Friseur mit Herz und sozialer Ader

Für Yochai Mevorach aus Israel geht es in seinem Beruf vor allem um sozialen Austausch und Offenheit. Seinen Wiener Salon „Folgeeins“ und den Verein „Haarfee“ hat er ganz darauf ausgerichtet.

Von Leander Kränzle

© Christina Schröder / SWM

Im Salon „Folgeeins“ im siebten Wiener Bezirk Neubau läuft Besitzer Yochai Mevorach geschäftig auf und ab. In einem großen, stilvoll mit Kunstwerken eingerichteten Raum voller Spiegel spielt laute Musik. In der Mitte steht eine Bar, an der die KundInnen vor dem Haarschnitt eine Melange oder Sekt trinken und sich unterhalten können, ehe sie Mevorach locker „per Du“ begrüßt und sich nach ihrem Wohlergehen und ihren Wünschen erkundigt. Von den meisten Kundinnen und Kunden kennt er den Namen, die Geschichten und Geschmäcker. „Der Salon ist ein sozialer Ort. Im Gespräch erkenne ich den Charakter und somit, welchen Style der Kunde oder die Kundin braucht“, erklärt Mevorach.

Nur selten würden diese seine Ideen nicht annehmen. Bei einem so identitätsstiftenden Element wie der eigenen Frisur ist Vertrauen, Einfühlungsvermögen und Expertise gefragt.

Zentraler Treffpunkt. Für Mevorach betrifft der soziale Aspekt aber nicht nur die Wahl der Frisur. In Israel, der Heimat des 40-Jährigen, gehört es zur Alltagskultur, einmal in der Woche zum Friseur zu gehen, auch nur, um sich die Haare waschen und stylen zu lassen. Das kann sich fast auch jede und jeder leisten, weil es vergleichsweise günstig ist.

Der Friseursalon ist ein viel frequentierter und zentraler Treffpunkt unterschiedlichster Kulturen und Einstellungen, als Ort für Bekanntschaften, Nachrichten und Klatsch.

Diese Funktion ist in Österreich nicht so wichtig oder tritt zunehmend in den Hintergrund, befürchtet Mevorach.

Seine ersten Erfahrungen als Friseur in Österreich, im ersten Wiener Bezirk, haben ihn richtiggehend abgeschreckt: „Da bist du teilweise nur Dienstleister“, erklärt er. „Oft sprechen die Menschen nur das Nötigste, sie zahlen und sind weg, erst recht, wenn du kein gutes Deutsch sprichst.“

Style-Forscher. Mevorach ist seit zehn Jahren in Österreich. Er wuchs zusammen mit seiner Mutter und vier Schwestern in Jerusalem auf. Den Barbies der Schwestern habe er damals schon gerne die Haare frisiert, erzählt er. Schon mit 15 Jahren arbeitete er als Aushilfe in zahlreichen Salons und machte zugleich eine Ausbildung zum Friseur.

Jeden Monat ließ er sich woanders die Haare schneiden, um neue Kontakte zu knüpfen und die unterschiedlichen Haarkulturen kennenzulernen. Orthodoxe Jüdinnen etwa besuchten eigene Salons, besonders in Jerusalem. Ihre Frisuren durften nicht zu auffällig sein und nur von Frauen geschnitten werden.

Ein Jahr später verließ Mevorach das Elternhaus, und als es ihn ins Nachtleben Tel Avivs zog, sah er neue Trends: Viele Frauen wählten Kurzhaarfrisuren, um ihre Emanzipation zu unterstreichen. Aber auch aufwendige Hochsteckfrisuren zur Ballsaison oder zu Hochzeiten sowie das Blondfärben wurden immer beliebter.

Als Mevorach schließlich mit 18 Jahren nach Amsterdam auswanderte, war er von der Schlichtheit der dortigen Frisuren überrascht. Er führt dies unter anderem auf Einflüsse des reduktionistischen Calvinismus in den vorwiegend protestantischen Niederlanden zurück. „Die Looks waren dementsprechend schlichter als etwa im Süden“, stellt Mevorach fest.

Der renommierte Amsterdamer Salon „Hot Heads“, in dem er sich zum Partner hocharbeitete, war ganz anders. Mevorach schwelgt in Erinnerungen an „die stylische Location“ und SchauspielerInnen als KundInnen, wenn er von dieser für ihn „legendären“ Zeit erzählt.

Neues Glück in Wien. 2010 war es die Begegnung mit seinem jetzigen Lebenspartner, die ihn schließlich nach Wien führte. Nachdem er sich einige Jahre in verschiedenen Salons eingemietet hatte, übernahm er schließlich den Salon „Folgeeins“ in Wien-Neubau – und fand auch beruflich sein Glück: „Die Menschen sind hier auf Du und Du mit dir, es geht sehr persönlich zu.“

Aktuell arbeitet Mevorach zusammen mit acht MitarbeiterInnen mit ganz unterschiedlichen Backgrounds.

Einer von ihnen ist der Friseur Kawa Hourik, der 2015 aus Syrien geflüchtet ist. Der Einstieg bei „Folgeeins“ war für ihn der Start in die Arbeitswelt in Österreich. Vom Ambiente des Salons, mit vielen sozialen Kontakten, profitiert er.

Mevorach ist Weltoffenheit ein Anliegen: „Jeder Mensch, der aufgeschlossen ist, bereichert meinen Salon. Woher jemand kommt, ist völlig unwichtig.“

In Bezug auf sein Spezialgebiet betont er: „Welche soziale Funktion Haare haben, ist kulturell unterschiedlich, aber dass sie eine soziale Funktion haben, ist universal“, resümiert er, geht zur Bar und begrüßt die nächste Kundin.

Leander Kränzle studiert Kultur- und Sozialanthropologie an der Uni Wien und berichtet als freier Journalist über Migrationsgeschichten und kulturelle Praxis.

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