„Feuer bin ich“

Von Werner Hörtner ·

Gioconda Belli ist die meistgelesene und meistübersetzte Autorin der zeitgenössischen lateinamerikanischen Literatur. Eine Gratulation zum sechzigsten Geburtstag.

Die Macht liegt immer noch in der Hand der Männer!“ Unter diesem Titel veröffentlichte das Südwind-Magazin im Mai 1992 ein Interview mit Gioconda Belli, das der Autor dieses Beitrags geführt hatte. Seither hat sich nicht viel verändert in ihrer Heimat Nicaragua – außer dass der Sandinistenführer und Präsident Daniel Ortega nunmehr mit seiner Frau Rosario Murillo gemeinsam das Land in die Niederungen einer Familiendiktatur führt. Aber damit hat Gioconda Belli, eine der weiblichen Gallionsfiguren der sandinistischen Revolution, nichts mehr zu tun: Sie hat sich schon vor über einem Jahrzehnt von den autoritären Anwandlungen des einstigen Revolutionskommandanten Ortega enttäuscht abgewandt (vgl. Artikel auf S. 25).

„Ja, ich weiß, woher ich stamme, ungesättigt gleich der Flamme, glühe und verzehr ich mich!“ ließ Nietzsche einst seinen Zarathustra sprechen. Auch die nicaraguanische Schriftstellerin verwendet immer wieder die Metapher des Feuers. „Feuerwerk in meinem Hafen“, heißt ein Gedichtband von ihr, und „Feuer bin ich in der Ferne“ titelt das bisher letzte von ihr erschienene Buch mit Lyrik der letzten Jahre. Mit Líneas del Fuego, Feuerlinien, gewann sie 1968 den renommierten kubanischen Literaturpreis „Casa de las Americas“.

„Was wird mit mir geschehen, wenn das Feuer aufhört / rote Kohlen in mir zu verglühen, / Irrlichter / in meinen entflammten Brustwarzen?“

Ein Töchterchen aus bestem Haus: Die Sandinistin und Schriftstellerin Gioconda Belli stammt aus einer der besten, traditionsreichsten Familien Nicaraguas. Urgroßvater Antonio Belli kam aus Biella im italienischen Piemont, war als Ingenieur am Bau des Panamakanals beteiligt, bis er sich bei einem Ausflug nach Granada am Nicaragua-See in eine gewisse Carlota verliebte, eine Schwester des Generals und zweimaligen Präsidenten Emiliano Chamorro.
Nichts in der Kindheit und Jugend wies darauf hin, dass dieses Mädchen der High Society einst eine Widerstandskämpferin gegen eine brutale Diktatur und die erfolgreichste Schriftstellerin des Kontinents werden sollte. Sie maturierte in einer spanischen Klosterschule, studierte anschließend Werbung und Journalismus in Philadelphia und kehrte dann in die Heimat zurück, wo sie alsbald ihren Ehemann kennenlernen sollte. Bald findet die Hochzeit statt, in einem Brautkleid aus Seidensatin mit einem Überwurf aus venezianischer Spitze. Doch die Ehe mit ihrem weltscheuen, weltfremden Mann stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Die Mutter einer kleinen Tochter arbeitet bei Werbeagenturen und für Pepsi-Cola. Doch die junge Frau beginnt, Alpträume zu bekommen. „Eine Hälfte meines Körpers verwandelte sich in einen Staubsauger, und ich wackelte wie eine Waschmaschine.“ Gleichzeitig begann sie, feministische Literatur zu lesen. Und dann auch Frantz Fanon, Herbert Marcuse, Noam Chomsky und auch Ernst Fischer.
Gioconda Belli, geboren am 9. Dezember 1948 in Managua, lebt mit ihrer Familie
in Kalifornien und in der nicaraguanischen Hauptstadt.
Ihre Autobiographie „Die Verteidigung des Glücks“ ist das beste Werk zur
jüngeren Geschichte Nicaraguas.
Alle ins Deutsche übersetzten Bücher sind beim Hammer Verlag erschienen.
www.peter-hammer-verlag.de

Im selben Jahr 1970, als das 22-jährige Mädchen aus der High Society in die Reihen der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) gegen die Somoza-Diktatur eintritt, beginnt sie auch zu schreiben. Gedichte, die in der Oberschicht der Hauptstadt einen Skandal hervorrufen. „Vaginalpoesie“ und „schamlose Pornographie“, schimpfen die Damen der Gesellschaft. Und die Männer sehen sie mit lasziven Blicken an.
Der Kampf im Untergrund ist gefährlich und nervenaufreibend. Als ihr der Somoza-Geheimdienst auf die Spur kommt, schickt sie die Organisation nach Mexiko ins Exil. Später zieht sie nach Costa Rica weiter. Dort widmet sie sich voll dem Kampf gegen die Somoza-Diktatur – und schreibt weiterhin Gedichte. Belli: „Meine eigentliche Identität war die der Sandinistin; Dichterin zu sein war ein angenehmer Zusatz.“ Am 19. Juli 1979 schließlich der Triumph, der Sturz der Diktatur. Gioconda stürzt sich in hektische Aktivitäten zum Neuaufbau der Gesellschaft. In ihrem Erfolgsroman „Die bewohnte Frau“ schildert sie ihren Werdegang hin zur Polit-Aktivistin.

Wie so viele nicaraguanische Linksintellektuelle hat sich auch Gioconda Belli in den 1990er Jahren von Daniel Ortega und seinem Machtwahn abgewendet und sympathisiert mit der von Sergio Ramírez gegründeten „Sandinistischen Erneuerungsbewegung“ (MRS).
Wir wünschen der großartigen Schriftstellerin und dem beispielhaften Menschen Gioconda Belli alles Gute zu ihrem schönen Geburtstag und dass das Feuer nie aufhören möge, rote Kohlen zu verglühen.

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