Freund und Feind

Warum Feindbilder nur begrenzt von politischem Nutzen sind.

Von Irmgard Kirchner
Der Sturz des Schah-Regimes in Persien, die sandinistische Revolution in Nicaragua, Margaret Thatchers Amtsantritt, die Machtübernahme von Saddam Hussein, die sowjetische Invasion in Afghanistan. Das sind einige Schlüsselereignisse des Jahres 1979.
Ebenfalls im Jahr 1979, vor ziemlich genau 25 Jahren, wurde auch das SÜDWIND-Magazin und sein Herausgeber, der Österreichische Informationsdienst für Entwicklungspolitik (ÖIE, heute Südwind Entwicklungspolitik) gegründet. Damals hieß das Magazin EPN, Entwicklungspolitische Nachrichten.
Die vergangenen 25 Jahre haben viele Anlässe gegeben für Solidarität und Protest, viel Stoff geboten zur Produktion von politischen Freund- und Feindbildern und deren Wandel.

Heute gilt die Solidarität von entwicklungspolitisch engagierten Menschen nur mehr vereinzelt konkreten großen politischen Bewegungen (wie etwa den Zapatisten in Mexiko), sondern - wesentlich allgemeiner - den Armen, Verfolgten und Rechtlosen auf der Welt.
Auch die politischen Gegenspieler sind als handelnde menschliche Personen nicht mehr festzumachen: es sind die internationalen Finanzinstitutionen, die transnationalen Konzerne oder noch pauschaler „die Wirtschaft“, „die Mächtigen“ u.a.m.
Diese Körperlosigkeit mindert jedoch die Eignung zum emotional stark besetzten Feindbild keinesfalls. Es fällt einfach leichter, Feinde zu bekämpfen als Widersprüche zu benennen.
Für George Bushs Manichäismus, das Polarisieren in Gut und Böse, finden wir rasch starke Worte. Abstoßend, wenn jemand beansprucht, gegen das Böse zu kämpfen und damit sich selbst oder die eigenen Interessen zum „Guten“ schlechthin ernennt. Doch derjenige, der dafür Bush dämonisiert, kehrt dessen Prinzip der einfachen Feindbilder einfach um und tappt in die Selbstgerechtigkeitsfalle.
Sich selbst (auch uneingestanden) „auf der guten Seite“ zu wähnen, ist keine Exklusiv-Eigenschaft von George Bush. Sie ist auch unter GlobalisierungskritikerInnen weit verbreitet. Feindbilder taugen zur politischen Aktivierung, doch einer lösungsorientierten Politik stehen sie im Wege. Und die politischen Herausforderungen im Zeitalter der Globalisierung sind gewaltig.

Gestaltungswille im Zeitalter der Globalisierung braucht Werte und Menschen, die für diese Werte eintreten und dabei eine große Bereitschaft zum Dialog zeigen. Menschen, die Kooperationen mit auch ungewohnten Bündnispartnern eingehen und sich mit vermeintlich „feindlichem Denken“ auseinandersetzen und dabei auch über den eigenen Schatten springen.
Wir beschäftigen uns lieber mit Ansichten, die unsere Standpunkte bestätigen, als mit jenen Andersdenkender. Doch damit erstarrt unsere Kritik in verbalen und politischen (Protest-) Ritualen.
Gesellschaftskritik ist nie bequem. Und einfach schon gar nicht im Zeitalter der Globalisierung, in dem der Klassenkampf entlang undefinierter Fronten, an geheimen und fernen Schauplätzen mit ständig wechselnder Besetzung stattfindet.

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