Fertig

Georg Bauernfeind ist unser Reporter des Wahnsinns

Das Leben ist – betrachtet man einen normalen Juni – eher nicht unanstrengend. Und jetzt kommt auch noch der Urlaub! Das Problem: Alle Bedürfnisse von allen Beteiligten lassen sich kaum befriedigen. Selbst wenn man alleine reist. Am Strand gibt es selten ein Konzert mit wirklich guter Chormusik, in den Bergen praktisch nie ein Meer. Der ideale Urlaubsort: eine Berghütte, die am Strand liegt, mitten in einer Kulturhauptstadt. Oder soll es doch mehr in Richtung „gar nichts machen“ gehen?

Da sei Werner Wüste vor. Ich traf ihn auf der Wiener Ferienmesse, in die ich mich – auf der Suche nach Ruhe und Erholung – verirrte. Er stand auf einer Bühne und referierte als Tourismus-Experte munter drauf los: „Immer diese Phrasen: Man soll im Urlaub ‚abschalten‘, ‚Speed rausnehmen‘, sich ‚einfach treiben lassen‘. Aber ganz ehrlich: Mit dieser Einstellung kommen Sie zu gar nichts! Der Urlaub ist kurz und will genützt werden. Lassen Sie sich nicht vom südländischen Temperament anstecken, sondern erhöhen Sie lieber den Effizienzfaktor. Schlecken Sie aus jeder Eistüte raus was geht! Holen Sie aus jedem Sonnenuntergang das Optimum und fotografieren Sie immer mit mehreren Kameras gleichzeitig! Drücken Sie beim Eincremen mit Sonnenschutz wirklich auf die Tube! Eine Effizienz steigernde Eincreme-Software mit einer Checkliste der dafür vorgesehenen Körperstellen können Sie im Internet downloaden!

Machen Sie ja nicht den Fehler, im Urlaub Ihren Beruf zu vergessen! Notebook und iPhone sollten Sie unbedingt IMMER und ÜBERALL dabei haben! Netzwerken ist auch am Badestrand möglich – im Sand spielende Kinder sind die Kunden von morgen! Selbst in den Bergen lassen sich wertvolle Geschäftskontakte anbahnen. So manche Lebensversicherungspolizze wurde in einem Klettersteig unterschrieben!

Und wenn Sie in ein fremdes Land reisen: Ob Tunesien, Kuba oder Bad Aussee – die Menschen in den Ferienregionen haben oft Sitten und Gebräuche, mit denen man schwer zu Recht kommt. Sagen Sie DENEN klar und deutlich, dass Sie nicht bereit sind, sich von DENEN überfordern zu lassen. Denn DIE DORT sind ja oft sehr locker, lässig und haben etwa in Lateinamerika so einen Groove. Davon ja nicht anstecken lassen. Das kann gefährlich sein. Wie wollen Sie überleben, wenn Sie zurückkommen?“

Nach diesem Vortrag wunderte ich mich über gar nichts mehr. Auch nicht über folgende Zeitungsmeldung: Tourist lief mit Spritzpistole Amok! Bei der anschließenden Einvernahme gab er zu Protokoll: Die Herzlichkeit der Einheimischen machte mich fertig … 

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien.
www.georg-bauernfeind.at
Aktuelles Programm: www.wurschtundwichtig.at

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