Fischige Geschäfte

Die Fischbestände in den Weltmeeren schrumpfen drastisch. In den Supermarktregalen ist davon nichts zu bemerken. New Internationalist-Redakteurin Anouk Ride sucht den Haken an der Sache.

Von Anouk Ride
Die Geschichte des Lachses ist beispielhaft für die weltweite Krise in der Fischerei. Wilder oder "natürlicher" Lachs ist - wie so viele bedrohte Arten - mittlerweile äußerst selten geworden. Von allen Fischen, die das gleiche Schicksal erleiden, ist es wahrscheinlich der Lachs, den die Menschen am meisten vermissen werden. Es muss an den beinahe säugetierähnlichen Lebensgewohnheiten der Lachse liegen, dass sie die Anglerherzen höher schlagen lassen und ihnen eine herausragende Stellung in der Fachliteratur eingeräumt wird.

Der Lachs, der sein Leben anfänglich in Flüssen und später im Meer verbringt, kehrt mit Hilfe seines außergewöhnlichen Spürsinns - man sagt ihm einen tausendfach feineren Geruchsinn als Hunden nach - wieder zurück an den Ort seiner Geburt, wo er seinen Laich ablegt und anschließend verendet.

Eine bedeutende Rolle spielte der Lachs seit jeher für die nordamerikanischen indigenen Völker, deren Kultur eng mit diesem Fisch verbunden ist. Bei den Salish, Tlingit und Kwakiutl herrscht der Glaube, dass die Lachse nicht einfach nur Fische sind, sondern Gesandte der fünf Stämme jenes Volkes, das in einem Dorf unter der Meeresoberfläche am Horizont lebt. Und so begrüßten sie die Lachse jedes Jahr mit einer Zeremonie, wenn sie das Dorf im Meer verlassen hatten und flussaufwärts strömten.

Bis vor nicht allzu langer Zeit lebten an der Westküste der USA ca. 60.000 Menschen vom Lachsfang - direkt als Fischer oder indirekt als Beschäftigte in der Weiterverarbeitung. Die Unfähigkeit, eine multilaterale Vereinbarung über die jährlichen Fangmengen zu schließen, hat zu einem Wettrennen zwischen Kanada, Amerika, Korea, Russland und Japan geführt, das inzwischen zur Beinahe-Ausrottung der gesamten dortigen Lachsvorkommen geführt hat.

Nur die Hälfte aller in den USA registrierten Lachsfischer übt ihre Tätigkeit noch tatsächlich aus. Wurden 1988 noch 1,5 Millionen Lachse aus dem Pazifik gefischt, so belief sich 1992 der Jahresertrag nur mehr auf 120.000 Fische.

Um wenigstens einem Restbestand dieser mythischen Fische das Überleben zu sichern, steht in den USA der Lachs heute als bedrohte Art ganzjährig unter Naturschutz.

Der bekannte Wissenschafter Tim Flannery schreibt in seinem Buch "The Future Eaters": "Immer, wenn die Lebensgrundlagen knapp werden, betrachten die Menschen den Meeresraum als scheinbar unbegrenzte Vorratskammer. Leider ist das aber nicht so, denn die Meere sind die Spiegelbilder unserer Landschaften - rund um Australien z.B. ist der Ozean eine biologische Wüste von höchster Fragilität."

Bei einer internationalen Konferenz von führenden Meeresbiologen auf Einladung der amerikanischen Akademie der Wissenschaften wurde erst kürzlich festgestellt, dass Überfischung und nicht Klimaerwärmung oder Wasserverschmutzung die größte Bedrohung der Artenvielfalt in unseren Weltmeeren darstellt.

Fische sind die einzigen in freier Wildbahn lebenden Tiere, die vom Menschen noch in großem Ausmaß als Nahrung gejagt werden. Dennoch wird der Fischbestand von vielen als sich ständig erneuernd betrachtet, den man wie Getreide erntet. Man denkt nicht an den Schutz bedrohter Arten, die eines Tages vom gleichen Schicksal wie der Tiger oder der Panda ereilt werden könnten.

Die Fischbestände in den Meeren waren noch nie so stark gefährdet wie heute: Zwischen 1950 und 1990 haben sich die weltweiten Fangerträge verfünffacht. Die modernen Fangflotten ermöglichen es heute, die seltensten Arten selbst aus großen Tiefen heraufzuholen.

Zusätzlich wird die Hochseefischerei von den Regierungen mit saftigen Subventionszahlungen unterstützt, was unweigerlich noch größere Schiffe und Fangnetze zur Folge hat. Ende der 80-iger Jahres mussten für jeden im Fischfang verdienten US-Dollar von Regierungen, Fischern und SteuerzahlerInnen 1,77 Dollar investiert werden.

