Freiheit im Angebot

Das kleinste Land Zentralasiens steht vor großen Herausforderungen. Eva Maria Bachinger berichtet in ihrer Reportage vom Leben und Hoffen in Tadschikistan.

2.500 Jahre: Chudschand ist eine der ältesten Städte Zentralasiens. Berühmt ist die Stadt für die große Pandschschanbe- Markthalle mit allerlei Früchten, Nüssen, Tüchern und© Aleksandra Pawloff

Die Kälte ist die Hälfte des Jahres über ein stetiger Begleiter. Nicht nur wegen des kontinentalen Klimas, sondern auch, weil Tadschikistan seit 1991 einen anhaltenden Grenzkonflikt mit Usbekistan hat. Der zornige Nachbar hat die Gasleitung einfach gekappt. Holz ist teuer, weil die wenigen Bäume bereits seit Jahrzehnten rigoros abgeholzt werden. Wiederaufforstung gibt es kaum. Die Regierung in der Hauptstadt Duschanbe unter Emomalii Rahmon kümmert sich auch nicht um Alternativen. So sitzt der Großteil der Bevölkerung im Winter in der Kälte. In Hotels wiederum blasen die Klimaanlagen den Gästen im Dauerbetrieb warme Luft entgegen. Der Strombedarf ist dadurch enorm.

„Für die Wohlhabenden gibt es immer Strom aus einer eigenen Leitung, für die vielen Ärmeren fällt er hingegen oft aus“, erzählt Projektkoordinatorin Julia Weber, die für das Hilfswerk Austria International die Region immer wieder bereist.

Die Qualität der Straßen ist ebenfalls schlecht: Im Winter bei starkem Frost wird der Asphalt gesprengt, bei Starkregen wird die Straße einfach weggeschwemmt. Den Straßenbau überlässt die Regierung chinesischen Baufirmen, deren Arbeiter in Containersiedlungen hausen. Unter den schuftenden Männern sollen auch politische Gefangene sein, heißt es.

Wahl der Qual. Präsident Rahmon ist säumig bei der Umsetzung fundamentaler Menschenrechte, berichtet Amnesty International. Kritikerinnen und Kritiker werden verhaftet, eingesperrt und gefoltert. Pressefreiheit existiert nicht. Als 2013 Wahlen stattfanden, änderte Rahmon kurzerhand die Verfassung, um noch einmal antreten zu können. Nur er bekam Wahlplakate und TV-Auftritte. „Die Wahlbehörden wurden nicht in demokratischen Prinzipien geschult. Das Verständnis, dass eine Wahl frei und geheim sein soll, ist auch innerhalb der Familien nicht vorhanden. So kam es vor, dass ganze Familien in eine Wahlzelle gingen“, berichtet Projektkoordinatorin Weber, die auch als OSZE-Wahlbeobachterin fungierte.

Den Menschen jedoch ist die oberflächliche Ruhe im Land nach Jahren der massiven Umbrüche und Konflikte viel wert. Mit dem epochalen Zusammenbruch der sowjetischen Planwirtschaft versank eine ganze Weltanschauung, nun setzen Regierung und Bevölkerung auf die freie Marktwirtschaft.

Fruchtbares Tal. „Die Sehnsucht nach Freiheit und Wohlstand ist groß. Wir wollen mehr Ertrag, mehr Einkommen, damit wir ein Haus für unsere Enkelkinder bauen können“, sagt der Bauer Arkey Nadschmiddinow, der stolz inmitten seiner Familie am Boden sitzt. Er lebt im Ferganatal, wo die berühmte Seidenstraße durchzieht und die Alai-Berge und die Ausläufer des Tian Shan mehr als 5.000 Meter hochragen. Nur 26 Prozent der Fläche von Tadschikistan sind für Landwirtschaft geeignet, alles andere ist karges Hochgebirge. In der fruchtbaren Ebene werden seit Jahrhunderten Baumwolle, Reis, Wein und Marillen angebaut.

Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan teilen sich das Ferganatal – die Grenzziehungen samt Enklaven sind ein Erbe der Sowjetunion und sorgen für Spannungen.

Malika Boimuradowa, Chefin der gemeinnützigen Organisation Asti in Chudschand, engagiert sich besonders für Friedensarbeit in dem Grenzgebiet. Unter dem Motto „Tal des Friedens“ werden immer wieder Treffen sowie Sommercamps für Kinder veranstaltet. „Wir sind alle Zentralasiaten. Es gibt mehr Gemeinsames als Trennendes“, stellt Boimuradowa bei einem Gespräch in ihrem Büro fest.

Geld durch Arbeitsmigration. Die meisten der 7,5 Millionen Tadschikinnen und Tadschiken müssen mit zwei bis drei US-Dollar pro Tag auskommen. Etwa eine Million arbeitet im Ausland, vor allem in Russland. Die Überweisungen an die Familien machen mittlerweile die Hälfte des BIP von 8,6 Milliarden Dollar aus. Doch die Ukraine-Russland-Krise hat Folgen: Der Rubel ist gefallen, die Preise sind gestiegen, sodass die Gastarbeiterinnen und -arbeiter mit ihrem Lohn in Russland nicht mehr überleben, geschweige denn Geld schicken können.

Beim Grenzübergang Guliston zwischen Kirgistan und Tadschikistan, eineinhalb Autostunden von Chudschand entfernt, harren rund 20 Männer in einer Schlange aus. Abgearbeitet und müde wirken sie. Sie kämen gerade zurück von schwerer Baustellenarbeit in Russland, berichtet einer von ihnen.

Um unabhängiger von Auslandsarbeit zu werden, ist das vorrangige Ziel der NGO Asti die Verbesserung der Einkünfte vor Ort. Jede Familie hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nur etwa 0,7 Hektar Land bekommen. Sie werden von der NGO bestärkt, sich zu Kooperativen zusammenzuschließen, wie es Bäuerinnen in Guliston getan haben. Sie versuchen, indem sie ihre Marillen über das Fairtrade-System verkaufen, freier von Zwischenhändlern zu werden und mehr zu verdienen. „Ich habe früher am Markt ein Kilo Marillen um umgerechnet einen US-Dollar verkauft, der Zwischenhändler hat es um drei Dollar weiterverkauft. Ich habe ihn verflucht“, erzählt die Bäuerin Bibichon Abdumannonowa. Die Zeit der Marillenernte ist das einzige Mal im Jahr, dass bei den Familien der Bäuerinnen Bargeld ins Haus kommt.

Große Aufgaben. Die erfolgreiche Arbeit von NGOs führt zu einem Dilemma: Die Regierung verlasse sich auf deren Arbeit und tue wenig, um die Lage zu verbessern, meint der deutsche Experte Mario Donga, der weltweit EZA-Projekte evaluiert. „Für NGOs gibt es zwei Strategien: Entweder müssen sie mehr Bedingungen an die Regierung stellen, oder sie setzen auf die Stärkung der Bevölkerung, um eine Veränderung von unten zu bewirken.“

Die westlichen NGOs sollen, wenn es etwa nach der EU geht, außerdem mithelfen, dem von Afghanistan kommenden Islamismus Einhalt zu gebieten. Derzeit herrscht im Land ein moderater Islam vor, was sich vor allem an den Frauen zeigt: Sie tragen Kopftücher, diese dienen aber eher dem Schutz vor der Witterung oder sind vor allem modisches Accessoire. Durch die monatelange Abwesenheit der Familienväter und Söhne haben sich auch die Geschlechterstrukturen verändert: Nicht wenige Frauen haben in Haus und Hof das Kommando übernommen. Und viele von ihnen versuchen, durch ihre Arbeit eine bessere Zukunft für ihre Familie und letztlich für ihr Land zu erreichen.

Eva Maria Bachinger ist Journalistin und Autorin in Wien. Auf Teileinladung des Hilfswerk Austria hat sie zur kalten Jahreszeit Tadschikistan besucht.

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