exuelle Minderheiten im Süden - "Coming out"

Weltweit treten immer mehr Homosexuelle öffentlich für ihre Rechte ein - besonders im Süden. Aber bis zur Gleichberechtigung bleibt ein weiter Weg, berichtet NI-Redakteurin Vanessa Baird.

Wer in einem relativ toleranten Umfeld lebt, kann leicht übersehen, wie verbreitet und in welchem Ausmaß sexuelle Minderheiten diskriminiert werden. In den vergangenen Jahrzehnten wurden freiwillige gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Erwachsenen zunehmend akzeptiert. Lesben und Gays sind, so heißt es, Teil des "Mainstream" geworden. Welche Seifenoper oder Fernsehserie kommt heute ohne Lesben, Schwule oder einschlägige Szenen aus? Auch in brasilianischen Telenovelas werden TransGender-Themen behandelt, und dass in den Niederlanden Gays "heiraten" oder ihre Partnerschaft gesetzlich anerkannt wird, hat keinen News-Wert mehr.

Bekennende lesbische oder schwule PolitikerInnen sind immer üblicher, ob in Neuseeland, Kanada, Australien oder Großbritannien. Transsexuelle kämpfen darum, ihren Arbeitsplatz während und nach ihrer Behandlung im Rahmen einer Geschlechtsanpassung zu behalten, und gewinnen ihre Verfahren; immer mehr Lesben und Gays werden Eltern. Alles scheint sich in Richtung Toleranz und Gleichberechtigung zu bewegen.

Und doch müssen sich sexuelle Minderheiten in allen Ecken der Welt mit grausamen, absonderlichen und unlogischen Reaktionen herumschlagen. Etwa die 18-jährige Maya Tamang und die 17-jährige Indira Rai in Nepal. Die beiden Mädchen, die sich seit mehreren Jahren lieben, bekennen sich schlussendlich zu ihren Gefühlen und erklären, zusammen leben zu wollen. Ein männlicher Verwandter verständigt die Polizei. Die Mädchen werden verhaftet, die Nachricht verbreitet sich, und es droht ein Ausbruch des "Volkszorns". Von der Polizeistation aus richten die Mädchen eine Botschaft an ihre Familie und Gemeinschaft: "Niemand wird uns trennen, und niemand wird unsere Liebe beenden können". Aber sie sind alles andere als sicher: Nachbarn beschreiben sie als "Dreck", der "beseitigt" werden muss.

In Algerien sucht ein Gay Schutz bei der Polizei, nachdem er von islamischen Fundamentalisten mit dem Tod bedroht wurde. Die Polizei verprügelt ihn. Er flüchtet aus dem Land und erhält schließlich in Frankreich Asyl - einer der wenigen Glücklichen. Vanesa Ledesma gehört nicht dazu. Der argentinische Transvestit kommt unter ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam in der Stadt Córdoba ums Leben. Und die Attacken auf sexuelle Minderheiten nehmen zu und werden brutaler, warnen MenschenrechtsaktivistInnen.

So tragisch diese Fälle sind: Dass wir überhaupt etwas davon erfahren, ist ein Fortschritt. Bis vor kurzem war es fast unmöglich, solche Informationen aus Ländern des Südens zu erhalten. Für viele Homosexuelle war Schweigen eine Überlebensstrategie. Die Ansicht, Homosexualität existiere in Afrika oder Asien nicht oder sei nicht Teil der lokalen Kultur, war weit verbreitet und wird nach wie vor von vielen PolitikerInnen oder religiösen Führern geteilt. Aber diese Persönlichkeiten müssen sich nun mit ihren eigenen lesbischen, schwulen, bi- oder transsexuellen Landsleuten auseinander setzen. Im letzten Jahrzehnt sind überall im Süden Vereinigungen sexueller Minderheiten entstanden. Die International Lesbian and Gay Association hat 350 Mitgliedsgruppen in allen fünf Kontinenten.

Die bemerkenswertesten Erfolge gab es in Südafrika und Ecuador, wo es einfallsreichen und unermüdlichen AktivistInnen gelang, ein gesetzliches Verbot in verfassungsmäßige Gleichberechtigung zu verwandeln. In Südafrika waren die Rechte Homosexueller Teil des Kampfs gegen die Apartheid. In Ecuador kam es zur Zusammenarbeit mit der Bewegung für die Rechte indigener Völker. In beiden Fällen plädierten AktivistInnen erfolgreich für die Aufnahme der beiden magischen Wörter "sexuelle Orientierung" in Gleichberechtigungs- oder Anti-Diskriminierungsbestimmungen, die sich auf ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Religion usw. beziehen.

