Ferne afrikanische Einheit

Von Mona Schulz · · 2006/04

In Libyen zeigt sich, wie in anderen arabischen Staaten, ein Alltagsrassismus. Und auch die Regierung behandelt MigrantInnen unmenschlich – trotz propagierter afrikanischer Solidarität.

„Yalla, yalla!“ Ein Tankstellenarbeiter schreit drei junge Männer an. „Haut ab!“ brüllt er mit grimmigem Gesicht. Seine rechte Hand wedelt durch die Luft, die andere hält einen Benzinschlauch. Die drei Jugendlichen unterhalten sich mit TouristInnen, die vor einem Kleinbus stehen. Sie wollten nach Europa, egal in welches Land. Sie seien aus Ghana und hätten es nun immerhin schon bis Libyen geschafft. Doch hier sei das Leben hart. „Sie mögen uns nicht“, sagt einer von ihnen. Er trägt Jeans und ausgetretene, billige Sportschuhe. Sein Freund zuckt mit den Schultern: „Wir sind keine Moslems und wir sprechen kein arabisch, vielleicht deshalb.“
Nervös blicken sie zum Angestellten an der Zapfsäule. Auch sein Kollege schreit „Yalla, yalla!“ und kommt auf die Gruppe zu. Langsam entfernen sich die jungen Ghanaer. Den erstaunten TouristInnen erklärt er: „Wir haben so viele Probleme mit denen! Sie lügen und stehlen.“

Libyen ist seit vielen Jahren Einwanderungsland und Transitstation für MigrantInnen aus West- und Ostafrika, den südlichen Nachbarländern, aber auch aus dem Maghreb, Bangladesch, den Philippinen und Pakistan. Wie viele jedes Jahr kommen und gehen, ist kaum dokumentiert. Die libyschen Behörden schätzen, dass jährlich etwa 75.000 bis 100.000 MigrantInnen nach Libyen einreisen. Die über 4.000 Kilometer lange Grenze mit den sechs Nachbarstaaten ist durchlässig. An vielen Stellen in der Wüste ist sie gar nicht markiert. Ungezählte lassen ihr Leben auf dem Weg ins Land.
Auf dem afrikanischen Kontinent wirkt Libyen wie ein Magnet. Der Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi propagiert eine Politik der afrikanischen Einheit, seit er sich vor einigen Jahren von der Arabischen Liga abgewendet hat, verärgert über die mangelnde Unterstützung während des internationalen Embargos in Folge des Flugzeug-Attentates über Lockerbie 1988. Offiziell verlassen hat er die Liga aber bislang nicht. Mit großem finanziellen Aufwand – sehr zum Ärger vieler LibyerInnen, die das Geld lieber im eigenen Land sehen würden – warb er für die 2002 gegründete Afrikanische Union (AU). Für zahlreiche Mitgliedsländer sieht Libyen Visumfreiheit vor.
Noch größer als die Anziehungskraft dieser Politik der offenen Tür ist aber die des Geldes. Das riesige Land mit den wenigen StaatsbürgerInnen – 5,7 Millionen – ist wegen seiner Erdölvorkommen relativ reich. Das Bruttonationaleinkommen pro Kopf lag in Libyen 2004 bei 4.450 US-Dollar, im bevölkerungsreichen Nachbarland Ägypten dagegen bei 1.310 und im südlich gelegenen Tschad gar nur bei 260 Dollar.