In den gigantischen Schleppnetzen landen außerdem weit mehr Arten als verkauft werden. Jedes Jahr verenden auf diese Weise 27 Millionen Tonnen Fische, die anschließend wieder über Bord gekippt werden - eine ungeheuerliche Verschwendung namens Beifang. Aber angesichts von Supermarktregalen voll von importiertem Fisch - selbst in Australien, wo die umliegenden Meere praktisch leergefischt sind -, wer käme da schon auf den Gedanken einer solch prekären Situation?

Die weltweiten Fischbestände sind zu 70 Prozent voll abgefischt oder überfischt. Auf den ersten Blick verschleiert wird diese Krise durch die ständig steigenden Erträge aus der Fischzucht in Meeres- und Binnengewässern. Derzeit stammt bereits ein Drittel aller verzehrten Speisefische aus Zuchtfarmen. Nach Schätzungen der Weltbank wird der Marktanteil der Zuchterträge den der Fangerträge innerhalb der nächsten zehn Jahre übersteigen. Bei Sorten wie Lachs kommt bereits heute das überwiegende Angebot aus Zuchtbetrieben.

Für fischarme Gebiete wie Australien wird die Lachszucht allgemein als Segen betrachtet. An den Küsten der südlich gelegenen, größtenteils noch sehr naturbelassenen Insel Tasmanien sind in den letzten Jahren zahlreiche Fischfarmen entstanden, die erfolgreich den in dieser Region nicht heimischen atlantischen Lachs züchten.

Aber die Fischzucht verursacht mehr Probleme, als sie löst. Sie ist eine der intensivsten Formen von Massentierhaltung: Bis zu 40.000 Fische werden in Käfige gepfercht, in denen für jedes Einzeltier höchstens eine halbe Badewannenfüllung Wasser als Lebensraum bleibt. In Schottland, einem der weltgrößten Produzenten von Zuchtlachs, ist im Laufe dieses Sommers Fischkot in die Küstengewässer geströmt, der mengenmäßig den Ausscheidungen von acht Millionen Menschen entspricht.

Mit den wachsenden Zuchtmengen von Speisefisch und Shrimps ist auch der Fang von Kleinfischen angestiegen. Für ein Kilogramm Lachs werden fünf Kilo wilder Fisch als Futter benötigt. Krill ist dabei besonders begehrt, weil er die Rosafärbung des Lachsfleisches unterstützt. Da die Nachfrage nach dem seltenen Krill aber den Preis in die Höhe schnellen ließ, werden von den Lachsfarmen häufig Pigmente zur Rottönung des Fleisches mitverfüttert.

Während der wild lebende Lachs ein magerer Langstreckenschwimmer ist, setzen seine Artgenossen durch den Bewegungsmangel in den Zuchtkäfigen und eine ölhältige, mit Farbstoffen, Impfstoffen und Hormonen angereicherte Fütterungsweise schnell Fett an. Allerdings gelingt es immer wieder ganzen Schwärmen, sich aus der Gefangenschaft zu befreien. In Schottland entkommen schätzungsweise 15.000 Lachse pro Monat in die Freiheit, wo sie sich als Nahrungskonkurrenten mit wild lebenden Exemplaren kreuzen und so deren Erbmasse schwächen.

Ins Kreuzfeuer massiver Kritik ist die Aquakultur neuerdings auch durch ihre Experimente mit genmanipulierten Fischen geraten. In Neuseeland (Aotearoa) gab es im vergangenen Frühjahr zu fünffacher Größe mutierte Exemplare von Chinook-Lachsen, deren Fotos ungewollt an die Öffentlichkeit gelangten und die vor allem durch ihre deformierten Köpfe Aufsehen erregten. New Sealand King Salmon, die dafür verantwortliche Zuchtfarm, geriet daraufhin unter Druck und mußte ihren gesamten Bestand an genmanipulierten Fischen vernichten. Der tiefgefrorene Samen der Mutanten wird allerdings für eine "eventuelle spätere Verwendung" an einem sicheren Ort verwahrt.

Ähnliche genmanipulierte Fische sind auch aus den USA und Kanada bekannt, wo sie auf eine Mischung aus Interesse und Abscheu stoßen.

Die Veränderung des genetischen Codes ist der letzte Schritt auf dem langen Leidensweg zum "künstlichen" Lachs. Wir haben ihre natürlichen Bestände beinahe leer gefischt, sie in fremde Lebensräume wie Chile oder Australien verpflanzt und ihnen Chemikalien und Fische gefüttert, die sie unter normalen Umständen nicht fressen würden. Und wir haben eine der zugfreudigsten Fischarten lebenslang hinter Gitter gesperrt.

Im Gegensatz zu den Menschen, denen von Behörden und Regierungen meist ziemlich exakte Grenzen gesetzt werden, können Fische mühelos Grenzen überschreiten - vorausgesetzt sie sind tot. Dieser Trend zu eher weniger als mehr Handesbeschränkungen fördert ein weiteres Wachstum der groß angelegten Fisch-Industrie in den reichen Ländern.

