Fair, aber unsensibel

Von Redaktion ·

Der Faire Handel besteht auf einheitlichen Standards. Ihm fehlt dabei die Sensibilität für kulturelle Unterschiede, was schwerwiegende Folgen haben kann, meint Lena Keller-Bischoff.

Im Welthandel herrscht ein Wettlauf um die niedrigsten Produktionskosten. Das trägt zur Globalisierung sozialer Ungleichheit bei, Produzierende im globalen Süden leiden unter unserem Billigkonsum. Es besteht also die Notwendigkeit, kapitalistisches Wirtschaften gerechter zu gestalten.

Der Faire Handel bietet eine Alternative zu ausbeuterischem Konsum. Jedoch sind die Strukturen dieser aus dem Westen stammenden entwicklungspolitischen Idee teilweise noch immer davon geprägt, was wir „WestlerInnen“ als fair empfinden. Der „World Fair Trade Organisation“ (WFTO) zufolge soll die Arbeit von Fair-Trade-Organisationen weltweit auf gleichen Standards basieren.

Mit Unterstützung meiner KollegInnen Andi Aumi Angreny Amin und Aditya Rizki Pratama habe ich sechs Monate lang ethnologische Feldforschung betrieben. Das Ergebnis: Die Anwendung universeller Standards kann fatale Folgen für Produzierende haben.

Unterschätzte Zwischenhändler. Der Faire Handel will etwa das Prinzip des Geschäfts über ZwischenhändlerInnen weltweit vollständig eliminieren. Während meiner Arbeit mit indonesischen Fair-Trade-Organisationen wurde allerdings deutlich, dass dieses Prinzip dort kulturell fest verankert ist. ZwischenhändlerInnen fungieren in Indonesien, neben ihrer wirtschaftlichen Funktion, auch als Kommunikationsbrücke zwischen den Produzierenden und den ManagerInnen. Durch verschiedene kulturelle Konzepte zur Respekt- und Harmonieeinhaltung ist es Produzierenden nicht möglich, selbst Forderungen an die ManagerInnen zu stellen. Bei Betrachtung einer Fair-Trade-Organisation ohne existierende ZwischenhändlerInnen wurde deutlich, wie wichtig der Umgang mit kulturellen Feinheiten im Fairen Handel ist. Resultat einer Eliminierung von ZwischenhändlerInnen war nämlich, dass Produzierende sich nicht in die Aushandlungsprozesse der Organisation einbringen konnten. Genau eine solche Partizipation sollte der Faire Handel allerdings nachhaltig stärken, um sich von einer eurozentrischen Entwicklungspolitik abzugrenzen.

Weg vom Rettungsgedanken. Kultursensibilität ist also der Schlüssel, um den Fairen Handel wirklich fair im Sinne der Produzierenden zu gestalten. Das soll nicht heißen, dass ich eine Aufhebung von Standards befürworte; schließlich sind diese Grundlage für die dringend notwendige rechtliche Verankerung des Fairen Handels. Seine Kritik am Zwischenhandel (genauso wie seine allgemeinen Richtlinien) soll der Faire Handel nicht aufgeben. Aber er muss sich den kulturspezifischen Anforderungen anpassen, um den Schutz der Produzierenden zu gewährleisten. Dabei muss Vorsicht vor einer Reproduktion postkolonialer Tendenzen geübt werden, um Abhängigkeitsverhältnisse nicht zu verhärten. Verantwortungsübernahme von KonsumentInnen durch politische Kaufentscheidungen ist äußerst wichtig, doch dürfen wir aus dem „Westen“ uns nicht als die alleinigen schützenden RetterInnen aufspielen.

Die produzierenden Menschen müssen ihre Perspektiven und Bedürfnisse deutlicher in die Strukturen des Fairen Handels einbringen können. Es ist sinnvoller, mit kulturellen Prinzipien zu arbeiten und sie in sich fair zu gestalten, als sie im Namen universeller Standards zu brechen.

Lena Keller-Bischoff studiert Ethnologie und Soziologie in Freiburg. Ethnologische Feldforschungsprojekte führten sie sechs Monate lang nach Indonesien und Bolivien, wo sie nah mit Produzierenden von Fair-Trade-Organisationen zusammengelebt und -gearbeitet hat, um deren Perspektiven auf den Fairen Handel bestmöglich einzufangen.

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