In Ghadames, einer Wüstenstadt mit fast 20.000 EinwohnerInnen im Grenzdreieck Algerien, Tunesien, Libyen, sitzen schwarze Einwanderer vor der Moschee und warten auf Aufträge. Sie bauen Häuser und Straßen, arbeiten auf den Feldern oder fahren den Müll weg. Frauen in den Städten arbeiten vor allem als Reinigungskräfte in Hotels und Krankenhäusern. 100 Euro im Monat würden sie verdienen, erzählen Männer aus Bangladesch, die in der Kantine einer Erdölfirma fest angestellt sind. Viele zieht es nach Europa.
Laut dem früheren Minister für afrikanische Einheit, Ali Abdel Salam al-Traiki, leben insgesamt zwei Millionen ArbeitsmigrantInnen aus den Ländern südlich der Sahara in Libyen. Andere Quellen sprechen von einer bis eineinhalb Millionen EinwanderInnen insgesamt. Die Gesellschaft begegnet ihnen, trotz ihrer enormen Gastfreundlichkeit, mit Misstrauen und Feindseligkeit. Sie müssen in Bussen und Hotels mehr zahlen als andere, auf dem Markt arbeiten sie für 15 Dinar (rund zehn Euro) am Tag, Einheimische bekommen das Doppelte. Die libyschen Behörden bieten manchen EinwanderInnen zwar Grundstücke für ein bis zwei Jahre an. Oft liegen diese aber in Ghettos wie Jensia bei Tripolis oder in der Umgebung des 150 km entfernten Zliten mit eigenen Schulen, Geschäften, Kirchen und Moscheen.
Im September 2000 griffen arabische Männer Schwarze aus Ghana, Nigeria, dem Tschad, Niger und Sudan an. Die Pogrome in Tripolis und seinen Vororten dehnten sich schnell auf andere Städte an der Küste aus, etwa Surman und Zuwara. Sie ließen viele obdachlos zurück, nachdem ihre Häuser geplündert und niedergebrannt worden waren. Nach libyschen Angaben sollen sechs Menschen getötet worden sein. Andere Quellen, etwa Botschaften westafrikanischer Länder, sprechen von rund 50 Toten. Mehrere Zehntausend wurden in ihre Herkunftsländer zurückgebracht, nachdem sie in die Botschaften ihrer Länder geflüchtet waren. Laut Hanspeter Mattes, dem stellvertretenden Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg, seien 300 Libyer und 29 Einwanderer aus den südlicher gelegenen Ländern wegen Mord, Totschlag, Randalierens, „Verschwörung gegen die libysche Jamahiriya“, die Volksrepublik, und „Untergrabung der libyschen Afrikapolitik“ angeklagt worden. Das Volksgericht Tripolis habe im Mai 2001 mehrere Haftstrafen verhängt und sieben Angeklagte (davon zwei Libyer) zum Tode verurteilt. 160 seien freigesprochen worden.

Salif Sanun lebte zehn Jahre in Libyen. Der Mann aus Guinea hatte als Jahrgangsbester Anfang der 1980er Jahre ein Stipendium erhalten und studierte an der Gar-Yunis Universität in Bengazi und an der Al Fatha-Universität in Tripolis. „Die erste Woche war schlimm. Ich habe fünf Fausthiebe verteilt“, erinnert sich Sanun, der heute in Europa lebt. Er sei kein Typ, der sich nicht mit Worten ausdrücken könne, aber die demütigende Ansprache und Haltung der Libyer ihm gegenüber habe ihn geschockt und sprachlos gemacht. „Abid“ habe man zu ihm gesagt, „Sklave“. Sanun, der fließend arabisch und neun weitere Sprachen spricht, dachte zunächst, es handle sich um besonders ungebildete Zeitgenossen. Doch bald stellte der Moslem fest, dass „Sklave“ unter den AraberInnen eine gewöhnliche Anrede für Schwarze ist. Dabei gäbe es im Staatsdienst viele schwarze Libyer, in der Armee seien 60 Prozent der Offiziere schwarz.
Als man ihn, während er mit seiner Verlobten spazieren ging, mit Steinen bewarf und mit „Neger“ beschimpfte, war es Zeit für ihn, das Land zu verlassen. Sanun ist überzeugt, dass auch der Druck der Tradition mit ihrer strikten Geschlechtertrennung bei vielen jungen Libyern Eifersucht und Hass auf liberalere EinwanderInnen erzeugt. Viele Männer sind erst mit Anfang vierzig in der Lage zu heiraten – zu teuer sind die Hochzeit, die Mitgift und das neue Haus. Migrantinnen ihrerseits klagen oft über Belästigungen. Deshalb verändern sie ihre Pässe und geben sich als verheiratet aus. Trotzdem würden sie von den Libyern als Prostituierte betrachtet.
„Wir fühlen uns nicht willkommen, auch wenn Gaddafi uns höchstpersönlich einlädt“, sagt Ousmane Touré. Neben der zentralen Busstation in der Hauptstadt betreibt er in dem umzäunten afrikanischen Markt einen kleinen Musikladen. Viele seiner Freunde aus Westafrika seien willkürlich bei Razzien festgenommen, in unwirtliche Lager gesteckt und dann abgeschoben worden.