Bei ihren "fischigen" Geschäften konnten sich die großen Unternehmen immer auch auf ihre Regierungen im Hintergrund verlassen. Nehmen wir Europa als Beispiel: Die EU hat für ihre Fischereiwesen ein Abkommen mit mehreren afrikanischen Nationen ausgehandelt, das ihr ermöglicht, große Mengen Fisch für wenig Geld abzufischen. So wird das Problem der Überfischung einfach von Norden nach Süden verlagert. Die EU subventioniert Verträge mit insgesamt 15 Staaten in West- und Ostafrika, bei denen die Kompensationszahlungen an die lokalen Regierungen meist weniger als zehn Prozent des Fangwertes betragen. Protestierende einheimische Fischer in Senegal und Mauretanien haben von diesem Geld zwar noch nichts gesehen. Sie sind sich aber der Konsequenzen bewusst, die dieses vermehrten Abfischen für sie als Familienernährer hat.

Nicht nur die Fisch exportierenden Länder aus der Dritten Welt verlieren die Kontrolle über die internationalen Handelsbedingungen. Auch die Import-Staaten sehen sich zunehmend außerstande, den grenzüberschreitenden Strom von Zucht- und Fangfisch zu beschränken.

In Seattle protestierten TierschützerInnen als Schildkröten verkleidet gegen die Aufhebung der US-Einfuhrsperre von importierten Shrimps durch die WTO. Betroffen sind jene Shrimps, bei deren Trawlerfang auch Meeresschildkröten getötet werden.

Zur gleichen Zeit waren Kanada und Australien in einen ähnlichen Handelszwist verwickelt. Es ging wieder einmal um Lachs. Der australische Bundesstaat Tasmanien wollte seine Lachsfarmen zu einer "infektionsfreien Zone" erklären. Per Verordnung untersagte er die eine Einfuhr von unverarbeitetem Lachs, um das Risiko der Ausbreitung von Fischviren möglichst zu unterbinden. Die erzürnte kanadische Lachswirtschaft ging gegen die Regelung mit einer Klage bei der WTO vor.

Das Ausmaß der darauf folgenden Proteste in Australien zeigt, wie unzufrieden die Bevölkerung mit den selbstherrlichen Regelungen der WTO ist. Obwohl Tasmaniens Einfuhrverbot eigentlich als Quarantänemaßnahme gedacht war, einte das gemeinsame Ziel seiner Aufrechterhaltung plötzlich die politischen Lager des Landes mit den Gewerkschaften, der Angler-Lobby, den Naturschützern und den NGOs. Trotz allem gab die WTO der kanadischen Seite Recht und die australische Regierung musste zwangsläufig die Bedenken der Gruppierungen im eigenen Land zerstreuen und den Spruch durchsetzen.

Diese scheinbar unbedeutende Entscheidung der WTO zum Thema Lachs birgt allerdings weitreichende Konsequenzen für den gesamten weltweiten Fischbestand. Die WTO verweigert der Welt das, was dringend zur Rettung der Fischbestände notwendig wäre: die Anwendung des Vorbeugungs-Prinzips im Völkerrecht. Dieses Prinzip besagt, dass eine mögliche Umweltgefährdung wissenschaftlich nicht "erwiesen" sein muss, um nationale Gesetze zur Regulierung von Fischerei und Handel mit Wassertieren zu errichten.

Diesem Prinzip zu folgen, würde genügend Spielraum für alle betroffenen Regionen bedeuten, sich gegen eine Überfischung ihrer Gewässer zur Wehr zu setzen. Ohne vorbeugende Maßnahmen durch regionale Interessensgruppen lässt sich eine nachhaltige Nutzung der weltweiten Fischbestände nicht organisieren. Gegenwärtig stammen 85 Prozent aller international gehandelten Meeresfrüchte aus der Dritten Welt. Die dort ansässigen Fischer - die über eine Milliarde Menschen täglich mit ihrer Hauptproteinquelle versorgen - werden die Auswirkungen von Überfischung und Meeresverschmutzung durch die Fischzucht am empfindlichsten zu spüren bekommen.

Entsprechende Leitlinien und Verhaltensregeln für eine demokratische und veranwortungsbewusste Fischerei und Fischzucht wurden längst beschlossen (siehe Seite 25). Die UN-Convention on the Law of the Sea, die Agenda 21 sowie eine neue Vereinbarung zur Regelung der Hochseefischerei könnten Wegbereiter für eine Implementierung des Vorbeugungs-Prinzipes sein. Hier muss angesetzt werden und die enge Definition von Handelsbedingungen durch die WTO darf nicht länger hingenommen werden.

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