Farbe bekennen

Von Redaktion ·

Zwischen Rebellion, Massenware und maßgeschneiderter Kunst verortet Igor Eberhard Tattoos in unseren Breiten.

Ich war ein Held. Zumindest in der Provinz und aus meiner eigenen Sicht. Mit Nasenringen und bunten Haaren konnte ich in meinem Heimatdorf vor 30 Jahren noch schockieren. Zu dieser Zeit habe ich die Tätowierungen erstmals für mich entdeckt. Nichts war rebellischer als das. Der Tattoo-Trend war noch weit entfernt. Tattoos waren ein klares Bekenntnis – zu einer Einstellung, einem Lebensgefühl, zum Außenseiterdasein oder auch zum Dazugehörenwollen. Manchmal waren sie auch nur ein auf der Haut getragener Stinkefinger.

Heute gibt es selbst in meiner Heimat Worms eine Tattoo-Messe und gleich mehrere Tattoo-Studios. Mit Tätowierungen kann man dort niemanden mehr schockieren. So ist es fast überall im deutschsprachigen Raum. Der Anblick von Tattoos ist allgegenwärtig. Sie sind auch zum Mode- und Konsumprodukt geworden. Mit immer mehr Tattoo-Studios, eigenem Familienprogramm bei Tattoo-Conventions, zig Tattoo-Shows im TV ist das kein Wunder. Selbst vor den Kinderzimmern machen sie keinen Halt: Es gibt Tattoo-Barbies, Tattoo-Autos, Tattoo-Lego etc.

Über die Haut als Forschungsfeld

Die Haut hat viele unterschiedliche Funktionen. Sie ist weitaus mehr als eine bloße Hülle. Sie schützt, hilft das innere Gleichgewicht zu bewahren und beeinflusst die Abwehrkräfte sowie den Stoffwechsel. Sie ist unsere Körper- bzw. Leib-Grenze und repräsentiert unsere Identität. Deshalb ist sie für die Identität und die Wahrnehmung von Anderen bedeutend. Vorurteile und Stigmatisierungen werden zuerst an der Haut festgemacht: Ihre Farbe, Gestalt, die äußeren Anzeichen von Alter oder Krankheit, aber auch Tätowierungen schaffen erste Eindrücke und Bewertungen über Andere. Wie man diese Zeichen interpretiert, ist kulturell geprägt.

Wie Haut wirkt und welchen Einfluss sie hat, wird im noch jungen, interdisziplinären Forschungsfeld Skin Studies untersucht. Als erster Schritt wurde die Arbeitsgruppe Hautbilder gegründet. Diese veranstaltet am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien im Wintersemester die Ringvorlesung „Mehr als nur Haut? Einführung in die Haut als Forschungsthema“.   I.E.

Weitere Infos zu Vorlesung und Arbeitsgruppe: ufind.univie.ac.at // skinstudies.wordpress.com

Kunst am Körper. Tätowierungen sind wie die Rebellenattitüde, die Hippiekultur oder Punkrock spätestens seit den 1980ern Mainstream geworden. Doch sie sind noch immer mehr als bloße Behübschung des Körpers. Die neuen vielfältigen künstlerischen Stile, neuen Techniken, besseren Maschinen und das enorm gestiegene Können vieler TätowiererInnen mit grafischem oder künstlerischem Background haben Tätowierungen in unseren Breiten grundlegend verändert – und es ist kein Ende in Sicht. Manche TätowiererInnen, etwa der US-Amerikaner Ed Hardy, die Schweizer TätowiererInnen-Familie Leu, die Deutschen Berit Uhlhorn und Simone Pfaff oder der Wiener Marian Merl haben eigenständige Kunststile entwickelt und werden in Kunstgalerien ausgestellt. Ihre Tattoos zu tragen, macht die TrägerInnen selbst zum Kunstwerk. Doch gleichzeitig hat diese Kunst ein Ablaufdatum: Wenn sich das Leben verändert, verändert sich auch das Bild auf der Haut. Es altert, spannt sich, verblasst oder wird möglicherweise durch Narben entstellt. Das macht es auch ein Stück weit gefährlich und einzigartig.

Egal ob Dienstleistungsprodukt oder Kunstwerk: Tätowierungen bleiben so oder so immer etwas Besonderes. Sie verändern. Tätowierungen erfordern ein Stück weit Überwindung und Mut. Sie bedeuten Schmerzen und den Willen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Sie sind nie selbstverständlich. Im Gegenteil: Sie verlangen, Farbe zu bekennen.

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