Esther Mujawayo/Souâd Belhaddad: Ein Leben mehr

Von Martina Kopf ·

Aus dem Französischen übersetzt von Jutta Himmelreich. Hammer Verlag, Wuppertal 2005, 337 Seiten, EUR19,90

„Es gibt Geschichten, die niemand zu Ende hören will oder kann.“ Wer wie Esther Mujawayo einen Genozid überlebt hat, weiß mehr als andere um die Grenzen menschlichen Mitgefühls. Wer zuhört, kann bestimmen, wann es zuviel wird, kann unterbrechen, das Buch aus der Hand legen, das Gespräch beenden. Wer von der Gewalt, dem Hass und der Vernichtung spricht, die sie oder er überlebt hat, konnte nicht bestimmen, wann es zuviel war, konnte nicht abbrechen und anderswo wieder einsteigen.
Esther Mujawayo ist eine, die lebt. Sie macht eine Therapieausbildung in London und gründet mit anderen Frauen in Ruanda die Witwenorganisation Avega. Sie unterstützen einander bei der Suche nach Überlebenden. Sie verrichten „Männerarbeiten“, helfen einander beim Hausbau, treten dem zuständigen Magistratsbeamten auf die Füße, bis eine von ihnen die Wohnung wieder zurückerhält, die eine Hutu-Familie in Besitz genommen hat. Vor allem sprechen sie und hören einander zu. Sie schaffen Begriffe für „Genozid“, „Vergewaltigung“ und „Trauma“ in ihrer Muttersprache Kinyaruanda. Worte, die es ihnen ermöglichen sollten, das Unfassbare zu fassen. Denn für sie ist der Genozid nicht zu Ende. Elf Jahre nachdem Hutu-Milizen in Ruanda mit tatkräftiger Unterstützung aus der Bevölkerung alle Tutsi auslöschen wollten, beobachtet Mujawayo, wie sich der Völkermord in die Erinnerung der Überlebenden tiefer und tiefer eingräbt, während er im kollektiven Gedächtnis des Landes verblasst.
„Ein Leben mehr“ ist vor allem ein Buch über das Zuhören, Sprechen dürfen und Sprechen können. Keiner dieser schnellen Berichte von hastigem Hinschauen und Weiterhetzen zum nächsten Ereignis. Hier nehmen sich zwei Frauen – Esther Mujawayo, die erzählt, und die in Paris lebende algerische Journalistin Souâd Belhaddad, die das Erzählte aufnimmt und zu einem Buch verarbeitet – die Zeit, zu begreifen, was es bedeutet, mit der Erinnerung an den Genozid zu leben. Was daraus entsteht, ist mehr als ein Buch: Es ist verdichtetes Leben.

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