Als wahrer Segen für die AktivistInnen im Süden erwies sich die Entwicklung des Internet, vor allem in besonders repressiven Ländern. Das heißt aber nicht, dass der Kampf um sexuelle Rechte im Süden vor allem einer der gebildeten Mittelschicht wäre - weit gefehlt, wie das Beispiel von William Hernández und ‚Entre Amigos' (‚Unter Freunden') zeigt, der von ihm mitbegründeten Organisation in El Salvador. William, ein lebenslustiger, extrovertierter Mann in den späten Zwanzigern, stammt aus einer Arbeiterfamilie. Mit 14 ging er von zu Hause weg und wurde Vater von Zwillingen - zwei Mädchen - zu denen er eine enge väterliche Beziehung unterhält. "Damals hielt ich mich für bisexuell", erinnert er sich. Tatsächlich hatte er zu dieser Zeit bereits eine Beziehung zu einem katholischen Priester, die mehrere Jahre dauern sollte.

Zwei Dinge sieht William als zentralen Bestandteil des Ethos von Entre Amigos: Vielfalt und soziale Einbeziehung. "Wir haben Lesben, Schwule, Transvestiten, Transsexuelle - alles außer Intersexuellen. Aber ich bin sicher, auch davon werden einige zu uns finden. Die Leute, die in unser Zentrum kommen, gehören zu den diskriminiertesten Randgruppen der Stadt: Prostituierte, Drogenabhängige, Diebe...".

Das politische und gesellschaftliche Umfeld, in dem Entre Amigos arbeitet, ist feindlich - gelinde gesagt. "Während der letzten zwei Jahre wurden 20 unserer Leute umgebracht", erzählt William. Nur zwei dieser Todesfälle wurden von der Polizei untersucht. Die Morde, so William, tragen die Handschrift paramilitärischer Todesschwadronen.

Als das Büro von Entre Amigos durchsucht und William mit dem Tod bedroht wurde, tat er etwas Merkwürdiges: Er suchte Schutz bei der Polizei. Dort erklärte man ihm, er könne nicht erwarten, dass man Leute wie ihn schützen würde. Kein Polizist wäre dazu bereit. Schließlich wandte sich William an Amnesty International in London und die International Gay and Lesbian Human Rights Commission in San Francisco, die Solidaritätskampagnen für ihn organisierten.

Das funktionierte. William hat nun zwei Leibwächter - zwei heterosexuelle Frauen, genauer gesagt. Auf Polizistinnen hatte er bestanden, sagt er, "zu meinem eigenen Schutz": Sexuelle Belästigung von Schwulen und Transsexuellen durch vermeintlich heterosexuelle männliche Polizeibeamte ist fast an der Regel. Aber als ich ihn frage, was er für die größte Gefahr für sexuelle Minderheiten in der Region halte, spricht er weder von Todesschwadronen noch von der Polizei oder dem Machismo. Seine Antwort kommt ohne Zögern: das Opus Dei.

Opus Dei - das "Werk Gottes" - ist eine weitgehend im Verborgenen arbeitende Organisation, die mit dem extrem konservativen Flügel der katholischen Kirche in Verbindung steht. Der Einfluss der Organisation nimmt weltweit zu. Sie steht Kardinal Angelo Sodano, dem Staatssekretär im Vatikan nahe, rekrutiert herausragende Intellektuelle und baut Verbindungen in die Zentren der Macht auf. Sie gilt auch als zutiefst homophob und half mit, Geistliche zum Schweigen zu bringen, die sich für Homosexuelle einsetzten.

In Süd- und Zentralamerika kam es im vergangenen Jahrzehnt zu einer Wiederanknüpfung enger Verbindungen zwischen Staat und Kirche mit negativen Folgen für sexuelle Minderheiten. 1992, nach einem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Nicaragua, ließ die damalige Präsidentin Violeta Chamorro ein neues Gesetz verabschieden, das Homosexualität - und ihre "Förderung" - unter Verbot stellte. Überall im Subkontinent wurden linksgerichtete, von der Befreiungstheologie inspirierte Geistliche zum Schweigen gebracht und durch rechtsgerichtete ersetzt, die mit dem Opus Dei in Verbindung stehen.

Zahlreiche christliche Kirchen und wohlhabende Gruppen in Nordamerika haben sich dieser weltweiten Gegenreaktion angeschlossen. Das "Ex-Gay Movement" etwa ist eine Vereinigung für Schwule nach dem Muster der "anonymen Alkoholiker", die ihnen hilft, sich zu "verändern" und über "Christus", "Therapie" oder beides heterosexuell zu werden. Die in den USA gegründete Bewegung ist heute ein internationales Netzwerk mit "Botschaften" in Peru, Hongkong und Brasilien, und sie beschäftigt PsychologInnen und TherapeutInnen.

Die Intoleranz nimmt auch in anderen Glaubensgemeinschaften zu. Dass homosexuelle Männer unter Berufung auf die Scharia hingerichtet werden, ist in islamisch-fundamentalistischen Staaten und Gemeinschaften zunehmend zu beobachten. Der Zorn fundamentalistischer Hindus wiederum richtet sich gegen Lesben.

