Frauensache Wirtschaft

Es gibt lebenswichtige Fragen, die mit dem herkömmlichen Repertoire des ökonomischen Wissens nicht zufriedenstellend zu beantworten sind, meint Eva Klawatsch-Treitl.

Von Eva Klawatsch-Treitl
Warum muss Österreich vor einem WTO-Gericht die Schädlichkeit von Genmais nachweisen, obwohl die ÖsterreicherInnen nicht wollen, dass ihre Brathendeln damit gefüttert wurden? Wie kommt es dazu, dass wegen der Tulpen, die mir ein Verehrer schenkt, das Baby einer kolumbianischen Blumenarbeiterin an Pestizidvergiftung stirbt? Wieso sind Frauen viel stärker von miserablen Arbeitsverhältnissen betroffen als Männer?
Hier soll nicht behauptet werden, dass Frauen die besseren Ökonominnen wären, dass alle Frauen für Haushalt und Kindererziehung zuständig seien oder gar, dass Frauen die besseren Menschen wären. Aber hier wird die These aufgestellt, dass ein frauenspezifischer Blick, in Kombination mit einem weiten und politischen Ökonomiebegriff die Möglichkeit bietet, Wirtschaft nach anderen Maßstäben zu messen. Danach, wie sie zum „guten Leben“ aller Menschen – im Süden, Osten wie im Norden – beiträgt und mit Natur verantwortungsvoll umgeht.
Es ist einerseits der frauenspezifische Blick, der das Gesichtsfeld der Ökonomie erweitern muss. Anderseits sind es die Frauen selbst, die aufgefordert sind, sich mit Wirtschaft zu beschäftigen und ihre Rolle als Akteurinnen des Wirtschaftsgeschehens wahrzunehmen. Immer wieder kommt es vor, dass Frauen meinen, die Wirtschaftsseiten der Zeitungen wären für sie nicht lesbar, sie verstünden nichts von Wirtschaft und hätten Schwierigkeiten, sich in Diskussionen fachkundig einzumischen. Das ist nicht ganz unverständlich, denn ökonomisches Wissen ist – ebenso wie Einkommen – sehr ungleich verteilt und vor allem auch ungleich bewertet. Frauen haben – unabhängig von ihren beruflichen Kontexten – viel Wissen über Hauswirtschaft, Versorgungs- und Vorsorgewirtschaft, Männer über Marktwirtschaft. Ersteres wird gar nicht oder zu gering bewertet, letzteres überbewertet.

Die Ökonomin Andrea Grishold weist darauf hin, dass die Neoklassik jener ökonomische „Mainstream“ ist, der gegenwärtig wesentlichen Einfluss auf das Alltagsverständnis von Ökonomie hat. Axiome dieses Ansatzes sind z.B. das Prinzip der Knappheit und das Konzept des Eigennutzes. Sein Menschenbild geht vom „Homo Oeconomicus“ aus, dem völlig rational handelnden Individuum. In der Neoklassik kann der Haushalt keine produktive Rolle im Wirtschaftsleben spielen. Produktion ist der Wirtschaft vorbehalten, Re-Produktion dem Haushalt. Eigennutz steht der Fürsorge gegenüber, Wettbewerb der Kooperation, der familiäre Haushalt der Ökonomie. Alle jene Menschen, die unbezahlt für andere sorgen (insbesondere Frauen) sind aus dieser Wirtschaftssicht eine vernachlässigbare Größe. Wenn nun aus Frauenperspektive diese Annahmen unzureichend sind, dann müssen Frauen gesellschaftliche Alternativen und Handlungsperspektiven erarbeiten. Es wird sonst niemand für sie tun.
Wirtschaftsalphabetisierung ist ein Weg, den Frauen weltweit gewählt haben, um (wirtschaftliches) Empowerment zu ermöglichen. Sie steht in einem engen Zusammenhang mit der internationalen Frauenbewegung und der 3. Weltfrauenkonferenz der UNO in Nairobi (1985). Als Erwachsenenbildungsansatz sieht sich diese Art der Wirtschaftsalphabetisierung in der Tradition der Pädagogik von Paulo Freire. Die Menschenrechte von Frauen – politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle – sind wesentlicher Ausgangspunkt der theoretischen Überlegungen. Die Lebensrealitäten der Frauen werden analysiert, die Expertise von Frauen wird geschätzt und als Grundlage genommen. Fachexpertise muss mit Alltagsexpertise gekoppelt werden. Kollektives Lernen und partizipative Forschung sollen die Weiterentwicklung von Theorie und Praxis ermöglichen.

Viele Frauen machen Karriere und stehen zu ihren Erfolgen. Das ist zu begrüßen und Frauen sind zu ermutigen, sich in Männerdomänen zu wagen. Zur Veränderung von Diskurs und Machtverhältnissen reicht das jedoch noch nicht aus.
Luise Gubitzer zeigt dies aus historischer Sicht. Im Spätmittelalter hatten sich Frauen gänzlich in die Wirtschaft integriert. In fast jedem Handwerk und in allen möglichen Positionen waren Frauen zu finden. Trotzdem wurden sie im 17. Jahrhundert aus all diesen Positionen hinausgedrängt. Die schlechte wirtschaftliche Situation war ein wichtiger Hintergrund, doch lag die wirkliche Ursache anderswo. Die politische Macht der „Räthe“ war ausschließlich in den Händen von Männern geblieben. Frauen waren trotz ihrer wirtschaftlichen Integration in den zuständigen Organen nicht vertreten.
Wirtschaftliches Wissen und Integration in die Wirtschaft ist als frauenpolitische Strategie der Veränderung zu kurz gegriffen. Gestaltung der Politik und Beeinflussung der Diskurse ist vonnöten. Wirtschaft ist Frauensache. Wirtschaftliche Alphabetisierung und politische (Selbst)-Ermächtigung der Frauen sind Voraussetzungen für einen Paradigmenwechsel im ökonomischen Denken und Handeln.


Grisold Andrea (1997): Feministische Ökonomie – eine zweifelhafte Würdigung, in: Ernst Ursula Marianne, Gubitzer Luise, Schmidt Angelika (Hg.): Ökonomie M(m)acht Angst, Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main.

Gubitzer Luise (1997): Die zweite „Große Transformation”, Die Transformation der männlichen Religion und Ökonomie als Perspektive für Frauen, in: Ernst Ursula Marianne, Gubitzer Luise, Schmidt Angelika (Hg.): Ökonomie M(m)acht Angst, Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main.

Eva Klawatsch-Treitl ist Wirtschaftspädagogin und Koordinatorin des Vereins Joan Robinson - Verein zur Förderung frauengerechter Verteilung ökonomischen Wissens.

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