„Es gibt sehr viel Frustration“

Von Redaktion ·

Was aus den jungen Revolutionären von 2011 geworden ist, erklärt der Wissenschaftler Said Sadek im Interview mit Astrid Frefel.

Wie kam es, dass die Jugendlichen, die die Revolution von 2011 angeführt hatten, von der Bildfläche verschwunden sind?

Vor der Revolution gab es drei Gruppen, die in der Politik nicht aktiv waren: Junge, Frauen und Christen. Die Jungen standen dann an der Spitze der Revolution. In jenen Tagen gab es auch ein Massaker an Kopten und die Kopten fingen an, sich für Politik zu interessieren. Frauen wurden auf dem Tahrir-Platz belästigt und fühlten, dass die Agenda der Islamisten gegen ihre Interessen ist. Zwischen 2011 und 2013 stieg der politische Aktivismus unter diesen drei zuvor passiven Gruppen.

Als der Ex-General al-Sisi an die Macht kam, sagte er anfänglich nicht viel über die Revolution. Aber nach und nach zeigte er klar, dass er nicht glücklich war. Er begann Revolutionäre zu verhaften, ins Gefängnis zu stecken oder ihnen Auslandsreisen zu verbieten. Die Medien fingen an, sie anzugreifen. Das hatte ein Echo unter sozialen Gruppen, die mit der Revolution nicht einverstanden waren, Geschäftsleute oder der tiefe Staat etwa. Auch Frauen und Kopten wurden Teil der Anti-Revolution, um sich vor den Islamisten zu schützen.

Was ist mit den Jugendlichen geschehen?

Sie sind höchstens noch auf Twitter und Facebook mit kritischen Botschaften aktiv. Einige wurden von politischen Parteien für das Parlament kooptiert, nachdem sie sich von der Revolution distanziert hatten. Der Rest wird von den Medien totgeschwiegen. Sie sind verärgert oder apathisch und verhalten sich wie vor 2011. Viele haben auch Angst, weil sie in der Zwischenzeit Familie haben. Das Regime stellt sicher, dass die Revolutionäre leiden.

Was sind denn derzeit die größten Probleme für die jungen Menschen in Ägypten?

Dieselben wie vor der Revolution, das heißt Jobs und Gehälter, Wohnung und Heirat. Der Wirtschaft geht es zwar etwas besser. Die Lage ist aber immer noch schlechter als vor 2011. Die Menschen sehnen sich heute zurück in die Zeit vor der Revolution. Man fragt sich, was ist wichtiger: Demokratie oder Wirtschaft. Und die Antwort ist klar: Wirtschaft. Die Lage wird akzeptiert, niemand fordert das Regime heraus.

Macht die Regierung speziell etwas, um den Jungen zu helfen, die ja den größten Teil der Bevölkerung darstellen?

Der Präsident hat in seinen ersten vier Amtsjahren viele Programme angekündigt, darunter auch ein Jahr der Jugend. Aber das braucht Zeit. Al-Sisi hat es geschafft, für Zehntausende, die aus Libyen oder den Golfstaaten zurückkehren mussten, Arbeitsplätze in den Großprojekten zu schaffen. Sie wurden absorbiert, damit sie nicht in den Kaffeehäusern sitzen oder ihre Muskeln anderweitig einsetzen.

Es gibt immer weniger Freiraum sich auszudrücken. Führt das nicht zu Frustration, speziell bei den Jungen?

Es gibt sehr viel Frustration. Das betrifft auch das Web: Neue Gesetze für Cyber Crime sind in Arbeit, mit drastischen Strafen bis hin zu Gefängnis für unliebsame Veröffentlichungen.

Das heißt, das Internet ist von einem Instrument zur Mobilisierung zu einem Instrument der Unterdrückung geworden?

Ganz genau. Big Brother is watching you. Seit 2013 gibt es deshalb keine großen Demonstrationen mehr. Die ehemaligen Organisatoren sind mundtot gemacht und die Menschen müde.

Wie gehen die Jungen mit dieser Frustration um?

Viele sind mit ihrem Studium beschäftigt. Die Frustration wird auf verschiedene Arten kanalisiert. Ägypten ist weltweit Nummer zwei beim Anklicken von Pornoseiten. Dasselbe gilt für sexuelle Belästigung. Als Folge der Frustration werden Schwächere unterdrückt: Frauen, Christen, Kinder. Es ist ein Teufelskreis von Gewalt in der Gesellschaft.

Erkennen Sie einen dauerhaften Effekt dieser Revolutionstage 2011 auf die junge Generation, der bis heute sichtbar ist?

Es gibt mehr politisches Bewusstsein. Die Jungen verstehen, dass es keinen einfachen Weg gibt. Die hohen Erwartungen der Revolution waren unrealistisch. Die Revolutionäre waren Agitatoren, aber sie haben nichts für den Aufbau getan.

Said Sadek ist Politsoziologe. Er lehrt an mehreren Universitäten in Kairo.

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