Ewiger Krisenherd

Von Dominic Johnson ·

Am Horn von Afrika ist es normal geworden, daß um die Macht mit allen Mitteln gekämpft wird. Und dem Sog der dadurch verursachten gesellschaftlichen Verwerfungen kann sich keine Einzelperson entziehen.

Es war ein hoher Blutzoll, den das äthiopische Volk im Mai 2000 dafür zahlte, dass ihre Armee einige Wochen lang große Teile Eritreas besetzt halten konnte. Zu Tausenden lagen nach dem mehr oder weniger erzwungenen Rückzug Ende Mai die Leichen im Sand. Wie schon so oft in den Schlachten des äthiopisch-eritreischen Krieges, der auch nach den heftigen Frontbewegungen der jüngsten Zeit kein Ende zu finden scheint.

Für Äthiopien war das ertreische Vorgehen eine Frechheit: Hatte man nicht erst 1993 den kleinen Nachbarn freiwillig in die Unabhängigkeit entlassen, nach der er sich so lange gesehnt hatte? War das der Dank? Für Eritrea war der Krieg ein konstitutiver Akt der Nationenbildung, eine Fortsetzung des Unabhängigkeitskrieges mit anderen Mitteln; er folgte auf die Einführung einer eigenen Währung und die Errichtung von Handelsschranken und bildete den Abschluss einer Kette von Trennungsschritten. Die Grenze war für beide Seiten nur ein symbolischer Austragungsort ihres Wettkampf um Geltung, und an dieser Grenze konnte umso ehrgeiziger gekämpft werden, als ihr genauer Verlauf eigentlich völlig unwichtig war, der Kampf darum mithin risikolos.

Seit der letzten äthiopischen Offensive im Frühjahr 1999, die schon einmal mit einem äthiopischen „Sieg“ endete, rekrutierte die äthiopische Armee eifrig neue Rekruten und schürte patriotischen Überschwang. Und als ab April 2000 die Regierung nach neuer internationale Hungerhilfe schrie, konnten die Vorbereitungen zur Offensive losgehen: Während die Welt den Dürreopfern zu Hilfe eilte, konnte sich der Staat auf das Wesentliche konzentrieren – den Krieg.

Die Rolle des Auslands am Horn von Afrika ist eine aus gutem Grunde verschämt verborgen gehaltene Dimension des Dramas, unter dem die Bevölkerungen der Region bis heute leiden. Lange Jahre hindurch war das Horn eine Region der Stellvertreterkriege des Kalten Krieges, und zwar der schamlos zynischen Stellvertreterkriege, bei denen Ideologie höchstens die Rolle spielte, die heute Hungerhilfsappelle einnehmen – nämlich die des Aufregers, der überhaupt erst die ausländischen Mittel fließen lässt.

In der Zeit, wo Somalia und Äthiopien noch straff geführte, zentralistische Militärdiktaturen waren, genossen sie großzügige Hilfe aus dem Ausland. Erst wurde Somalia vom Osten unterstützt und Äthiopien vom Westen, dann umgekehrt. Milliardenwerte an Rüstungsmaterial flossen in die Region und ihre riesigen Armeen, in der bis Ende der 80er-Jahre das Verhältnis von Waffenmengen zur Bevölkerung ein Weltrekordniveau erreicht haben muss.

Die beiden Regierungen führten erst zweimal Krieg gegeneinander und dann gegen die eigenen Bevölkerungen. Beide Regime stürzten kurz hintereinander, aber mit unterschiedlichen Wirkungen. In Äthiopien kam nach dem Sturz der Diktatur von Mengistu Haile Mariam eine relativ friedliche Neuordnung des Staates im Konsens zwischen allen früheren Rebellenbewegungen zustande und sogar das besetzte Eritrea konnte sich friedlich von Äthiopien lösen.

In Somalia kam es demgegenüber zum Staatszerfall: Die Rebellengruppen, die Diktator Siyad Barre stürzten, wurden sich nicht über die Neuordnung des Landes einig, erhielten keinerlei ausländische Unterstützung und bekämpften sich schließlich gegenseitig. Erst spaltete sich der Norden im Unfrieden als „Republik Somaliland“ ab, dann schlitterte der Rest des Landes in einen neuen Krieg.

Es folgte die gigantische Farce der US- und später UN-geführten Militärintervention in Somalia, deren Scheitern endgültig den Mythos zerstörte, wonach Außenseiter eine Lösung für die Probleme der Region parat hätten. Auch der Erfolg des Warlord-geführten Widerstandes gegen äußere Einmischung rechtfertigte im Nachhinein die trostlose Militarisierung der somalischen Gesellschaft. Somalia und Umgebung wurden nach 1993 zu einem Hauptlieferanten für die Kriege Zentralafrikas, die bis heute andauern und gegenwärtig eine weitere Region Afrikas dem sozialen und politischen Zerfall aussetzen. Zugleich aber boten sich die starken Staaten Äthiopien und Eritrea als Kunden an, und 1998, als sie versorgt waren, fingen sie an zu kämpfen.

Alles Gerede darüber, wie unverständlich der äthiopisch-eritreische Konflikt für Außenseiter ist, kann nicht verbergen, dass die beiden Länder keine Minute lang unbeaufsichtigt blieben. Vor allem Äthiopien hatte die ständige Instrumentalisierung des schlechten Gewissens der Welt zur Kunst gesteigert.

