Friedenspolitik statt Einfriedung

Gerade in Zeiten von Konflikten und Abschottung braucht es eine frische internationale Friedensbewegung, betont Irmgard Ehrenberger.

Anfang 2011 verfasste der Internationale Versöhnungsbund, anlässlich der Diskussion um die Abschaffung der Wehrpflicht, eine Stellungnahme: „Für eine aktive, gewaltfreie Friedenspolitik ohne Heer“, mit konstruktiven Vorschlägen für ein Modell, das im eigenen Land, in der EU und weltweit einen wegweisenden Beitrag zu gewaltfreier Konfliktlösung, zum Schutz der Menschenrechte, zu größerer Gerechtigkeit und sozialem Frieden zu leisten vermag. Nur vier Organisationen konnten für die Mitunterstützung der Stellungnahme gewonnen werden. Ist Pazifismus nicht mehr zeitgemäß? Darf an der Vorherrschaft des Militarismus nicht mehr gerüttelt werden?

Es kracht in der Welt an allen Ecken und Enden, die Zahl der Toten auf Grund von Kriegen ist dramatisch gestiegen und mit 65 Millionen sind so viele Menschen auf der Flucht wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Dabei ergibt sich ein ambivalentes Bild, die Kluft zwischen Frieden und Unfrieden wird größer: Der Global Peace Index, der den Frieden bzw. Unfrieden anhand von 23 Indikatoren misst, weist darauf hin, dass sich die Werte der friedlichsten Länder 2015 noch weiter verbessert haben, während sich jene der von Gewalt betroffenen Länder weiter verschlechterten. Wenig überraschend wird Europa als der friedlichste Kontinent eingestuft.

Engagement als Hoffnung. Als mit der Ankunft der Flüchtenden im Frühjahr 2015 die Folgen der Kriege Mitteleuropa doch erreichten, konnte sich zunächst auf Grund des überwältigenden Engagements von vor allem jungen Menschen eine Kultur der Empathie und Hilfsbereitschaft etablieren. Das gab und gibt Hoffnung. Letztendlich setzte sich aber die Politik des „Containment“ durch, eine Politik, die Elend und Unfrieden von Europa fernhalten und den – nach eigener Wahrnehmung rechtens erworbenen Wohlstand – sichern möchte.

Ob diese „Einfriedung“ tatsächlich viel mit Frieden zu tun hat, ist zu bezweifeln. Immerhin weist der Friedensforscher Wolfgang Dietrich darauf hin, dass das Wort Friede ursprünglich bedeutet, Fremde als Teil der eigenen Sippe zu behandeln.

In seinem Buch „Variationen über die vielen Frieden“ zitiert Dietrich einen Studenten aus Burkina Faso, der angibt, dass Friede in seiner Muttersprache „frische Luft“ bedeutet. Frische Luft könnte die einzementierte Struktur des Krieges tatsächlich brauchen. Die Zahlen sprechen für sich: 2015 betrugen die weltweiten Militärausgaben 1,7 Billionen US-Dollar. Der Global Peace Index beziffert die direkten und indirekten wirtschaftlichen Auswirkungen von Gewalt auf die globale Wirtschaft mit 13,5 Billionen Dollar, umgerechnet fünf Dollar pro Person und Tag.

Ungleicher Kampf. Dass ein derart destruktives System aufrechterhalten wird, ist wohl auf den jahrzehntelangen Ausbau einer komplexen Struktur von Wirtschaft, Militär, Rüstung und Forschung zurückzuführen, die mittlerweile viele Lebensbereiche erfasst hat. Pazifistinnen und Pazifisten sehen sich nicht in einem Kampf zwischen David und Goliath – der biblische Goliath wirkt direkt putzig gegen dieses Heer von Giganten, die diese Kriegskultur aufrechterhalten.

Was daher dringend vonnöten wäre, ist eine global vernetzte und gemeinsam agierende Bewegung. Auch in Österreich: Das Bundesheer wird mit einer weiteren Milliarde Euro ausgestattet. Für die Einführung ziviler Friedensdienste, die ein Budget von jährlich fünf Millionen Euro benötigen würden, ist kein Geld da.

Warum? Welcher Konflikt konnte seit dem Ende des Kalten Krieges militärisch zufriedenstellend gelöst werden? Welcher Genozid wurde verhindert? Welche Intervention hat eine Verbesserung der Lage für die Menschen vor Ort gebracht? Und ist nicht der internationale Terrorismus seit der Ausrufung des „Krieges gegen den Terror“ stetig angestiegen?

Es ist höchste Zeit, aus der Spirale von Aufrüstung und Krieg auszusteigen – nicht trotz der vielen Kriege und Bedrohungen, sondern wegen ihnen.

Irmgard Ehrenberger ist Geschäftsführerin des Internationalen Versöhnungsbundes und verantwortlich für die Programme „Friedenspräsenz in Kolumbien“ sowie „Frieden denken - Frieden leben“.

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