Worauf beruht dieser Eifer, die Homosexualität auszumerzen - sei es durch Tötung, Bestrafung oder den Versuch, diesen "Zustand" mit dem Bannstrahl zu belegen? Die Intensität der Gefühle lässt sich offenbar nicht oder kaum auf einzelne Ursachen zurückführen. Eine verbreitete, psychoanalytische Erklärung besagt, dass Sexualität nichts Absolutes ist.

Homophobie, die "irrationale Angst vor und Diskriminierung von Homosexuellen", ist demnach eine Folge der Angst vor der eigenen latenten Homosexualität. Und die lässt sich etwa bekämpfen, indem jene angegriffen werden, die sie manifestieren.

Aber es gibt auch andere Faktoren. Eine Studie über gewalttätige schwulenfeindliche Jugendliche in der San Francisco Bay Area ergab, dass Schwule, mehr als andere Gruppen, als "gesellschaftlich akzeptiertes Angriffsziel" gelten. Auch wird moralisierend auf Religionen Bezug genommen, um Lesben oder Gays zu verurteilen. Doch finden sich in den wichtigen religiösen Schriften der Welt wenige oder überhaupt keine Aussagen zur Homosexualität. Und was es gibt, kann durchaus unterschiedlich ausgelegt werden.

Vielleicht die beste Erklärung liefert ironischerweise der Papst selbst, wenn er Homosexualität als "ordnungswidrig" verurteilt. Homophobie und das Insistieren auf den "Familienwerten" der heterosexuellen Kleinfamilie scheint die Aufrechterhaltung der Ordnung zu bezwecken. Autoritären Regimen stehen dazu viele Mittel zur Verfügung, doch gilt die traditionelle Familie mit genau festgelegten Geschlechtsrollen als gesellschaftliche und wirtschaftliche Einheit, die diesem Ziel entgegenkommt.

Sexuellen Minderheiten wird zugeschrieben, diese Geschlechtsgrenzen auf "ordnungswidrige" Weise zu verwischen und zu untergraben.

Es gibt allerdings eine andere mögliche Erklärung für Homophobie, die nichts mit Sex zu tun hat. Sexuelle AußenseiterInnen sind einfach sehr bequeme Sündenböcke. Hitler, Thatcher, Castro und Mugabe sind Beispiele für PolitikerInnen, die sich dies taktisch zunutze gemacht haben. Sündenböcke werden meist dazu benutzt, von einer Wirtschaftskrise, sinkendem Rückhalt in der Bevölkerung oder einem unpopulären Krieg abzulenken. Manchmal geht es bloß darum, sich politischer Gegner zu entledigen: Der malaysische Premierminister Mahatir Mohamed schaffte es unlängst, die Gefängnisstrafe seines Erzrivalen Anwar Ibrahim wegen "widernatürlicher Unzucht" um neun Jahre verlängern zu lassen.

Um wenigstens einen Anschein von Gleichberechtigung herzustellen, müsste sich die Gesetzeslage in beinahe allen Ländern der Welt ändern. Todes- und Gefängnisstrafen gegen Angehörige sexueller Minderheiten, ihre Folterung und außergerichtliche Tötung verstoßen gegen zahlreiche Artikel der UN-Menschenrechtskonventionen, und genau das ist auch bei anderen Formen der rechtlichen Diskriminierung der Fall.

Technisch ist die Lösung einfach. Im Familienrecht müsste bloß auf eine "Person" oder "Personen" Bezug genommen werden, anstatt ein Geschlecht anzuführen. Anderswo könnte es ausreichen, die Wörter "sexuelle Orientierung" in bestehende Anti-Diskriminierungsbestimmungen aufzunehmen.

Aber das Recht ist nicht alles. Das beste Gegenmittel gegen Vorurteile ist Information. Homophobe Menschen haben kaum oder keinen regelmäßigen Kontakt mit Personen, um deren Homosexualität sie Bescheid wissen. Das ist ein weiterer Grund, warum es für sexuelle Minderheiten so wichtig ist, sich zu ihrer Orientierung zu bekennen.

In 38 Ländern rund um die Welt fanden letztes Jahr "Gay Pride"-Demonstrationen statt. Das ist großartig. Aber ich sehne den Tag herbei, an dem der "Stolz" darauf, lesbisch oder schwul zu sein, genauso relevant sein wird wie der Stolz auf die Farbe seiner Augen.

Sexuelle Minderheiten brauchen in erster Linie grundlegende Menschenrechte - auf Leben, Würde, Gleichheit - auf der selben Basis wie die sexuelle Mehrheit. Doch bis dahin ist Stolz unverzichtbar.

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