Freiwillig draufzahlen

Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb über Kompensation von Emissionen im Flugverkehr.

Frau Kromp-Kolb, Fluglinien bieten an, den klimaschädlichen CO2-Ausstoß durch einen freiwilligen Aufpreis zu kompensieren. Was kann man sich darunter vorstellen?

CO2-Kompensation ist ein Ausgleich. Durch Fliegen verursachte Emissionen sollen an anderer Stelle eingespart werden. Der Kauf eines Zertifikats mit dem Flugticket unterstützt etwa Klimaschutzprojekte, die sich an den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen orientieren. Eine Abgabe von sieben Euro, die zum Beispiel Austrian Airlines vor der Corona-Krise für einen Flug von Wien nach Rabat verlangt hat, reicht dafür aber sicher nicht aus.

Kann ich so mit einem gutem Gewissen einen „CO2-neutralen Flug“ antreten?

Ich fliege seit Jahren nicht mehr, und es bräuchte schon sehr überzeugende Argumente, um mich wieder in ein Flugzeug zu bringen. Gerade die Corona-Krise zeigt, wie viel man auch auf Distanz bewerkstelligen kann.

Als Professorin an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) haben Sie bestimmte Kompensationsprojekte unterstützt. Welche Projekte waren das?

Wir haben immer betont: Zuerst vermeiden, und nur wenn das wirklich nicht geht, dann wenigstens kompensieren. In der Forschung ist das physische Teilnehmen an Tagungen nicht ganz vermeidbar. Die BOKU hat deshalb Kompensationsprojekte entwickelt, die hohen internationalen Standards entsprechen.

BOKU-Projekte sind nicht nur um CO2-Kompensation bemüht, sondern auch um ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Das bedeutet z.B., dass die lokale Bevölkerung in ein Bewaldungsprojekt in Äthiopien eingebunden ist und mitbestimmt, welche Flächen herangezogen und welche Bäume gepflanzt werden.

Ist eine Erhöhung der Flugticketabgabe von zwölf Euro, wie sie derzeit in Österreich geplant wird, eine gerechte Alternative?

Kurzstreckenflüge müssen stärker belastet werden, weil sie pro Flugkilometer mehr Emissionen verursachen und leicht durch andere Verkehrsmittel ersetzbar sind. Die dafür in Österreich geplanten Summen sind aber viel zu niedrig.

Außerdem bedeuten Steuern auch immer, dass sich Wohlhabende Dinge leisten können, die anderen verschlossen bleiben. Flugverkehrssteuern müssten daher durch andere Maßnahmen ergänzt werden – z.B. Flugverbote für Kurzstrecken oder ein Limit der Zahl der Flüge pro Person und Jahr. Ich sehe das ähnlich wie die Essensmarken nach dem Krieg: ein begrenztes Gut muss fair auf die Bevölkerung aufgeteilt werden. Was alles möglich ist, wenn man den Ernst der Lage erkennt, haben wir in den vergangenen Monaten ja gesehen.

Wie kann eine nachhaltige Fernreise aussehen?

So, dass man sich mit der Natur, den Kulturen und den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten der bereisten Länder befasst. Die Anreise selbst wird schon Teil des Vorhabens, die Zeit im Zug, Bus oder auf dem Schiff scheint nicht „verloren“. Durch eine Arbeitszeitverkürzung könnte man ein Jahr voll arbeiten und dann einige Monate reisen. Aber letzten Endes geht es darum, dass wir uns manches eben nicht mehr leisten können.

Interview: Ekaterina Schalmann

Ekaterina Schalmann ist Absolventin des Masterstudiums Human- und Sozialökologie und in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv.

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