Für alle Sinne

Geistvolle Literatur tut nicht nur dem Herz, sondern auch dem Hirn gut. Der Buchhändler unseres Vertrauens gibt für Weihnachten entsprechende Gesundheitstipps.

Von Rudi Lindorfer

HirnforscherInnen haben herausgefunden, dass beim Lesen „geistvoller“ Literatur das Gehirn viel mehr beschäftigt wird als selbst beim intensiven Studieren eines Fachbuches. Den Begriff „schöngeistig“ vermeide ich absichtlich, weil „schön“ oft Geschmacks- bzw. Interpretationssache ist, als „geistig“ oft auch einseitige Suaden bejubelt werden. Ein Roman zum Beispiel fordert von unserem Gehirn, ständig Verbindungen zum realen Leben herzustellen und fordert alle Sinne, inklusive des Un-Sinns, heraus; in unserem Kopf wird kreuz und quer geschaltet, aber es tut nicht weh – im Gegenteil! Je mehr wir unser Gehirn beschäftigen, desto wacher fühlen wir uns, selbst wenn uns das Gelesene entsetzt, deprimiert oder niederschmettert. Nach dem Lesen geistvoller Literatur – das meine jetzt ich – bekommt man auch kaum die Gelegenheit, mit dem Inhalt zu protzen, denn ein Roman, ein Gedicht oder eine Erzählung lassen die Welt in all ihren Facetten aufgehen und die Lesenden müssen selbst sich in ihr zurechtfinden.

Etwa in den köstlich schrägen, magisch realen Thursday Next Bänden (unbedingt der Reihe nach lesen und aus Erfahrung empfehle ich, vor Beendigung eines Bandes immer schon den Folgeband zur Hand zu haben) von Jasper Fforde, die pures Lesevergnügen für alle sind, die schon immer mehr über die Abläufe in der Welt der Bücher wissen wollten. Thursday Next ist Literatur-Detektivin, die in der realen Welt gegen einen Konzern, der die Weltmacht anstrebt, ebenso kämpfen muss wie gegen einen faschistoiden Politiker, der der Buchwelt (nicht der Südwind Buchwelt!) entsprungen ist. Sie kann in Bücher „einsteigen“, und wenn sie den LeserInnen zum Beispiel in Franz Kafkas „Prozess“ begegnet, dann deshalb, weil ihr in diesem Buch ein Prozess gemacht wird und sie zu spät in Deckung gegangen ist!

Phantastisch und real ist auch Fernando Contrera Castros anrührender Roman „Der Mönch, das Kind und die Stadt“. In San José, Costa Rica, wird in einem Bordell Poliphem geboren, mit einem Auge, das auf seiner Stirn sitzt. Der da lebende Mönch Jerónimo bringt ihm im schützenden Bereich des Hauses erst die Welt so bei, wie er sie aus alten Büchern kennt; dann erkunden sie gemeinsam, Poliphem sein Auge mit einer Baseballkappe tarnend, das Leben in den Straßen der Stadt.

Eine großartige Satire über die Welt der wenigen „da oben“ und der vielen „da unten“ ist mit „Herr der Krähen“ Ngugi wa Thiong’o gelungen. In der „Freien Republik Aburiria“ soll ein „Turm zu Babel“ mit Hilfe von Geldern der Global Bank errichtet werden. Stinkendes Geld, Weiß-Wahn, irrationale und rationale Ängste vor Zeichen und Zauberei, vor Willkür und Folter. Ngugi wa Thiong’o, zu Recht seit Jahren nobelpreisverdächtig, zieht alle Register seines Könnens und rechnet mit den Despoten und ihren Speichel leckenden, korrupten Ministern, Helfern und Helfershelfern ab. Und zu letzteren zählt er auch die Machtzentren der globalisierten Welt.

Eine von mir bislang unterschätzte Gattung der Literatur ist die Graphic Novel. In „Habibi“ erzählt Craig Thompson einfühlsam und spannend die tragische Geschichte zweier Sklavenkinder, der etwas älteren Dodola und des kaum dem Kleinkindalter entwachsenen Zam, die der Zufall in einer Wüstengegend zusammenführt. Dodola sichert jahrelang ihrer beider Überleben, indem sie ihren jungen Körper Männern vorbeiziehender Karawanen gegen Lebensmittel anbietet, bis sie entführt und in den Harem des Sultans verkauft wird. Zam macht sich auf die Suche, findet sie nach vielen Jahren, aber auch er ist an Leib und Seele verwundet.

Die Kunst Craig Thompsons ist, dass er in den Erzählstrang, der in unserer Zeit handelt, das gemeinsame Erbe von Islam und Christentum nach- und aufzeichnet, dabei höchst kunstvoll die Geschichte der arabischen Schrift deutet und in die Handlung mit einbezieht. Ein vielschichtiger, kunstvoll und klar gezeichneter Roman, auf den die bei uns oft gebrauchte Bezeichnung „Comic“ ganz und gar nicht zutrifft. Nur das märchenhafte Ende stimmt versöhnlich mit der Welt. In diesem Sinne wünsche ich spannende und vergnügliche Hirnarbeit, nicht nur zu den Feiertagen.

Rudi Lindorfer ist Buchhändler bei Südwind Buchwelt in Wien.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen