„Es gibt auf der Welt schlimmere Orte“

Von Redaktion · · 2013/03

Arbeit, Liebe und Homosexualität in einer afrikanischen Großstadt: Darum geht es im Roman „Der Friseur von Harare“ des simbabwischen Autors Tendai Huchu. Mitte März ist er in Österreich zu Gast, Südwind-Redakteurin Nora Holzmann hat schon jetzt mit ihm gesprochen.

Südwind-Magazin: Ein Haar- und Schönheitssalon im Zentrum von Harare ist der zentrale Handlungsort Ihres Romans. Warum spielt Ihr Buch gerade beim Friseur?
Tendai Huchu:
So konnte ich Charaktere von den unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen und -schichten einbauen. Leute von ganz oben in der Gesellschaft und Menschen, die ganz unten stehen, treffen aufeinander. Das schuf die Möglichkeit, die Spannungen und Widersprüche innerhalb Simbabwes zu zeigen.

Eine Botschaft Ihres Buchs könnte lauten: Gute Männer sind in Simbabwe sehr schwer zu finden, gute heterosexuelle Männer sind fast unmöglich zu finden. Ist das so, gibt es keine guten Männer in Simbabwe?
Das kommt auf die Lesart an. Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Adichie nennt das „die Gefahr einer einzelnen Geschichte“. Als ihr erster Roman erschienen war, kam eine US-amerikanische Leserin zu ihr und sagte, wie traurig sie darüber wäre, dass nigerianische Männer so gewalttätig sind und ihre Frauen schlagen. Chimamanda antwortete, sie wäre ebenfalls traurig, weil sie hätte „American Psycho“ gelesen und wusste nun, dass junge amerikanische Männer herumrannten und Leute umbrachten.
Ein Roman ist immer nur ein Teilausschnitt der Realität. Man kann Männer in Simbabwe nicht in einen Topf werfen, genauso wenig wie österreichische oder europäische Männer. Man findet überall Arschlöcher und gute Typen. Wenn man aber in einem Buch nur von den Guten schreibt, kann man schwer die nötige Spannung erzeugen.

Außerhalb Simbabwes wurde Ihr Buch von vielen gefeiert, weil Sie sich getraut haben, kritisch über den Umgang mit Homosexualität zu schreiben. Wie waren die Reaktionen im Land selbst?
Niemand kümmert mein Buch wirklich in Simbabwe. Die Leute sehen es als einen fiktiven Roman, als Unterhaltung. Es gibt auf der Welt schlimmere Orte als Simbabwe, um schwul zu sein. Wenn man die Entscheidung hat, ein Schwuler in Simbabwe oder in Saudi-Arabien zu sein, dann sollte man wohl sein Glück in Simbabwe versuchen.

Was ist die gegenwärtige Gesetzeslage Homosexualität betreffend?
Es ist illegal. Wenn sich jemand als homosexuell outet, muss der Staat reagieren. Aber was hinter verschlossenen Türen passiert, wird normalerweise nicht geahndet. In einem konservativen christlichen Land bringt es Stimmen, wenn Politiker und Politikerinnen gegen Homosexualität auftreten. Aber an einem wirklich organisierten Vorgehen gegen Homosexuelle hat der Staat kein Interesse.

Lesereise quer durch Österreich

Der 30-jährige Schriftsteller Tendai Huchu, der seit einigen Jahren im schottischen Edinburgh lebt und arbeitet, ist im März im Rahmen der Südwind-Aktionstage zu Globalem Lernen (siehe Kurzmeldung Seite 7) zu Besuch in Österreich.
Er liest aus seinem Erstlingswerk „Der Friseur von Harare“, das 2011 auf Deutsch im Peter-Hammer-Verlag erschienen ist.

Dornbirn: 18.3., 19:30 Uhr, Stadtbücherei Dornbirn
Innsbruck: 19.3., 19:30 Uhr, Bogentheater
Linz: 20.3., 19 Uhr, Buchhandlung BUCHplus
Graz: 21.3., 19 Uhr, Stadtbibliothek Nord
Wien: 25.3., 19 Uhr, Frisiersalon Akwaba Rose

Wie steht Simbabwe im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern da, was den Umgang mit Homosexualität betrifft? Südafrika etwa ist ja deutlich liberaler.
Was Südafrika betrifft: Es ist eines, Rechte von Homosexuellen gesetzlich zu verankern. Es ist etwas anderes, tatsächlich die Einstellung der Menschen zu ändern. Die Realität in Südafrika ist also widersprüchlich. In Uganda etwa, wo der Umgang sehr strikt ist, wurde vieles von der früheren Kolonialregierung einfach übernommen. Das gilt auch für Simbabwe. Der Umgang mit Homosexualität ähnelt dem der Briten und Britinnen vor 30, 40 Jahren.

Ihr Buch wurde in Simbabwe gedruckt und verkauft. Findet es Anklang unter der Leserschaft?
Im ersten Jahr wurden etwa 500 Ausgaben verkauft. Das ist eine traurige Zahl, aber es war eins der erfolgreichsten Bücher des Verlags der letzten 15 Jahre. In Simbabwe sind Bücher nicht nur teuer, die Literatur ist eine fremde Kunstform. Schriftsteller zu sein ist dort fast wie Ballerina, Klavierspieler oder Jodler zu sein. Es gibt nicht viele Leute, die lesen.

Wie sehen Sie die Zukunft in Simbabwe? Wird sich die Situation für Homosexuelle  verbessern?
Es gibt weltweit eine Tendenz zu mehr Liberalität. Wenn man es historisch betrachtet, ist die Toleranz, die es heute in Europa gegenüber Homosexualität gibt, sehr, sehr neu.
Ich bin optimistisch, dass sich die Haltung mit der Zeit verändert. Aber es wird ein sehr langsamer Prozess sein.

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