Hierarchie.

Rinchen Samdrup, mit 46 Jahren der älteste der drei, ist ein preisgekrönter Umweltaktivist. Er veröffentlichte ein Umweltmagazin, engagierte sich für die Wiederaufforstung sowie gegen Wilderei und förderte die tibetische Medizin. Dafür wurde er mehrfach mit chinesischen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Vermutlich wurde ihm sein Engagement gegen die Wilderei zum Verhängnis, auch wenn die Anklage auf „Separatismus“ lautete. Ihm wurde vorgeworfen, einen Text des Dalai Lama auf seiner Website veröffentlicht zu haben. Dafür erhielt er fünf Jahre Gefängnis.

Noch härter traf es seinen jüngeren Bruder Karma Samdrup, einen Geschäftsmann und Umweltaktivisten, der 2006 vom chinesischen Fernsehen zum „Philanthropen des Jahres“ gekürt worden war. Er wurde zu 15 Jahren Gefängnis wegen der „Plünderung alter Gräber“ und des „Handels mit geraubten Antiquitäten“ verurteilt. Dabei soll es sich um Artefakte aus der Provinz Xinjiang in einem Wert von 10.000 US-Dollar gehandelt haben.

Für große Aufmerksamkeit sorgte die Verurteilung des vermutlich reichsten Tibeters, des Immobilienhändlers und Tourismusmanagers Dorjee Tashi. Sein Vermögen soll etwa 4,5 Mrd. Yuan (540 Mio. Euro) betragen haben. Bei alledem galt er als verlässlicher Vertreter Pekings. Er gehörte der Kommunistischen Partei sowie der Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes an. 2008 soll er einen Teil seiner Gelder an Klöster und den Dalai Lama gespendet haben. In einem nicht öffentlichen Prozess wurde Dorjee Tashi wegen „illegaler Geschäftspraktiken“ zu lebenslanger Haft verurteilt und sein gesamtes Vermögen konfisziert.

Die neue tibetische Führung im Exil versucht mit verzweifelten Appellen an die Weltöffentlichkeit der Repression Einhalt zu gebieten. Der Harvard-Absolvent Lobsang Sangay gewann 2011 die Wahl zum Premierminister. Gleichzeitig trat der Dalai Lama von seiner Rolle als politisches Oberhaupt zurück. Auch Sangay folgt dem so genannten „Mittleren Weg“; das heißt, er akzeptiert die chinesische Souveränität bei echter Autonomie. In den USA hat er mehrfach Gesprächsrunden zwischen Tibetern und Chinesen initiiert. Diese Erfahrungen möchte er im Kontakt mit der Führung in Peking nutzen, allerdings hat die noch nicht auf seine Dialogangebote reagiert.

Gleichzeitig versucht Peking, die tibetische Bevölkerung durch wirtschaftlichen Fortschritt zu gewinnen. Im August 2011 setzte die Zentralregierung ein Zeichen der Hoffnung. Der Chef der Kommunistischen Partei in der Autonomen Region Tibet, Zhang Qingli, wurde abgelöst und durch Chen Quanguo ersetzt. Zhang Qingli, der sein Amt 2006 angetreten hatte, war Vertreter einer harten Linie. Den Aufstand von 2008 kommentierte er mit martialischen Worten: „Wir stehen in einem Kampf mit Blut und Feuer, einem Kampf auf Leben und Tod mit dem Feind.“ Zudem bezeichnete er den Dalai Lama mehrmals als „Wolf in Mönchsrobe“ sowie als „Teufel mit menschlichem Antlitz“. Seine Politik hat maßgeblich zur Eskalation von 2008 beigetragen.

Chen Quanguo gilt dagegen als Pragmatiker, dem wirtschaftliche Entwicklung wichtiger ist als die Ideologie. Dennoch ist es ihm offenbar nicht gelungen, mehr Akzeptanz für die Regierungspolitik zu erreichen. Wirtschaftlich pumpt Peking enorme Mittel in die unfreiwillige Provinz. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der umfassenden Industrialisierung der urbanen Zentren. Gleichzeitig wird die traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweise der tibetischen NomadInnen immer mehr zurückgedrängt. Tibet soll auch wirtschaftlich vollständig in die Volksrepublik integriert werden.

Tibet ist seit jeher ein untrennbarer Teil des chinesischen Territoriums. Dies geht aus dem vom Pressebüro des chinesischen Staatsrats am Montag veröffentlichten Weißbuch „60 Jahre friedliche Befreiung von Tibet" hervor.

Dem „Weißbuch Tibet“ zufolge, in dem die offiziellen Entwicklungszahlen veröffentlicht werden, betrug das Jahreseinkommen der tibetischen Bauern und Hirten 2010 mehr als 4.100 Yuan (500 Euro) und das Einkommen der Stadteinwohner knapp 15.000 Yuan (1.800 Euro). Seit 2002 verzeichnet das Einkommen jährlich zweistellige Wachstumsraten.

Übersehen wird dabei allerdings, dass eine immer größere Zahl von ChinesInnen nach Tibet zieht. Von den etwa 500.000 EinwohnerInnen der Hauptstadt Lhasa sind bereits über 80 Prozent ChinesInnen. Mit der Fertigstellung der Eisenbahnlinie von China hat die interne Migrationsbewegung einen erheblichen Aufschwung genommen. Auch das ist ein wesentlicher Grund für die internen Spannungen, denn die TibeterInnen fühlen sich dadurch marginalisiert.

Aufgrund der extremen Zensur nicht nur der Medien, sondern auch des Internets nimmt die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung nur die wirtschaftlichen Erfolge wahr. Ohnehin ist für nahezu alle ChinesInnen, egal wie sie zur KP stehen, unbestritten, dass Tibet schon immer Teil Chinas war. Proteste, Aufstände oder gar Abspaltungsversuche werden deshalb eher als Undankbarkeit aufgefasst.

Allerdings gibt es zumindest in den gebildeten chinesischen Kreisen ein wachsendes Interesse am tibetischen Buddhismus. Diese Entwicklung ist auch für die TibeterInnen selbst ein Hoffnungsschimmer.

Klemens Ludwig ist Autor und Journalist mit dem Schwerpunkt Asien.
Monika Nutz ist freie Grafikerin und Reisefotografin.

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