Äthiopien wurde ebenso wie Eritrea zu einem privilegierten Partner der Entwicklungspolitik, ein Hoffnungsträger für Afrika, wo Investitionen belohnt und Hilfe sich bezahlt machen sollten. Und ausgerechnet in einer Zeit, als Konfliktprävention und good governance (gute Regierungsführung) zu den neuen Schlagworten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit wurden, schafften es diese beiden Ländern unter den Augen Hunderter ausländischer Experten, den blutigsten Krieg des Kontinents zu schüren und undemokratische, militaristische Regime zu errichten, die ihre Legitimität heute aus den Gewehrläufen holen.

Eine soziale Modernisierung hat in dieser ganzen Zeit nicht stattgefunden. Noch immer gibt es in der ganzen Region kaum ein freies Bauerntum. Der uralte Gegensatz zwischen ungebundenen nomadisch strukturierten Gesellschaften und straff organisierten Staatswesen bleibt bestehen. Bis heute gilt deswegen am Horn von Afrika das alte Prinzip, das begründet, warum es hier politisch starke und zugleich wirtschaftlich abhängige Staaten gibt: Wo Ressourcen zum Überleben knapp sind, werden sie nicht dorthin gebracht, wo die bedürftigen Menschen leben, sondern die Menschen ziehen zu den Ressourcen. Nicht Handel prägt diese Gesellschaften, sondern freiwillige oder auch erzwungene Bevölkerungswanderungen. Daraus ergibt sich ein Verlust an lokaler Autonomie und eine Zentralisierung politischer Macht.

Der äthiopisch-eritreische Krieg ist die wildgewordene Überspitzung der nationalen Aggressivität, aber er funktioniert nur, weil seine Wurzeln gesellschaftlich tiefer reichen als die der Legitimation der jeweiligen Machthaber. Seit Urzeiten bestimmt der Gegensatz zwischen dem zentralen, dicht bevölkerten und von staatlicher Organisation geprägten abessinischen Hochland und den peripheren, nomadischen und dezentralen Tälern und Flachländern am Roten Meer, am Arabischen Golf und am Indischen Ozean die Geschichte des Horns von Afrika.

Der von der Peripherie abgelehnte Auszug der Äthiopier aus ihrem zentralen Gebirge, wo sie seit Jahrhunderten ihr Kaiserreich bewahrt und als einzige afrikanische Nation die europäische Eroberung abgewehrt hatten, ist eine Konstante der politischen Geschichte der Region. Das große hungrige Äthiopien, das viermal so viele EinwohnerInnen hat wie all seine nördlichen und östlichen Nachbarländer zusammen, ist in dieser Sicht der ewige Widersacher der Küstenvölker, denen im Gegenzug nichts bleibt als die erzwungene und mit der Waffe verteidigte nationale Einheit.

In den 70er und 80er-Jahren war es Somalia, das unter der nationalistischen Diktatur Siyad Barres die äthiopischen Grenzen testete. In den 90er-Jahren hat Eritrea unter der nicht weniger nationalistischen Diktatur Isaias Afeworkis diese Rolle übernommen.

Gäbe es jemals ein starkes Eritrea und ein starkes Somalia gleichzeitig, hätte Äthiopien ein richtig ernstes Problem. Von daher ist es nur folgerichtig, dass die jüngste äthiopische Offensive gegen Eritrea genau dann stattfand, als Somalias Politiker sich anschickten, zum ersten Mal richtig ernsthaft die Wiederherstellung der Einheit ihres Landes voranzutreiben, bei einem auf Dauer angelegten Verhandlungsprozess, der derzeit in Dschibuti stattfindet. Dies ist für Äthiopien, das sich bereits bilateral mit gewissen somalischen Warlords zwecks Oberaufsicht über das somalische Territorium arrangiert hatte, eine potentielle Bedrohung.

Der ungelöste Widerspruch zwischen verschiedenen Geltungsansprüchen der Staaten am Horn von Afrika und die Kluft zwischen gesellschaftlicher Realität und staatlichen Handlungszielen bedingt auch das Scheitern der meisten internationalen Modelle für ein Horn von Afrika ohne Hunger und Krieg. Diese Modelle gehen allgemein von Dezentralisierung und der Stärkung lokaler Verantwortung aus.

Erst einmal müssten Gesellschaften entstehen, die aus eigener Kraft überleben können. Aber je länger die heutigen Prozesse sozialer Desintegration andauern, desto unwahrscheinlicher wird es, dass dies gelingt. Die neuen Kleinstaaten, die in den letzten Jahren auf dem Territorium Somalias entstanden sind – ob die Republik Somaliland oder das „Puntland“ im Nordosten, oder die anderen faktisch autonomen Milizengebiete weiter südlich – sind keine Zukunftsmodelle. In ihnen wird im kleinen dasselbe Herrschaftsmodell reproduziert, das schon die größeren Vorbilder in die Krise gestürzt hat. Aber solange in den Schützengräben des tigreisch-eritreischen Hochlandes so massenhaft gestorben wird wie in letzter Zeit, solange ist auch kaum vorstellbar, dass aus eigener Kraft ein Zukunftsmodell entsteht, für das jemand noch Lust zu kämpfen haben wird.

Dominic Johnson ist Leiter des Ressorts Afrika der Berliner Tageszeitung „taz“.

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