Diese Praxis bestätigt auch eine Expertengruppe der EU, die vor eineinhalb Jahren das Land bereiste und mit Gefangenen des Lagers im Al-Fatah-Gefängnis in Tripolis sowie in anderer, weiter entfernten Lagern sprach. „Die Gefangenen verstanden nicht den Grund ihrer Festnahme, zumal sich viele bereits seit Jahren in Libyen aufgehalten und gearbeitet hätten“, heißt es in dem Bericht „Technische Mission in Libyen zum Thema Illegale Migration“. Zudem war keiner der Befragten über Haftdauer und rechtliche Bedingungen informiert, auch die Beamten hätten darüber keine Auskunft geben können.
Offiziell unterhält Libyen keine Kontakte zur EU. Im Barcelona-Prozess, der Mittelmeerpartnerschaft der EU (siehe SWM 12/2005, S. 17), hat Libyen nur einen Beobachterstatus. In den letzten Jahren hofiert die EU den exzentrischen Autokraten Gaddafi, da sie im Kampf gegen Menschen, die nach Europa kommen wollen, auf seine Hilfe angewiesen ist. Vor allem Italien finanzierte Ausrüstung und Ausbildung für Grenzbeamte, Abschiebeflüge von Tripolis in mehrere afrikanische Länder, Leichensäcke sowie Matratzen und Wolldecken für die zahlreichen Lager und Gefängnisse. Das EU-Büro von Amnesty International ist besorgt, da die Situation von MigrantInnen und Flüchtlingen in Libyen, „extrem problematisch“ sei. Die Zustände in den Lagern seien äußerst beklagenswert, Inhaftierungen seien willkürlich. Außerdem werde von Abschiebungen berichtet, bei denen keinerlei Rücksicht auf elementare Bedürfnisse der Flüchtlinge genommen wurde und Menschen sogar gestorben seien.
Libyen fährt in Sachen Einwanderung einen Schlingerkurs: Während warme Worte zur afrikanischen Einheit gesprochen und bunte Plakate aufgehängt werden, auf denen Kinder die Grenzverläufe in Afrika wegradieren, geben libysche Beamte gegenüber der EU an, die illegale Einwanderung sei ein wachsendes Problem und habe schon die Dimension einer nationalen Krise. Dabei dürfte den Behörden vor allem die mangelnde Kontrolle der Schmuggler- und Schlepper-Netzwerke ein Dorn im Auge sein. Sie befürchten, dass die Kriminalität zunimmt, Aids sich ausbreitet und ökonomische Verwerfungen entstehen, da das Angebot an billiger Arbeitskraft enorm zunehme – und das bei einer steigenden Arbeitslosigkeit unter jungen LibyerInnen.
In Libyen sei das subjektive Gefühl der „Überfremdung“ deutlich angestiegen, es gäbe einen ausgeprägten Rassismus, berichtet die Politologin Sigrid Faath, Projektmitarbeiterin am Deutschen Orient Institut Hamburg. Zudem seien viele von der vor sich gehenden Privatisierung verunsichert. Zusammen mit der Frustration junger Leute angesichts des stagnierenden politischen Wandels birgt dieser Rassismus ein hohes Konfliktpotenzial.

Mona Schulz ist Sozialwissenschaftlerin und freie Mitarbeiterin des Südwind-Magazins.

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