Frieden auf dem Land der Ahnen

Nach der Apartheid geht in Südafrika die Landreform nur schleppend voran. SÜDWIND-Mitarbeiterin Martina Schwikowski besuchte eine Farm, die ihren schwarzen Besitzern zurückgegeben wurde.

Von Martina Schwikwoski
Maurice Moeti Ngakane zieht den Drehstuhl hinter seinem hölzernen Schreibtisch hervor und schaut auf die Stahlregale voller Bücher, die den dunklen Raum füllen. „Dies war eine Dorfschule, als mein Großvater das Grundstück 1912 kaufte.“ Seine braunen Augen blitzen. Goethe, Martin Buber und Nietzsche - das Buchsortiment will nicht dazu passen. „Das ist lange her. Ich habe meine eigenen Bücher aus Amerika mitgebracht.“ Der ergraute Professor der Philosophie und Psychologie weiß um den Effekt seiner Sammlung. „Mein Vater ist hier aufgewachsen, aber ich habe das Haus schon mit fünf Jahren verlassen.“ Er ging zum Studieren nach Johannesburg, später ins Exil. Zurückgekehrt ist er erst 1998, in ein neues Südafrika. Damals war die demokratische Regierung, die das Apartheid-Regime ablöst hat, gerade vier Jahre alt.
Mehr als zwei Jahrzehnte verbrachte der heute 70-jährige Südafrikaner mit seiner Frau Nomsa in den Vereinigten Staaten. „Wir mussten gehen, ich war politisch im Widerstand aktiv.“ Als er seine Heimat verließ, war die Farm des Großvaters in dem Landstrich Boons, nahe dem unscheinbaren Afrikaaner-Ort Ventersdorp in der Nord-West-Provinz, bereits seit Jahren in Besitz „des weißen Mannes“ - eines Buren, der die 1.000 Hektar fruchtbaren Ackerlands für 52.000 Rand (etwa 6.500 Euro) gekauft hatte. „Die Apartheid-Schergen haben die auf dem Land lebende Verwandtschaft auseinander getrieben. Sie gaben ihnen unbrauchbares Land weiter nördlich, mit salzigem Wasser und trockenem Boden“, erzählt Ngakane mit leicht us-amerikanischem Akzent. „Grandpa hat nicht nachgegeben und ist 1965 zwangsweise umgesiedelt worden.“ Ein Schicksal, das Millionen von SüdafrikanerInnen traf und zu Landlosen machte.

Die gesetzliche Grundlage für die Vertreibung war genau ein Jahr nach dem Kauf der Farm, 1913, gelegt worden. Die rassistische Regelung raubte den Schwarzen das Land, auf dem sie lebten. Ihre billige Arbeitskraft war in den Goldminen des Landes zu gebrauchen. Die politische Partei der Schwarzen, der Afrikanische Nationalkongress (ANC), war seit 1960 verboten. Ihr Anführer, Nelson Mandela, saß im Gefängnis wegen angeblichen Hochverrats.
Während Ngakane an den Universitäten in Columbia in Ohio und Sacramento in California unterrichtete, unterdrückte die weiße Minderheitsregierung in Südafrika seine Landsleute mit Mord und Folter. „Ich wäre nie zurückgekommen, hätten wir nicht den Familienbesitz hier gehabt“, sagt er im Brustton der Überzeugung.
Mit der Machtübernahme des ANC 1994 änderte sich die Gesetzeslage, und die Landreform ermöglicht nicht nur ehemaligen BesitzerInnen, ihren Grund und Boden zurückzufordern. Durch die Reform soll auch Land an unterprivilegierte Schwarze umverteilt werden. Den Ärmsten der Armen, den ArbeiterInnen auf weißen Farmen, sollen Land- und Nutzungsrechte eingeräumt werden.

Ein äußerst langsamer Prozess, der sich in den vergangenen zehn Jahren der Demokratie nur im Rahmen von drei Prozent bewegt hat. Anfängliche Ziele nach Empfehlungen der Weltbank lauteten auf 30 Prozent des gesamten Ackerlandes in fünf Jahren. Noch immer befinden sich 80 Prozent davon in weißer Hand. Nun sollen die 30 Prozent bis 2015 erreicht werden. Die Regierung räumt der Umverteilung keine Priorität ein. Mangelnde Personal-Kapazitäten, eine ineffiziente Arbeitsweise sowie Geldmangel verzögern den Prozess, der soziale Ungerechtigkeit und Rassismus aus der Kolonial- und Apartheidzeit berichtigen soll. Am meisten vernachlässigt werden die Bedürfnisse der Ärmsten auf dem Land, der ArbeiterInnen, die seit Generationen auf weißen Farmen leben. Häufig werden sie beim Verkauf oder einer Umstrukturierung der Farm einfach entlassen. Der Farmer überlässt die Verantwortung den Gemeinden, die vertriebenen ArbeiterInnen, falls sie nicht auf einer anderen Farm unterkommen, in Billigwohnungen unterzubringen. Wenn das nicht möglich ist, werden ihre Namen auf eine Liste gesetzt, nach der sie eine Behausung zugewiesen bekommen sollen, was Jahre dauern kann oder nie geschieht. Die Regierung zahlt die Gemeindeverwaltungen für den Häuserbau, doch auch hier fehlt es an konkreten Maßnahmen. Die Landflucht nimmt zu, und immer mehr Menschen siedeln sich einfach auf Staatsland oder ungenutzem Land an der städtischen Peripherie an, um dort häufig jahrelang in der Hoffnung auszuharren, das Stück Land einfordern zu können.

Oftmals verschwindet jedoch ihr Name wegen Korruption von den angelegten Listen und die Polizei droht mit Vertreibung. Viele sind verzweifelt. Andere, wie die verhältnismäßig kleine Landlosenbewegung, radikal. Sie droht mit Landbesetzungen. Dennoch werde die Situation nicht ausufern wie in Simbabwe, meint Edward Lahiff, Mitarbeiter im Programm für Agrar- und Landstudien an der Universtität in Kapstadt. Die Bedingungen seien zwar ähnlich, die soziale Ungleichheit zwinge zur Umverteilung des weißen Besitzes, in Simbabwe 50 Prozent des Ackerlandes. „Die Reform ging in Simbabwe jedoch erst dann schief, als die Regierung gewaltsame Farmbesetzungen ermutigte“, sagt Lahiff. Das werde in Südafrika nicht eintreten. Die Regierung verfahre strikt nach den Gesetzen, und die Zivilgesellschaft sei zudem stärker entwickelt als in Simbabwe. Doch in Südafrika finde eine gerechte Landverteilung mangels politischen Willens nicht statt. „Die Machtübernahme 1994 war ein ausgehandelter Regierungswechsel, und die Besitzverhältnisse sind zwar nicht ignoriert, aber nur unwesentlich angetastet worden. In der Verfassung ist eine Landreform festgeschrieben. Doch niemand ist zur Aufgabe seines Besitzes gezwungen worden“, sagt Lahiff. Die Regierung sei der Auffassung, es sei besser, die weißen Farmer, die zur Wirtschaft beitragen, nicht zu verstimmen, als die soziale Ungerechtigkeit stärker zu bekämpfen.
Für schwarze Farmer sieht trotz des Besitzes von Land die Zukunft nicht rosig aus. Finanzielle Unterstützung für den Kauf von Traktoren, Saatgut und Dünger seitens der Regierung lässt auf sich warten, und angekündigte Trainingsprogramme verzögern sich. Die Landrückgabe an einstige schwarze Besitzer - geschätzte 3,5 Millionen Menschen waren enteignet worden - macht nur einen geringen Teil der Reform aus. Bis zum Ablauf der Antragsfrist an die Regierung im Jahr 1998 gab es 70.000 Fälle, davon wurden bis heute 46.000 erledigt. 600.000 Menschen erhielten entweder ihr Land oder eine Abfindung, falls eine Rückgabe wegen Bebauung unmöglich war. Die ANC-Regierung zahlte dafür insgesamt etwa drei Milliarden Rand (etwa 375 Millionen Euro.)

Das Schicksal des „Amerikaners“, wie er von seinen Nachbarn genannt wird und vor denen er aus Angst vor Ausgrenzung den Professortitel lieber verschweigt, zählt zu den Erfolgsgeschichten der Landreform Südafrikas. „Klipgat“, Afrikaans für Steinloch, ist seit zwei Jahren wieder im Besitz der rechtmäßigen Eigentümer. Ngakane hat im Namen von 200 Familienangehörigen die Farm, benannt nach der steinigen Gegend, beansprucht, und die Regierung zahlte nach Prüfung des Marktpreises 1,2 Millionen Rand an den „weißen Mann“. „Das ist unfair, eigentlich müsste die Partei der Apartheid-Regierung zahlen“, meint Ngakane brüsk.
Für Ngakane zahlt sich der Rückerwerb sicher aus. Beträchtlicher Reichtum ruht in der Erde. Sie wird von einem Diamentengürtel durchzogen. Sein Großvater hatte damals auch Schürfrechte. Jetzt steckt der Enkelsohn in Verhandlungen mit der Regierung und dem Ministerium für Bergbau. Mit viel bürokratischem Aufwand werden die Fakten zur Geschichte der Schürfrechte seit der Enteignung zusammengetragen.
Profitaussichten wirken anziehend wie ein Magnet, und die ausländischen Betreiber einer nahe gelegenen Mine hatten schon illegalerweise nach den Diamanten gegraben. Ngakane will die Schürfrechte sichern und selbst Firmen mit der Grabung beauftragen.

Die Familie hat große Pläne für „Klipgat“. Bald sollen Bohnen und Maispflanzen die Hügel überziehen. Mit der Schweine- und Hühnerzucht haben die Heimkehrer schon begonnen. Die Zukunft des Ngakane-Klans wird von einer klaren Vision getragen, die Arbeitsplätze für die Angehörigen und Verwandten schaffen soll. Konkrete Pläne sind ausgearbeitet, der Bau von Häusern und einer Schule gehören zum Rücksiedlungsplan. „Die dritte Generation wird sich hier wieder ansiedeln“, meint das Klan-Oberhaupt zufrieden. „Meine vier Kinder sind echte Amerikaner, aber zwei sind schon hier.“ Er selbst stapft flink wie ein junger Mann in roten Wildlederschlapfen durch das Gestrüpp, sein Jeanshemd hängt lose über den Hosenbund. Der Mann mit dem grauen Bärtchen blickt mit zusammengekniffenen Augen auf das weite Land seiner Ahnen, das bis zum Horizont reicht. „Da liegt sie.“ Inmitten des weiten Feldes taucht die von kleinen Stahlgittern umrandete Familiengruft auf. „Meine älteste Tochter starb letztes Jahr“, sagt Ngakane. Er öffnet die Tür, bückt sich und wischt mit dem Hemdsärmel ein paar Äste von der grauen Marmorplatte, die neben „Juanita Ngakane“ Platz für weitere Gravierungen lässt. „Hier werden wir ruhen.“ Er lächelt ein wenig versonnen. Der Gedanke erfüllt ihn mit Frieden.

Martina Schwikwoski ist Korrespondentin der deutschen Tagezeitung taz mit Sitz in Johannesburg.

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